Ende des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan

·Lesedauer: 3 Min.
Soldaten auf dem Weg in den Flieger A400M, der vom Feldlager in Masar-i-Scharif Richtung Deutschland fliegt.
Soldaten auf dem Weg in den Flieger A400M, der vom Feldlager in Masar-i-Scharif Richtung Deutschland fliegt.

Fast 20 Jahre hat der Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan gedauert. Nun kommen die letzten Soldaten zurück nach Deutschland. Ist der Einsatz gescheitert?

Wunstorf (dpa) - Die letzten Soldaten des deutschen Afghanistan-Einsatzes sollen am frühen Nachmittag auf dem niedersächsischen Fliegerhorst Wunstorf ankommen.

Die drei Transportmaschinen vom Typ A400M sind nach einer nächtlichen Zwischenlandung in Georgien gestartet, wie ein Bundeswehr-Sprecher sagte. Mit Hinweis auf die Corona-Pandemie verzichtet die Bundeswehr auf einen großen Empfang.

Am Vorabend war der Einsatz nach fast 20 Jahren beendet worden. Die Soldaten waren mit vier Militärmaschinen aus dem Feldlager in Masar-i-Scharif im Norden des Landes ausgeflogen worden. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hatte erklärt: «Ein historisches Kapitel geht zu Ende, ein intensiver Einsatz, der die Bundeswehr gefordert und geprägt hat, bei dem sich die Bundeswehr im Kampf bewährt hat. Ein Einsatz, bei dem Angehörige unserer Streitkräfte an Leib und Seele verletzt wurden, bei dem Menschen ihr Leben verloren haben, bei dem wir Gefallene zu beklagen hatten.»

Einsatz kostete mehr als 12 Milliarden Euro

59 deutsche Soldaten verloren in Afghanistan ihr Leben, 35 bei Anschlägen oder in Gefechten. Mehr als 12 Milliarden Euro kostete der Einsatz, der ursprünglich der Friedenssicherung dienen sollte und dann zum Kampfeinsatz gegen die aufständischen Taliban wurde. Zuletzt war der Kernauftrag der Nato-Truppe die Ausbildung afghanischer Streitkräfte.

Die Linke sprach angesichts dieser Eckdaten von einem gescheiterten Einsatz. «Gemessen an Zielen wie Stabilität, dem Aufbau eines demokratischen Staates und dem Schutz der Grundrechte kann man den Einsatz nur als gescheitert bezeichnen», sagte Parteichefin Susanne Hennig-Wellsow der Deutschen Presse-Agentur. Es stelle sich die Frage, ob der Einsatz je geeignet gewesen sei, die genannten Ziele zu erreichen, oder ob es nicht bessere zivile Mittel gegeben hätte. «Und diese Frage stellt sich in meinen Augen für jeden Auslandseinsatz der Bundeswehr.»

«Dank und Anerkennung»

Die Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags Eva Högl sprach hingegen von einem «bewegenden Moment». Der Einsatz habe die Bundeswehr geprägt. «59 Soldaten haben in Afghanistan ihr Leben gelassen, es gab und gibt viele, die seelisch verwundet sind, rund 160.000 Soldatinnen und Soldaten haben dort ihren Auftrag erfüllt. Für diese Leistung gebührt Ihnen Dank und Anerkennung.» Zugleich betonte sie, der Bundestag habe eine besondere Verantwortung, «auch eine kritische und ehrliche Bilanz zu ziehen». Dies könne eine Enquete-Kommission leisten. Deutschland solle sich weiter in Afghanistan engagieren, etwa im Bereich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und Entwicklung, in der Bildungsarbeit oder bei der Ausbildung der Sicherheitskräfte.

Die Bundeswehr hatte den Abzug zuletzt deutlich vorantreiben müssen, nachdem die US-Regierung unter Präsident Joe Biden den Abzug beschleunigt hatte. Die letzten internationalen Soldaten sollen bis spätestens 11. September Afghanistan verlassen haben, vermutlich werden sie das aber bereits viele Wochen früher tun.

Vor dem Beginn der Rückverlegung im Mai waren noch 1100 Männer und Frauen der Bundeswehr in Afghanistan. 750 Seecontainer Material wurde auf dem Land- und Luftweg nach Deutschland zurückgebracht, darunter waren rund 120 Fahrzeuge und sechs Hubschrauber.

Zuletzt hatte sich die Sicherheitslage in Afghanistan vor allem im Norden des Landes zugespitzt. Die militant-islamistischen Taliban hatten alleine in der Provinz Balch, in der sich das deutsche Camp Marmal befand, im Juni mindestens sechs Bezirke erobert. Auch in der Nacht gab es Berichte über Kämpfe in der Provinz.

Insgesamt haben die Islamisten seit 1. Mai, dem offiziellen Beginn des Abzugs der US- und Nato-Truppen, rund 90 der etwa 400 Bezirke des Landes neu erobert. Dabei wurden Hunderte Sicherheitskräfte der Regierung getötet, verwundet, gefangen genommen oder zur Aufgabe überredet.

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.