LGBT-Szene zeigt trotz Pandemie Präsenz

Die Geburtsstunde der modernen Schwulen- und Lesbenbewegung wird auf den 28. Juni 1969 datiert. An diesem Tag stürmt die Polizei die Schwulenbar Stonewall Inn in der New Yorker Christopher Street. Es folgen tagelange schwere Zusammenstöße zwischen Aktivisten und Sicherheitskräften. Seither wird der CSD jährlich weltweit in zahlreichen Städten gefeiert, in Berlin kam im vergangenen Jahr mehr als eine Million Menschen zusammen. In der Corona-Krise ist das undenkbar - Präsenz zeigt die Szene dennoch.

Fast auf den Tag genau zum Stonewall-Jahrestag fand in Berlin am Samstag eine Demonstration für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgendermenschen statt - mit Abstand und Masken. Nach Angaben der Polizei beteiligten sich rund 3500 Menschen.

"Nur wegen Corona haben nicht auch Homophobie oder Transphobie eine Pause eingelegt", sagt Nasser El-Ahmad der Nachrichtenagentur AFP. Der 23-jährige Hotelfachmann steht hinter der Demonstration.

Denn anders als in den Vorjahren organisiert nicht etwa der CSD-Verein die Demo - dieser bietet als Alternative in diesem Jahr virtuelle Veranstaltungen an. Der Verein kündigt an, unter anderem mit Vertretern der Berliner Klubszene ein Konzept zu erarbeiten. El-Ahmad meldete die CSD-ähnliche Demonstration stattdessen im Alleingang an - einen rein virtuellen CSD hält er für nicht ausreichend. Denn Anfeindungen fänden schließlich auch nicht nur virtuell statt, sondern auf der Straße, sagt er.

Gemeinsam mit anderen Aktivisten kümmerte er sich um ein Hygienekonzept: Dutzende Ordner, Desinfektionsmittel und der dringende Appell zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes sollten die Infektionsgefahr so gering wie möglich halten. Nach Polizeiangaben wurde der Mindestabstand bei der Demonstration am Samstag vereinzelt unterschritten. Aufforderungen, Abstand zu halten, seien die Teilnehmer aber schnell nachgekommen.

El-Ahmad hatte im Vorfeld auch betont, dass die Veranstaltung keine Party werden solle, sondern eine politische Demonstration. Thematisch ging es unter anderem um LGBT-feindliche Politik etwa in Polen oder Russland, auch mit Black Lives Matter wollen sich El-Ahmad und seine Mitorganisatoren solidarisieren und auf Rassismus aufmerksam machen.

Aber nicht nur in Berlin will die LGBT-Szene auf der Straße präsent sein: Der Verein Hamburg Pride kündigte für den 1. August eine CSD-Fahrraddemo an. "Uns ist bewusst, dass mit der aktuellen Situation auch eine besondere Verantwortung einhergeht", erklärt Vereinschef Stefan Mielchen. Wie El-Ahmad betont aber auch er, dass der CSD und seine Botschaften "auf die Straße, ins Herz unserer Stadt" gehörten.

Unklarheit herrscht noch in der CSD-Stadt Köln - am 11. Oktober soll zwar "im Rahmen des ColognePride eine Demonstration stattfinden". "Die Form der Demonstration wird den Umständen der Corona-Pandemie angepasst sein", heißt es auf der Webseite.

München sagte seine große Parade ebenfalls ab, es soll aber eine "Prideweek" vom 4. bis zum 12. Juli geben, in der verschiedene Organisationen stadtweit überschaubarere Veranstaltungen anbieten. In Frankfurt ist ein Online-CSD mit Videos verschiedener Interviews und Künstler geplant. Außerdem soll es am 18. Juli eine Autodemo in der Innenstadt geben.

Der Berliner El-Ahmad bezeichnet bereits die Anwesenheit der Szene auf der Straße als wichtig: "Dass wir rausgehen und schrill sind, uns anziehen, wie wir wollen - das ist nunmal auch eine politische Sache", findet der 23-Jährige.