Liebeskummer am Arbeitsplatz: "Ich hatte Angst, dass ich vor meinen Kollegen anfange zu weinen"

·Lesedauer: 11 Min.

Wer Liebeskummer hat, leidet oft auch im Job. Warum die Chefs Bescheid wissen sollten und eine Krankmeldung oft nicht hilft, zeigen die Erfahrungen von drei Betroffenen.

Verdrängen ist nicht sinnvoll. Man soll den Schmerz zulassen und sich von der Person verabschieden.  © Mohamad Itani/​plainpicture
Verdrängen ist nicht sinnvoll. Man soll den Schmerz zulassen und sich von der Person verabschieden. © Mohamad Itani/​plainpicture

Die Vorgesetzte steht weinend in der Kaffeeküche, der Kollege ist seit Tagen mies gelaunt und meldet sich schließlich krank: Wer an schlimmem Liebeskummer leidet, fühlt sich auch im Arbeitsalltag erschöpft und nicht mehr leistungsfähig.

Sollte man also seiner Chefin vom Liebeskummer erzählen? Oder doch lieber ein paar Tage oder sogar Wochen pausieren? Betroffene und Experten erzählen.

Heike Roesner, 58, Berlin:

"Meine letzte Beziehung hatte ich mit einem Mann, der deutlich jünger war als ich. Als wir uns kennenlernten, war er 18 und ich 48 Jahre alt. Trotz des großen Altersunterschieds hatten wir vieles gemeinsam, durch ihn entwickelte ich auch mein Interesse an Reptilien und Terrarien, was dann zu unserem gemeinsamen Hobby wurde. Fast vier Jahre lang führten wir eine einigermaßen funktionierende Beziehung. Allerdings mischte seine Mutter sich ständig ein, hinzu kam seine starke Eifersucht. Außerdem war er lange Zeit arbeitslos und ich versuchte ständig, ihm einen Job zu vermitteln – neben meiner beruflichen Tätigkeit in der Pfändungsabteilung einer Bank. Das war schon ziemlich anstrengend.

Doch dann verstarb erst mein Onkel und kurz darauf mein Vater. Ich hatte mit den Wohnungsräumungen und Beerdigungen viel zu tun, auch die Pflege meiner Mutter musste ich selbst übernehmen. In dieser Zeit entfernten wir uns voneinander. Während er sich mit YouTube-Videos beschäftigte, hetzte ich von einem Termin zum nächsten. Irgendwann bekam ich eine WhatsApp-Nachricht von ihm, dass er mit mir Schluss macht. Und das, obwohl er nur ein Haus weiter wohnt und es mir auch persönlich hätte sagen können. Das hat mich sehr verärgert und auch enttäuscht.

Auf der Arbeit hatte ich von meinen privaten Problemen immer nur knapp erzählt, meine Kollegen wussten zwar von den Todesfällen in meiner Familie, aber ich habe das nie ausführlich besprochen. Als dann auch noch die Trennung kam, hielt ich ganz den Mund. Ich wollte niemanden mit meinen Problemen nerven und hatte Angst, dass ich anfange zu weinen oder vor allen anderen die Fassung verliere, weil mir einfach alles zu viel war. Das wäre mir unangenehm gewesen, also sagte ich lieber nichts. Dafür wurde mein Ton rauer, ich war manchmal etwas ruppig zu den Kolleginnen. Aber sie haben es zum Glück ganz gut weggesteckt. In dieser Zeit lebte ich nicht, ich funktionierte einfach nur. Arbeitete einen Punkt nach dem anderen ab und verlor zehn Kilo meines Gewichts.

Heike Roesner in Berlin-Mitte © privat
Heike Roesner in Berlin-Mitte © privat

Am schlimmsten wurde es, als ich erfuhr, dass mein Ex-Partner eine neue Partnerin hat. Das hat mich tatsächlich sehr verletzt. Dass es bei dem Altersunterschied keine Beziehung für die Ewigkeit sein würde, war mir von Anfang an klar, aber so hätte es nicht enden müssen. Er schickte mir sogar eine Einladung zu seiner Hochzeit, Ort und Uhrzeit waren durchgestrichen – es war also keine Einladung, sondern ein unfairer Seitenhieb. Das alles habe ich aber auf der Arbeit für mich behalten. Mir hat es gutgetan, dass die Kollegen von nichts wussten und mich ganz normal behandelten. Der Job hat mich abgelenkt und mir eine Struktur gegeben. Ich habe mich darauf konzentriert, keine Fehler zu machen, und keine anderen Gedanken zugelassen.

