"Lara": Jan-Ole Gersters zweiter Film glänzt als feinsinniges Porträt

(jom/spot)
Corinna Harfouch verkörpert die Titelrolle in "Lara" (Bild: STUDIOCANAL / Frederic Batier)

Regisseur Jan-Ole Gerster (41) bringt nach seinem erfolgreichen Schwarz-Weiß-Spielfilmdebüt "Oh Boy" (2012) seinen zweiten Kinofilm "Lara" auf die Leinwand. Brillierte in seinem Erstlingswerk Tom Schilling (37) als zielloser Berliner Ex-Student, gelingt in seinem zweiten Stück Corinna Harfouch (65) in der Titelrolle eine gelungene Darbietung einer scheinbar gefühlskalten Frau, die sich eines verlorenen Lebenstraums bewusst wird.

Ein Geburtstag gerät außer Kontrolle - Darum geht's

Nach vielen Wochen ohne Kontakt treffen Lara (Corinna Harfouch) und Sohn Viktor (Tom Schilling) wieder aufeinander (Bild: STUDIOCANAL / Frederic Batier)


Zu ihrem 60. Geburtstag beschließt Lara Jenkins (Corinna Harfouch): "Ich habe 59 Geburtstage hinter mir, ich möchte endlich mal was anderes machen." Da kommt es der frühpensionierten Beamtin gelegen, dass ihr Sohn Viktor (Tom Schilling) an ihrem Ehrentag ein wichtiges Klavierkonzert in ihrer Heimat Berlin gibt. Der Pianist ist seit Wochen nicht mehr erreichbar und nichts deutet daraufhin, dass Lara bei der Aufführung willkommen ist - obwohl sie ihn immer gefördert und seine Musikkarriere forciert hat. Doch sowohl ihr Ex-Ehemann als auch ihre Mutter hatten sie wiederholt darauf hingewiesen, dass sie zu streng zu ihm sei.

Kurzerhand kauft sie alle Restkarten und verteilt sie an Menschen, denen sie an diesem Tag begegnet. Doch als sie vor dem Konzert ihrem Sohn einen Besuch abstattet, geraten die Geschehnisse außer Kontrolle. Am Ende bröckelt die Fassade der eiskalten Frau, die eigentlich nur einen Wunsch im Leben hatte.

Berührendes Ein-Frau-Stück mit Idealbesetzung

Das Konzert ihres Sohnes stürzt Lara ins Gefühlschaos. (Bild: STUDIOCANAL / Schiwago Film)


Der Film spielt an einem Tag in Berlin und Laras Erlebnisse werden in kurzen Episoden erzählt. Dank Blaz Kutins klugen Drehbuchs kommt ihr Innerstes erst nach und nach zum Vorschein. Die Vielschichtigkeit des Charakters sorgt besonders zu Anfang und gegen Ende für die Spannung des Films. Da ist zum einen ihre Strenge und Distanz und die daraus resultierenden verqueren Beziehungen zu ihren Mitmenschen - allen voran zu ihrem Sohn. Da ist zum anderen ihre Einsamkeit und Verletzlichkeit und die immer deutlicher werdende Identitätskrise. Besondere Momente gelingen mit Laras zynischen Kommentaren gegenüber ihren Mitmenschen und den tragikomischen Situationen, die sie damit erzeugt.

Das angespannte und zwiespältige Mutter-Sohn-Verhältnis, das stark mit der Welt der klassischen Musik verbunden ist, wird zur Mitte des Films in den Mittelpunkt gerückt. Ihr Sohn ist als erfolgreicher Pianist der Mutter für die frühe musikalische Erziehung dankbar, andererseits hat ihre Strenge und Unnachgiebigkeit dazu geführt, dass er sich von ihr abgewendet hat. Bei ihren Begegnungen sind die Spuren der Vergangenheit deutlich zu spüren. Gerne würde man mehr über das gespaltene Verhältnis erfahren, doch auf eine tiefergehende Beleuchtung ihrer Beziehung wird verzichtet - es bleibt der einzige Wermutstropfen im Film.

Mit Corinna Harfouch ist die Protagonistin perfekt besetzt. Die Widersprüchlichkeit der gescheiterten Persönlichkeit zelebriert sie in all ihren Facetten - mal gefühlskalt, mal verletzt - ohne große Gesten, dafür mit vielsagender Mimik. Durch die statischen Kamerabilder gewinnt diese obendrein an Intensität. Neben der ersten Zusammenarbeit mit Harfouch setzte Gerster glücklicherweise zum zweiten Mal auf Tom Schilling, der die Rolle des gehemmten Pianisten voller Zweifel, der seine Mutter verehrt und gleichzeitig sich von ihr distanziert, gekonnt umsetzt und dem Ein-Frau-Stück einen starken Part schenkt.

Fazit

Das Warten hat sich gelohnt: Sieben Jahre nach seinem Debüt hat Jan-Ole Gerster mit "Lara" erneut einen Film geschaffen, dem eine intensive Charakterstudie ohne viel Aufhebens, dafür mit starken Bildern und feinsinnigen Dialogen gelingt. "Lara" handelt vom Scheitern, vom Bedauern und vom Drang, es besser machen zu wollen. Um das zu erzählen, reichen dem Film wenige Episoden. Denn am Ende kann ein Tag ein ganzes Leben erzählen.