Polizeiruf Magdeburg: "Zehn Rosen" ist ein düsterer Krimi über menschliche Abgründe

Mila Lemke
Freie Autorin
Die Kommissare Brasch (Claudia Michelsen) und Köhler (Matthias Matschke). (Foto: MDR/Stefan Erhard)

Endlich ist der ARD mit dem Magdeburger Polizeiruf “Zehn Rosen” mal wieder ein Sonntagabendkrimi gelungen. 

Das liegt einerseits an dem hervorragenden Ensemble: Claudia Michelsen spielt ihre Hauptkommissarin Doreen Brasch mit leichtem Hang zur Melancholie, aber ohne, dass das gesamte Privatleben der Ermittlerin seziert wird. Matthias Matschke (Hauptkommissar Dirk Köhler) gehört zu den seltenen Exemplaren seiner Zunft, die von Komik bis Krimi jede Rolle glaubwürdig verkörpern. Dazu kommen Felix Vörtler als sympathisch-schrulliger Kriminaldirektor Lemp und Alessija Lause, die in dieser Folge als heimliche Hauptdarstellerin eine Transfrau spielt.

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Andererseits erzählen die Autoren eine spannende Geschichte – und das mit einer großen Portion Tragikomik. Etwa, wenn Kommissarin Brasch zur tatverdächtigen Floristin Pauline sagt: “Sie sind Vater, Frau Schilling” – ist das nur im ersten Moment lustig. Pauline, vormals Paul Schilling, darf nämlich nach der Geschlechtsumwandlung ihren/seinen Sohn nicht mehr sehen, weil die Ex ein Umgangsverbot erwirkt hat. Oder wenn Brasch fragt: “Warum sind Sie zu einer Prostituierten gegangen”” und Pauline antwortet: “Um mit einer Frau zu reden. Anfangs habe ich sogar dafür bezahlt.”

Tatsächlich suchen die Figuren weniger einen Mörder, sondern ihre eigene Identität. Kommissarin Brasch trauert verlorenen Gelegenheiten bei der Partnersuche hinterher und beginnt einen Flirt mit dem Polizeipsychologen. Ihr amtsmüder Chef zweifelt an seinem Chefdasein. Sein bester Freund, ebenfalls Polizist, floh schon vor Jahren in die ostdeutsche Provinz und glaubt, dort habe er die schönste Zeit seines Lebens erlebt. Dazu kommen ein aufstrebender Sparkassenangestellter, der sich seiner Liebe zur Transfrau Pauline schämt und eine Psychologin, die Transmenschen mit gefälligen Gutachten zu einer Geschlechtsumwandlung verhilft.

Die Story

In einem verlassenen Hinterhof Magdeburgs wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Das Mordopfer ist an den Füßen gefesselt. Brasch vermutet aufgrund der symbolischen Fesselung einen Serientäter. Ihr Kollege Köhler forscht in der Datenbank nach vergleichbaren Fällen.

Mit Hilfe ihres Vorgesetzten Lemp stoßen die Ermittler auf den Mord an der Prostituierten Jessica Peschke, deren Leiche auf dieselbe Weise gefesselt war. Verdächtigt wurde damals der mit Jessica befreundete Paul Schilling. Doch mangels eindeutiger Beweise musste man ihn wieder freilassen. Mittlerweile heißt Paul Pauline. Die Transfrau gerät erneut unter Verdacht, denn sie kannte auch das aktuelle Mordopfer.

Die Relevanz

Das Thema Transgender scheint derzeit omnipräsent. Erst kürzlich druckte der “Spiegel” ein großes Interview mit dem Kinderpsychiater Alexander Korte, der Mädchen und Jungen bei der Geschlechtsumwandlung begleitet. Korte sagte, dass sich die Zahl der Menschen, die sich im falschen Körper fühlen, verfünffacht hat.

Pauline (Alessija Lause) arbeitet nach ihrer Geschlechtsumwandlung als Floristin. (Foto: MDR/Stefan Erhard)

Fakt ist: Noch immer befürchten Teile der Gesellschaft den Untergang des christlichen Abendlandes, wenn über Transgender öffentlich diskutiert wird. Deshalb ist es wohltuend, wie unaufgeregt der “Polizeiruf” das Thema beleuchtet. “Das ist eine Liebeserklärung an die Toleranz”, sagte die gebürtige Dresdnerin Michelsen im Vorfeld der Folge.

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Erstaunlich ist, dass die Filmemacher für die Rolle der Pauline keine Transfrau engagiert haben. In der Netflix-Serie “Pose” wurden die entsprechenden Rollen mit Transgendern besetzt, was die Glaubwürdigkeit des Stoffes erhöht.

Plausibilität

Eine Ungereimtheit gibt es: So entdecken die Hauptkommissare erst bei einer erneuten Tatortbesichtigung Spuren, die so auffällig sind, dass sie selbst ein stark kurzsichtiger Dorfpolizist beim ersten Besuch bemerkt hätte. Eine mit Blut besudelte Duschwanne in einer Industrieruine beispielsweise.

Der beste Satz

“Wir haben Schnaps, wir sind am Leben, mehr brauchen wir heute nicht.” Das sagte Kriminaldirektor Lemp zu seinen Kollegen. Wahre Worte als wunderbare Insel der Hoffnung inmitten der Tristesse verkorkster Existenzen und dazu ein gelungener Schluss nach der doch überraschenden Lösung des Falls.

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