Etwa ein halbes Jahr später gab es in meiner Abteilung einige Trennungen. Da habe ich mich auch getraut, von meinem Beziehungsaus zu erzählen. Die Kolleginnen waren total überrascht, sie wollten wissen, warum ich es nicht schon früher erzählt habe. Ich glaube, sie wären gern für mich da gewesen."

Chefinnen sollten Mitarbeiter mit Liebeskummer direkt ansprechen

Ist eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter auffallend schlecht gelaunt oder ungewohnt unzuverlässig, wirkt sich das auch auf die Arbeit aus, sagt Reinhild Fürstenberg. Die Stimmung im Team verschlechtert sich, Gerüchte und Streitereien entstehen. Aus Sicht von Führungskräften alarmierende Anzeichen: "Wenn etwas schiefläuft oder sich eine Person auffällig verhält, sollte das von den Vorgesetzten nicht totgeschwiegen, sondern direkt angesprochen werden", erklärt die Unternehmensberaterin und Leiterin des Fürstenberg Instituts. Besser sei es jedoch, wenn Liebeskummerbetroffene von sich aus das Gespräch suchen und ihre Situation knapp darlegen, ehe es zu Missverständnissen kommt. Angestellte haben sich per Arbeitsvertrag dazu verpflichtet, bestimmte Leistungen zu erbringen – sind sie dazu zeitweise nicht in der Lage, sollten sie das laut der Expertin offen kommunizieren und auf ein Entgegenkommen ihres Betriebs hoffen.

Führungskräften rät Fürstenberg dazu, diesen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen eine Schonfrist zu gewähren. Zu lange müsse diese allerdings nicht dauern: "Nach sechs Wochen sollte in beiderseitigem Interesse eine Verbesserung der Situation eintreten", sagt die Beraterin. Eine "liebevolle Strenge" sei oft zielführender als Mitleid und Verständnis. Schließlich seien es letztlich auch die Kollegen und Kolleginnen, die unter dem Kummer eines Mitarbeiters leiden. Oft müssten sie zusätzliche Aufgaben übernehmen oder Fehler ausbessern. Ehe sich der Frust zu sehr anstaut, rät Reinhild Fürstenberg dazu, das Gespräch zu suchen: "Als Kollegin oder Kollege sollte man möglichst konkret ansprechen, was man auf dem Herzen hat, und gemeinsam nach einer Lösung suchen."

Berken Akin*, 55, Hamburg:

"Vergangenen Sommer haben meine Ex-Freundin und ich uns nach viereinhalb Jahren Beziehung getrennt. Durch einen Herzinfarkt, den ich im Frühjahr 2020 erlitt und durch den ich monatelang krankgeschrieben war, ist mir klar geworden, dass wir uns in völlig unterschiedlichen Lebensphasen befinden: Ich bin 55 und habe zwei erwachsene Kinder, sie ist erst 30 und möchte noch Kinder bekommen. Ich habe ihr gesagt, dass das mit uns keinen Sinn mehr macht, und sie hat es akzeptiert. Ich habe sie quasi dazu überredet, mich zu verlassen, schließlich haben wir uns einvernehmlich getrennt.

Seitdem bin ich innerlich zerrissen. Es war rational gesehen die richtige Entscheidung, aber trotzdem fühlt es sich an, als würde meine Seele brennen. Noch nie habe ich so sehr gelitten, der Herzinfarkt ist kein Vergleich zu dem, was ich seit Monaten durchmache. Ich ernähre mich quasi von Kaffee und Zigaretten, gehe kaum noch aus dem Haus. An manchen Tagen bin ich froh, wenn ich überhaupt aufstehen kann, so sehr fehlt sie mir. Ich hatte auch schon Selbstmordgedanken. Meinen Job in der Gastronomie habe ich gekündigt, ich habe gar nicht erst versucht, nach meinem Herzinfarkt weiterzumachen. Ich weiß genau, was passieren würde: Ich würde bei der Kundschaft ein glückliches Pärchen sehen oder ein Kollege erzählt etwas von seiner Frau oder aber es läuft einfach nur ein Lied im Radio, das mich an sie erinnert. Und dann hätte ich mich nicht mehr unter Kontrolle, ich würde zusammenbrechen. Das wäre nicht nur unprofessionell, sondern auch absolut erniedrigend. Lieber lebe ich von rund 430 Euro im Monat, als mir das anzutun. Am Anfang habe ich mit den Kollegen noch Kontakt gehalten, einer meldet sich ab und an immer noch. Aber die haben keine Lust, sich ständig dieselbe alte Leier anzuhören.

