Leute vor der Wahl 2021: "Kann mir noch keinen Mann als Kanzlerin vorstellen"

·Lesedauer: 4 Min.

In der Portraitreihe Leute vor der Wahl 2021 erzählen Wähler:innen im Vorfeld der Bundestagswahl am 26. September was ihnen wichtig ist und was sie von der neuen Regierung erwarten.

Zu wenig Frauen in Spitzenpositionen, zu wenig Diversität in den Parlamenten - Tijen Onaran klagt nicht über Missstände, sondern treibt den Wandel, den sie sich wünscht, selbst voran. Und zwar dort, wo sie etwas bewirken kann, nämlich in der Wirtschaft. Sie berät Unternehmen in Diversitäts- und Inklusionsfragen.

Aber die 36-Jährige ist mehr als eine Unternehmensberaterin - die Autorin, Moderatorin und Investorin vernetzt mehr als 30.000 Frauen und ist zum Gesicht des weiblichen Vormarschs in der männerdominierten Digitalszene geworden.

Ihre Mission: Die Wirtschaft diverser machen, und zwar "Diversität in allen Facetten, nicht nur im Hinblick auf das Geschlecht, sondern auch die Herkunft, Generation und andere Dimensionen betreffend", erklärt Tijen Onaran. Es geht ihr um alle Geschlechter und Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen.

Ohne Diversität, keine Innovation.

Tijen Onaran, Unternehmerin, Autorin, Investorin

Schon mit 20 Jahren engagiert sich Tijen Onaran, aufgewachsen in Karlsruhe und mit türkischem "Migrationsvordergrund" wie sie es nennt, in der FDP. Jahre später, nach Politikstudium und Jobs in der Kommunikation und Politik, gründet sie einen Stammtisch für Frauen in der Wirtschaft. 2018 entsteht daraus „Global Digital Women“.

Das Manager Magazin zählt die "digitale Pionierin" zu den Top 100 einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft und das Wirtschaftsmagazin Capital zu den Top 40 unter 40 Talenten der Wirtschaft.

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Tijen Onaran

GlobalDigitalWomen, Unternehmerin, Autorin, Moderatorin
36 Jahre alt, München & Berlin

Was ist für Sie das wichtigste Thema bei der Bundestagswahl?

„Für mich ist das wichtigste Thema der Bundestagswahl die Themen unserer Zeit, eine gesunde und nachhaltige Wirtschaft und da die Betonung auf nachhaltig. Und zwar nachhaltig nicht nur im Sinne von einer guten Umwelt, sondern dass wir wirklich lernen, das Wirtschaft auf verschiedenen Eckpfeilern aufgebaut ist, wie, das wir wirklich einen gesunden Mittelstand haben, dass wir eine funktionierende Start-Up-Branche haben, dass wir Konzerne haben, die gesund und nachhaltig wirtschaften und das ist das Thema. Und auch das Thema Aufbruch. Ich glaube, wir wollen alle etwas Neues, was das alte ablöst, auch Diversität übrigens im Parlament und das erhoffe ich mir.“

Was hat sich für Sie durch die Coronakrise geändert?

„Ich finde die Coronakrise hat in ganz vielen Bereichen vieles transparent gemacht. Zum Beispiel im Bereich der Digitalisierung haben wir festgestellt, dass wir in Deutschland noch ziemlich viel Aufholbedarf haben. Aber ehrlicherweise auch in meinem Bereich, der Diversität, haben wir festgestellt, dass wir weltweit in tradierte Rollenbilder zurückfallen, dass meist die Frauen diejenigen sind, die die Work-Life-Balance zu tragen haben.

Das hat auch noch mal gezeigt, wie wichtig unsere Arbeit ist, weil wir immer wieder sehen, dass es eben nicht selbstverständlich ist, sich für Diversität und Inklusion in der Wirtschaft einzusetzen. Genau das hat die Coronakrise transparent gemacht und deshalb bin ich der festen Überzeugung, als Grundoptimistin, dass es uns den Aufschub gegeben hat, ein Aufbruchzeichen, dass wir jetzt unbedingt daran arbeiten, dass viele CEOs, Geschäftsführung, Vorstände, Aufsichträte, verstehen, dass sie diverser und inklusiver werden müssen, und das in allen Facetten, weil das die Antwort auf die Zukunft ist.“

Ich glaube dieses ‚Das haben wir immer so gemacht‘, davon sind alle satt.

Tijen Onaran

Was wünschen Sie sich für die neue Ära in Deutschland nach Angela Merkel?

„Zum einen wünsche ich mir ein wirklich diverses Parlament, der Bundestag soll ja eigentlich unsere Bevölkerung repräsentieren. Wenn wir uns den jetzigen Bundestag anschauen, ist es zahlenmäßig so, dass er von der Zusammensetzung, von der Geschlechtervielfalt, der mit dem historisch geringsten Frauenanteil ist. Das wünsche ich mir, dass wir da wirklich ein diverses Parlament haben, nicht nur was Gender-Diversity, sondern auch andere Formen von Diversity betrifft. Damit sich die Menschen, die die Mandatsträger, die Bundestagsabgeordneten wählen, auch repräsentiert fühlen.

Und mit der Diversität, bin ich auch der festen Überzeugung, dass wir auch neue Antworten bekommen werden auf die Fragen der Zukunft. Digitalisierung, digitale Bildung, Unternehmertum, Start-Up-Gründerinnen und Gründer - all das brauchen wir, weil wir festgestellt haben, wir haben ziemlich viel verschlafen in Deutschland. Wir lieben den Status-Quo, wir lieben keine Veränderung. Aber jetzt ist die Zeit für Veränderung.“

Eine Person dir, (...) in einer Welt, in der die Demokratie zum Teil mit Füßen getreten wird, die Fahne hochhält für demokratische Grundwerte, für Feminismus, für Emanzipation, für Nachhaltigkeit.

Tijen Onaran

Welche Eigenschaften sollte die nächste Kanzlerin oder der nächste Kanzler haben?

„Also zunächst muss ich ja wirklich sagen, ich kann mir noch keinen Mann als Kanzlerin vorstellen. Aber ich glaube, daran muss ich mich wahrscheinlich irgendwann gewöhnen. Ich denke, dass die Person eine gewisse Dynamik ausstrahlen muss. Ich glaube dieses ‚Das haben wir immer so gemacht‘, davon sind alle satt, wir wollen jetzt aktive Veränderung, wir wollen auch ‚Mut machen‘.

Und das ist das, was die Person, die dieses hohe Amt in unserem Land innehaben wird, ausstrahlen muss. Den Mut, den Aufbruch, die Hoffnung, den Optimismus, dass es weiter geht und in einer Welt, in der die Demokratie zum Teil mit Füßen getreten wird, die Fahne hochhält für demokratische Grundwerte, für Feminismus, für Emanzipation, für Nachhaltigkeit - das wünsche ich mir.“

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