Lena Jeckel: Zwischen Anspruch, Zuspruch, Einbruch und Aufbruch

Ulrich Stock

Hilft Improvisation in der Behörde? Die Jazzbassistin Lena Jeckel leitet den Fachbereich Kultur der Stadt Gütersloh. Besonders jetzt ist ihr Talent gefragt.

"Wir wissen nie, was geschieht", sagt Lena Jeckel über das Spielen mit der Band. In Improvisation ist sie geübt. © Ulrich Stock für ZEIT ONLINE

In unserer Reihe "Und jetzt Jazz!" schreibt der ZEIT-Reporter Ulrich Stock in loser Folge über Musiken am Rande der medialen Aufmerksamkeit. Jeder Text kann gelesen werden als Teil einer unendlichen Recherche über Jazzdenken, Jazzmachen und Jazzleben.

… und es ja die Frage ist, was hören und sehen wir eigentlich noch jenseits unserer häuslichen Schirme mit den Infotröpfchen aus dem weltweiten Netz? Ich war als Jazzreporter vor einigen Wochen in Gütersloh, als Zweitagesgast, und wenn ich das jetzt mit etwas Abstand so hinschreibe, dann schaudert's mich fast, dann klingt das nach einer riskanten Expedition, aber ich kann Sie beruhigen: Das war vor Corona! Da konnte man noch hinfahren, wohin man wollte, unmaskiert in den Zug steigen und für drei, vier Stunden des Unterwegsseins unbesorgt durchatmen.

Ja, es war die Expedition in eine Gegenwart, die im Moment der Bereisung noch als unbestimmt fortdauernd erlebt wurde und erst jetzt als gründlich vergangen identifiziert wird. Das Kulturleben ist überall implodiert, so auch in Gütersloh, und in der textlichen Rekonstruktion schimmert die Frage durch, ob es wieder so werden wird, wie es war, demnächst, bald oder irgendwann.

Ankunft in der Bahnhofshalle: "Willkommen in Gütersloh!" Man kennt solch ein an die Wand gepinseltes Hallo, findet es an Orten, an denen Zeit Geld ist, niemand Zeit für Persönliches hat und Zugereiste trotzdem irgendwie angesprochen werden sollen. "Danke, Gütersloh", möchte ich gleich dazuschreiben, als mein Blick auf das riesige Wort fällt, das hinter dem Schriftzug prangt: Miele.

Ist das nicht Italienisch? Heißt das nicht Honig? Ist Gütersloh die Stadt, in der Milch und Honig fließen? Ein schöner Gedanke, wenn man das städtische Kulturamt besuchen will. Wo die Gewerbesteuer sprudelt, wird nicht am Hungertuch genagt werden müssen. Gütersloh, 100.000 Einwohner zählende Heimstatt der Waschmaschinen und des global agierenden Bertelsmann, bei dir muss Kunst doch drin sein!

Und ist auch. In der weitläufigen Stadthalle, gelegen am Ende eines kilometerlangen Fußwegzickzacks, begrüßt mich Lena Jeckel, die Chefin hier, Grund meines Kommens. Eine Jazzmusikerin an den Schalthebeln einer städtischen Kulturbehörde?! Das ist die Frage (mit Ausrufezeichen), der hier jetzt nachgespürt werden soll.

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