Die Leute sind es nicht gewohnt, dass ein Mann über seine Gefühle sprechen möchte. Die meisten Männer, die ich kenne, suchen bei Liebeskummer nach Ablenkung oder betäuben sich mit Alkohol oder Drogen. Bei mir ist das anders und deswegen werde ich oft komisch angeschaut. Die Leute legen es als Schwäche aus, wenn ein Mann Gefühle zeigt. Aber ich muss einfach darüber reden.

Um nicht auch noch meine Freunde zu verlieren, habe ich direkt nach der Trennung zwei Psychologen und einen Psychiater aufgesucht, aber das hat auch nicht viel gebracht. Antidepressiva nehme ich sowieso schon und was bringt mir ein Therapiegespräch alle vier Wochen? Da kann doch keine Bindung aufgebaut werden, geschweige denn Verständnis. Was mir wirklich geholfen hat, ist das Internet. Ich bin auf Facebook und YouTube unterwegs und tausche mich mit anderen Betroffenen aus. Ich habe gelernt, die Situation so anzunehmen, wie sie ist, und nach vorn zu schauen. So langsam habe ich das Gefühl, dass ich es schaffen kann, noch etwas aus meinem Leben zu machen."

Leistungsfähigkeit nimmt durch Liebeskummer ab

"Liebeskummer lohnt sich nicht, my darling", heißt es in dem berühmten Schlager der Sechzigerjahre. Ein Satz, dem Stephan Doering widerspricht: "Über eine Trennung oder den Verlust des Partners zu trauern, ist völlig normal und auch wichtig, um sich frei zu machen", sagt der Leiter der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie am Allgemeinen Krankenhaus in Wien. Er rät dazu, Liebeskummer nicht zu verdrängen, sondern den Schmerz zuzulassen und sich gedanklich von der jeweiligen Person zu verabschieden. "Betroffene sollten nicht versuchen, den großen Partylöwen zu spielen, oder sich direkt in die nächste Beziehung stürzen, sondern lieber eine Weile allein bleiben, um das Erlebte zu verarbeiten", sagt Doering. Eine Form der Auseinandersetzung sei es beispielsweise, Fotos durchzublättern oder sich an gemeinsame Erlebnisse zu erinnern. Auch Gespräche mit Freunden und der Familie können dem Experten zufolge helfen, den Schmerz zu überwinden, ohne ihn zu übergehen.

Wer so weitermacht, als sei nichts geschehen, werde früher oder später erneut mit dem Liebeskummer konfrontiert – oft mit stärkerer Intensität, sagt Doering. "Es gibt Fälle, bei denen Menschen Jahrzehnte nach der Trennung plötzlich zurückgeworfen werden und der Trennungsschmerz wieder an die Oberfläche des Bewusstseins gelangt, obwohl er so lange verdrängt wurde." Direkt nach einer Trennung sei es dagegen normal, wenn sich ein psychischer und körperlicher Ausnahmezustand einstelle. "Trauerarbeit verbraucht viel Energie, die dann an anderer Stelle fehlt. Die Leistungsfähigkeit von Körper und Geist wird gemindert, wodurch Betroffene mehr Ruhe als üblich benötigen." Auch Beeinträchtigungen des Herzschlags, der Atmung, Sexualität, Körpertemperatur oder des Darmtrakts sind mögliche Folgen von Liebeskummer. Wer sich zu ausgelaugt und entkräftet fühlt, sollte sich dem Experten zufolge eine Schonfrist genehmigen und, wenn nötig, auch ein paar Tage Auszeit. Generell sei es aber ratsam, bei nicht allzu schweren Symptomen weiterhin zur Arbeit zu gehen und den geregelten Alltag beizubehalten.

Frauke Lieber*, 61, Berlin:

Meinen letzten Liebeskummer hatte ich nicht aufgrund einer Trennung, sondern wegen eines heftigen Streits. Es ist jetzt etwa zehn Jahre her, aber diese Auseinandersetzung mit meinem Mann hat mein Leben nachhaltig verändert. Ich hatte mich damals in der Gesundheitsbranche selbstständig gemacht und meine eigene Sport- und Ernährungspraxis gegründet, wo ich Coachings angeboten habe. Als Selbstständige war ich darauf angewiesen, Aufträge zu bekommen. Außerdem war mein Gehalt für unsere Familie wichtig, schließlich hatten mein Mann und ich zwei Kinder. Ich habe oft Überstunden gemacht. Das war einer der Gründe, warum es zwischen uns eskalierte. Mein Mann warf mir vor, ich würde zu viel arbeiten, und beschwerte sich über die mangelnde Zuwendung, die er und die Kinder seiner Ansicht nach erführen. Am Ende fühlte ich mich zutiefst verletzt und beleidigt. Er sagte wirklich unschöne und teilweise auch unfaire Dinge. Für mich wirkte es, als stünde er nicht hinter mir und meinen Zielen, ich fand sein Verhalten egoistisch und hatte das Gefühl, er würde mich nicht mehr lieben.

