Landtagswahl in Brandenburg: Hier können alle mit allen, außer der AfD

Jana Hensel

Beim Auftritt der Spitzenkandidaten in Brandenburg zeigt sich: Hier können alle mit allen, außer der AfD. Diesen Pragmatismus kann der Osten gebrauchen.

Sieben Spitzenkandidatinnen und -kandidaten wollen Brandenburg regieren. © Gregor Fischer/​dpa

Brandenburg geht so: Da steht man ziemlich allein und ein wenig orientierungslos auf dem Alten Markt in Potsdam und sucht das Gebäude, in dem am Abend einer der wichtigsten Termine des hiesigen Landtagswahlkampfes stattfinden soll. Die Märkische Allgemeine Zeitung hatte alle sieben Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten zum Lesergespräch eingeladen. Ja, tatsächlich sieben! So sind die Verhältnisse hier inzwischen. Die Veranstaltung war sofort restlos ausverkauft. Aber entweder ist eine halbe Stunde zuvor noch keiner da oder alle Besucher sitzen schon viel zu früh drinnen im Saal auf ihren Stühlen. Eigentlich hatte man Menschenmassen auf dem Platz davor erwartet.

Zum Glück kommt Ingo Senftleben von der CDU, der nach den neusten Umfragen die meisten Chancen hat, neuer brandenburgischer Ministerpräsident zu werden, angeschlendert. Den kann man ja mal nach dem Weg fragen. Kurze Zeit später trippelt Ursula Nonnemacher von den Bündnisgrünen herbei, die am Wochenende in eher verschlungenen Worten bekannt gab, auch für das Amt der Ministerpräsidentin bereitzustehen. Als erste Grüne der Nachwendezeit, nebenbei gesagt. Sie grüßt und stellt sich daneben. Wie aus dem Nichts taucht Kathrin Dannenberg von der Linkspartei auf, die Damen umarmen sich, alle anderen begrüßen sich freundlich. Wenige Sekunden später stellt sich auch noch Dietmar Woidke, der SPD-Amtsinhaber, daneben, nur Andreas Kalbitz von der AfD hält ein paar Meter Abstand. Seine Partei führt die Umfragen im Moment an, aber da hier anders als in Sachsen eher alle mit allen können, hat er nicht die geringste Chance, in die Regierung zu kommen. Er wird auch den ganzen Abend lang der Außenseiter bleiben.

Politik in Brandenburg scheint eher eine Art WG zu sein. Alle kennen sich, die meisten sind nett zueinander, niemand rennt wortlos an den Kontrahenten vorbei oder versucht, durch einen Hintereingang ungesehen ins Gebäude zu kommen. Im Gegenteil, man bildet gleich ungefragt einen großen Kreis.

Volksparteien gibt es hier schon jetzt keine mehr

In Brandenburg ist nach der Landtagswahl am 1. September schlicht alles möglich: Hinter der AfD liegen CDU, SPD und Grüne dicht gefolgt von der Linkspartei nahezu gleichauf. Eine solche Situation ist in Deutschland völlig neu und beweist nicht zuletzt, wie spannend Politik im Osten im Moment ist, wie viel nach der Flüchtlingskrise 2015 und dem Erstarken der AfD hier in Bewegung geraten ist. Auf das Ende der Volksparteien muss man hier nicht mehr warten, es ist längst eingetreten. Brandenburg ist daher tatsächlich eine Art Labor geworden, auch weil der CDU-Mann Senftleben nicht einmal eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei ausgeschlossen hat. In seiner Partei ist so eine Position selbstverständlich umstritten, auch im eigenen Landesverband wird er dafür mächtig kritisiert. Aber ist es nicht genau jener Pragmatismus, den der Osten, der politisch anhaltend so anders tickt, braucht? Eigentlich schon längst gebraucht hätte?

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