Leitkultur ist kein Warenhauskatalog

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Innenminister Thomas de Maizière hat die Debatte um eine deutsche Leitkultur neu entfacht (Bild: dpa)

Bundesinnenminister Thomas de Maizière wirbt für eine Leitkultur in Worten – und scheitert beim ersten Versuch. Ist nicht schlimm, mit ein bisschen Demut klappt es vielleicht beim nächsten Mal.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Eines muss man dem Minister lassen: Die Leitkultur eines Landes in zehn Punkte pressen zu wollen, das ist wirklich ziemlich deutsch. De Maizière hat versucht einzufangen, was deutsch ist, was unsere Kultur formt und formen sollte. Eigentlich ist es nicht sinnlos, sich darüber Gedanken zu machen. Nur begehen wir einen, auch recht deutschen, Fehler und entwerfen keine Leitkultur, sondern ein Bild derselben wie aus einem Warenhauskatalog. Alles glänzt, alles ist super.

Damit machen wir uns nur etwas vor und offenbaren ungewollt, was deutsch ist.

Ich habe vor kurzem einen AfD-Funktionär gefragt, was für ihn deutsch sei, da sagte er Platitüden auf wie Pünktlichkeit, Fleiß und Ehrlichkeit. Derart flach ist es bei de Maizière nicht geraten, aber auch er fällt in Wunschdenken zurück, welches uns nicht wirklich nach vorne bringt; und dies soll doch der Sinn einer formulierten Leitkultur sein. Im Ansatz scheitern, nennt man das.

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Eine echte Leitkultur würde sich auch mit unseren Schwächen auseinanderzusetzen. Nicht, wie manche Rechte gleich unken werden, um sich in Selbstmitleid und fehlender Selbstacht zu suhlen, um einer Anti-Stimmung zu frönen, sondern um das Zusammenleben in Deutschland zu verbessern. Hierfür bräuchte es eines offenen Ansatzes, und den haben bisher alle Politiker vermissen lassen, die seit 20 Jahren eine Debatte über deutsche Leitkultur bemühen.

Die Polonaise kann beginnen

Schauen wir uns mal an, was dem Bundesinnenminister in seinen zehn Punkten eingefallen ist. „Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand“, schreibt er unter EINS. Und weiter: „Wir sind eine offene Gesellschaft. Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka.“ Interessant. In welchem Land sagt man nicht seinen Namen? Mir fällt nur Hogwarts und Lord Voldemort ein, da gibt es Probleme mit der Namensnennung. Und das mit dem Handgeben, nun, im Osten praktiziert man es häufiger als im Westen, die Älteren schütteln eher als die Jüngeren. Oder meint der Minister die wirklich wenigen Fälle, wo fanatische Religiöse den Handschlag verweigern? Gibt es von ihnen so viele, dass sie in einem Zehn-Punkte-Plan Aufnahme finden sollen? Wohl kaum. Und das Zeigen des Gesichts ist nun alles andere als deutsch – im Gegenteil: Hier schaut man viel mehr weg als in anderen Ländern. Unsere Leitkultur ist der sture Blick in die Ferne, besonders, wenn uns ein Fehler unterlaufen ist und jemand uns darauf aufmerksam macht. Und schließlich scheitert auch de Maizières Versuch, sich in BILD-Sprache auszudrücken, denn „Wir sind nicht Burka“ ist eine falsche Abgrenzung; was, wenn eine deutsche Konvertitin, vielleicht 15 Jahre alt, gegen ihre altlinken Eltern rebelliert und sie schockt, in dem sie eine Burka anlegt – ist das nun etwa nicht ziemlich deutsch? Abgesehen davon, dass es noch weniger Burka-Trägerinnen in Deutschland geben wird als den Handschlag verweigernde Männer. Wir waren also vielleicht mal Papst. Der Bundesinnenminister sollte aber mehr darüber nachdenken, was wir alles sind – und keinen erhobenen Zeigefinger auf Muslime richten.

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Bei Punkt ZWEI heißt es: „Wir sehen Bildung und Erziehung als Wert und nicht allein als Instrument.“ Und bei Punkt DREI: „Wir sehen Leistung als etwas an, auf das jeder Einzelne stolz sein kann.“ Ferner bei Punkt FÜNF: „Wir sind Kulturnation. Kaum ein Land ist so geprägt von Kultur und Philosophie wie Deutschland… Es ist selbstverständlich, dass bei einem politischen Festakt oder bei einem Schuljubiläum Musik gespielt wird.“ Schließlich bei Punkt SECHS: „In unserem Land ist Religion Kitt und nicht Keil der Gesellschaft.“

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Wer diese Bestimmungen liest, muss sich denken: Sapperlott, das sind tolle Hechte, diese Deutschen. Oder ihm geht durch den Kopf: Im welchen Land ist das nicht so? Es ist ein Trugschluss anzunehmen, in Deutschland werde Bildung, Erziehung, Leistung, Philosophie und Musik besonders viel wertgeschätzt. Vielleicht ist es ein typisch deutscher Trugschluss.

De Maizière entwirft einen Katalog, wie er sich und uns gern sähe, ihm gelingt eine beeindruckende Demonstration von Autosuggestion. Das nennt man Marketing, ein echtes Made in Germany.

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