Wären die Kinder nicht gewesen, hätte ich mich vermutlich getrennt. So riss ich mich aber zusammen und stürzte mich noch mehr in die Arbeit. Mein Mann tat es mir gleich, abends blieb er manchmal extra lange bei der Arbeit, um mir zu Hause nicht begegnen zu müssen. Als ich es gar nicht mehr aushielt, habe ich sogar bei einer Freundin übernachtet, um nicht nach Hause zu müssen. Danach bin ich aber wieder heim, den Kindern zuliebe. Auf der Arbeit habe ich zwei Mitarbeiterinnen erzählt, was vorgefallen ist – hauptsächlich, damit sie sich nicht wundern, wenn ich mich mal merkwürdig verhalte. Es tat gut, mit ihnen zu reden und von ihnen Unterstützung zu bekommen. Den Kundinnen und Kunden gegenüber habe ich mir natürlich nichts anmerken lassen, ich habe auch keinen Tag wegen meinem Kummer zu Hause gefehlt. Im Büro habe ich das Foto meines Mannes in der untersten Schublade meines Schreibtischs verschwinden lassen. Die anfängliche Verzweiflung wich schnell einer Art Trotzgefühl, ich handelte ganz nach dem Motto "Jetzt erst recht!" und arbeitete noch härter, um ihm zu beweisen, dass ich ihn für meinen Erfolg nicht brauche.

Irgendwann waren wir wieder in der Lage, normal miteinander zu sprechen. Wir stellten fest, dass dieses klassische Ehemodell, wie es die meisten Paare leben, für uns nicht funktioniert. Also beschlossen wir, zusammenzubleiben, aber nicht mehr länger zusammenzuwohnen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Kinder sind inzwischen beide ausgezogen und wir Eltern leben in getrennten Wohnungen. Mittlerweile bin ich nicht mehr selbstständig, sondern arbeite in einem anderen Beruf und ich genieße es, nach einem anstrengenden Tag in meine Wohnung zu kommen und einfach nur meine Ruhe zu haben. Ich muss mit niemandem reden, keinem hinterherräumen. Und wenn ich Lust habe, mit meinem Mann zu Abend zu essen, kann ich das ja trotzdem machen. Es mag für andere Paare vielleicht unvorstellbar sein, aber für uns war diese räumliche Trennung das einzig Richtige. Sie hat unsere Ehe gerettet."

Arbeit kann die Bestätigung des Partners teilweise ersetzen

"Die gute Nachricht ist: Liebeskummer geht immer vorbei", erklärt Maria Richter-Nordahl, Diplompsychologin und Autorin des Buchs Liebeskummer? Loslassen. Leben!. Oft seien Menschen, die einer Arbeit nachgehen, weniger stark betroffen als Arbeitslose: "Ein Beruf ist nicht nur zum Geldverdienen gut, er ist auch sinnstiftend und kann die wegbrechende Bestätigung des Partners wenigstens teilweise ersetzen."

Neben Gesprächen mit Kollegen und Kolleginnen sowie Freunden sei es wichtig, sich auch mit sich selbst auseinanderzusetzen. Eine Trennung könne nämlich Anlass zur Weiterentwicklung und Lebensveränderung sein, Betroffenen falle es durch die veränderte Lebenssituation oft leichter, mit Gewohnheiten zu brechen. Richter-Nordahl zufolge sind es oft dieselben Fragen, die nach einer Trennung aufkommen: Wie möchte ich meine Zukunft gestalten? Welche Möglichkeiten habe ich, um mich weiterzuentwickeln? Das Ich rücke in den Vordergrund, wo zuvor auf die Bedürfnisse des Partners Rücksicht genommen wurde. Wer nach einer Trennung aus den eigenen Fehlern lernen möchte, sollte sich der Diplompsychologin zufolge auch Gedanken dazu machen, welcher Typ Mensch für das eigene Wohlbefinden gut ist – und sich diese Erkenntnis aufheben für das nächste Mal, wenn er oder sie wieder verliebt ist.

*Die Namen der Protagonisten wurden geändert, sind der Redaktion aber bekannt.

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