Lars Eidinger bei "Inas Nacht": "Ich google mich einmal am Tag selber"

Maria Timtschenko
Freie Journalistin

Gastgeberin Ina Müller hatte Samstagnacht im Schellfischposten zwei Menschen zu Besuch, die nicht gerade für ihren Witz bekannt sind. Trotzdem wurde es eine der interessantesten und spaßigsten Sendungen seit langem. Die Polittalk-Moderatorin Anne Will und der Schauspieler Lars Eidinger bereicherten die Show mit Intelligenz und trockenem Humor.

Anne Will ist sehr gut darin, einen Wellensittich zu imitieren. Ina Müller kann höchstens Eichhörnchen nachmachen.

Anne Will hat nur eine Regel für ihren Abend bei “Inas Nacht” festgelegt: Sie will nicht singen. Doch als Gastgeberin Ina Müller ihr zur Begrüßung ein Karneval-Liedchen schmettert, kann auch die sonst so ernst schauende Moderatorin nicht mehr an sich halten – ein bisschen Lippenbewegung sieht man dann schon.

Denn Anne Will, wer hätte es gedacht, ist großer Karneval-Fan. Als geborene Kölnerin ist sie sogar schon einmal auf einem der Umzugswagen mitgefahren und hat Kamelle in die Menge geworfen. “Aber ich würde so gern nochmal mitfahren”, sagt Will.

Mit ihr spricht Ina Müller über die Kindheit, in der Will anscheinend als Quasselstrippe auffällig wurde und damit ihre Mutter nervte. Außerdem spielte sie gern mit ihren Brüdern und deren Freunden Fußball auf dem Hof. “Natürlich war ich nicht gut, aber ich konnte schnell rennen und war dadurch irgendwie einsetzbar”, erzählt sie. Und mit 19 Jahren kaufte sich Anne Will einen grünen Käfer, um als Reporterin für die Kölnische Rundschau über den längsten Rettich des Kreises zu schreiben: “Das war Journalismus genau wie ich ihn mir damals vorgestellt habe.” Draußen sein und jeden Tag etwas anderes machen – das sei genau ihr Ding gewesen. Heute dagegen interessierten sie die Politikthemen, die sie bespricht zwar weit mehr, aber das Setting sei immer gleich.

Wenn Angela Merkel deinen Kuli missbraucht

“Hast du dir während der Sendung schon mal gedacht: `Oh Gott ist das langweilig`?”, fragt Ina Müller. “Ja”, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen. In solchen Situationen oder bei aktuellen Themenentwicklungen habe sie dann einen Mann auf dem Ohr, der sie mit Infos füttert oder aber auch nur sagt: “Anne, guck nicht so böse.”

Die interessanteste Geschichte erzählt Will allerdings von einem Interview mit Angela Merkel. “Ich spreche gern mit ihr. Sie ist freundlich und ungewöhnlich unkompliziert, auch nach so langer Kanzlerschaft.” Aber einmal habe Merkel bei einem Radiointerview mit einem silbernen Kugelschreiber die Kohlensäure aus ihrem Wasserglas gerührt. “Den Kugelschreiber hatte mir mein Vater geschenkt, ein alter Mont Blanc. Nachdem Angela Merkel fertig mit Umrühren war, fragte sie mich erschrocken: Oh, war der teuer? Und ich sagte: Allerdings!”

Der zweite Gast des Abends ist Schauspieler Lars Eidinger, lässig behängt mit einer Perlenkette, die sehr nach Dolce und Gabbana aussieht. Später holt er noch eine pinke Glitzersonnenbrille heraus, von der er sagt, sie sei von Yves Saint Laurent. Die Nägel hat er schwarz lackiert, er trägt einen dicken Ring am Finger, ansonsten Strickjacke und Schlabbershirt. Schnell wird klar: Dieser Gast setzt sich lieber in Szene anstatt sich anzupassen.

Lars Eidinger performt “Nie zu spät” von den Ärzten und lässt dabei eine Konfettikanone platzen.

Ina Müller und Lars Eidinger – das scheint nicht das perfekte Team zu sein. Müller stellt Fragen, die Eidinger, so hat es den Anschein, für zu banal und uninspiriert hält. “Ich will dir ja nicht in dein Konzept grätschen, aber du klapperst hier ganz schön Google-Wissen ab”, sagt er, als sie ihn fragt, ob es stimme, dass er sich nicht bräune, weil Hamlet nicht braun war. Kurz danach wird klar, warum er so gut weiß, was über ihn bei Google steht: “Ich google mich jeden Tag einmal selbst.” Müller ist schockiert: “Ich nicht!” “Ja, weil da nichts steht”, kontert Eidinger.

Eidinger hat mittlerweile fast 300 Mal den Hamlet auf der Bühne gespielt. Dabei ist er einer dieser Schauspieler, die mit dem Publikum sprechen. Wenn einer auf Toilette geht oder aus anderen Gründen den Raum verlässt, muss er sich vor Eidinger erklären. Das ist für den Betroffenen peinlich, manchmal aber auch für Eidinger auf der Bühne: “Gerade bei der Stelle `Sein oder nicht sein` hat ein Mann im Publikum laut gestöhnt. Ich habe ihn gefragt, was das soll. Da ist er zur Seite weggekippt”, erzählt Eidinger. Es stellte sich heraus: Der Mann hatte einen Herzinfarkt.

Eidinger sieht sich als modernen Kinski

Eidinger ist kein leichter Gesprächspartner, besonders dann nicht, wenn für lange tiefer gehende Antworten in einem Showkonzept kein Platz ist. Da beginnt der Schauspieler kurz zu erzählen, dass er daran glaube, dass man jeden Morgen ein anderer Mensch sei oder das “Hamlet” elementare Probleme auf die Bühne bringe, die keine Generation je überwinden könne – da stellt Ina Müller schon eine neue Frage: Ob er seine Kopfschmerzen durch Sex mit seiner Frau kuriere. (Nein)

Lars Eidinger will ein bisschen Kinski sein. Deswegen spuckt er schonmal einem Schauspielkollegen auf der Bühne ins Gesicht. “Alle finden Kinski toll, aber wenn man dann selber mal so in die Richtung schlägt, wird das nicht gutiert”, sagt er. Der Kollege jedenfalls drohte, ihm den Arm zu brechen, solle er so etwas nochmal tun. Eidinger versteht das nicht. Es sei ja schließlich Hamlet gewesen, der ihn dort angespuckt habe. “Aber mit deiner Spucke”, sagt Ina Müller. Vielleicht sind sie doch ein gutes Team. Denn wenn etwas abgehobene Tiefsinnigkeit auf bodenständige Trivialität trifft, ist die Mischung genau richtig.

Foto: ARD / NDR