Mülheimerin Silvia Beuchert: „Es ist nicht so hip hier – dafür nicht so abgeklatscht“

Silvia Beuchert organisiert die Mülheimer Nacht und liebt das kreative Miteinander.

Frau Beuchert, was ist die Mülheimer Freiheit für Sie?

Für mich ist die Mülheimer Freiheit der Knotenpunkt von Mülheim. Sie ist zugleich ein Treffpunkt und die Schnittstelle zum Rhein. Egal, wo man in Mülheim hin möchte, läuft man immer über die Freiheit.

Was macht Mülheim für Sie als Veedel aus?

Es gibt ein großartiges Miteinander in Mülheim. Wovon im Moment viel gesprochen wird, was viele vermissen, das gibt es hier: Füreinander stehen, zusammen Dinge machen oder ein freundlicher, auch liebevoller Umgang miteinander. Ich sehe hier gar kein Gegeneinander. Das geht sogar in den Geschäftsbereich. Ich habe das Café Jakuboswski jetzt seit zehn Jahren und ich kann mich immer beispielsweise mit der „SSM“ oder der „Mütze“ austauschen. Das Gegenseitige gefällt mir richtig gut.

Also man kennt sich im Veedel ...

Absolut. Das ist schon ein kleines Dorf.

Bald steht ein Höhepunkt im „Dorf“ an, die 8. Mülheimer Nacht. Sie sind sozusagen deren Erfinderin. Wie kam es dazu?

Damals kam der Gedanke auf, dass wir uns stärker vernetzen müssen, weil wir auch noch recht wenige waren. Das hat von der ersten Stunde an gut funktioniert. Mit dabei sind ja auch nicht nur Gastronomen, sondern auch ein Friseur, eine Schneiderei oder die Friedenskirche. Das sind ganz unterschiedliche Akteure und auch kleine Lädchen.

Um Veranstalter zu sein, ist die Bedingung, Programm anzubieten. Man kann nicht einfach sagen, dass es ein Saufgelage wird, sondern es muss etwas geboten werden. In diesem Jahr unterstützen wir auch die Kampagne „Kein Kölsch für Nazis“. Auf den Plakaten zur Mülheimer Nacht sieht man den Button „Mut zu Toleranz, Freiheit und Liebe“. In diesem Zeichen findet die 8. Mülheimer Nacht statt. Normalerweise gibt es kein Motto, aber für dieses Jahr haben wir diese Notwendigkeit gesehen. Das geht einher mit dem politischen Engagement, das sich einige von uns über das Wahljahr verteilt in Mülheim vorgenommen haben.

Was sind die Programmhighlights dieses Jahr?

Ich finde den Programmpunkt von Iris von Sperrmüller ganz toll. Vor ihrem Laden gibt es eine Tangoaufführung „Tanguera de Mulheim“ und nebenan bei „Guckundhorch“ läuft „Die Kontrollierte Party“. Eine Überraschung wird es dort auch geben. Ein weiteres Highlight ist der Friseursalon „Haarbühne“ mit Bands, DJs, Pole-Akrobatik und Cocktails. Die Friedenskirche zeigt die Ausstellung „Mülheimer für Mülheim“. Im Café Jakubowski spielt die Band „Inky Timez“, und das Schauspielhaus kommt mit seinem „Theater to go“ vorbei.

Vorm Café wird es eine 33-Minuten-Andacht zum Frei-Sein geben, das ist eine Musikmischung aus Elektro und Klassik. Zudem zeigen wir dort die Videoinstallation „Unantastbar“ von Eva Rusch. Empfehlenswert ist auch immer ein Besuch des „Kunstwerks“, um einen Blick in die vielen offenen Ateliers zu werfen. Mühlheim ist kunterbunt. Hier ist immer wahnsinnig viel los. Letztes Jahr hatten wir eine Samba-Gruppe, und ihr allein schauten fast 400 Leute zu. Das war mir für dieses Jahr zu viel Karneval, denn es brauchte einen Bruch. Die Aktionen dürfen diesmal auch kritisch sein.

Was gefällt den Besuchern besonders gut?

Die Stimmung ist durchweg positiv. Ich bekomme immer E-Mails, in denen sich die Leute bedanken. Das schöne ist ja, dass die Mühlheimer Nacht so vielseitig ist. Es ist für jeden etwas dabei, und es wird niemanden geben, der nichts findet. Selbst unsere Stamm-Ömchens aus dem Veedel sind unterwegs. Letztes Jahr waren sie zum Schluss im Punkschuppen „Limes“ und haben den Laden zugemacht.

Müssen Sie in diesem Jahr besondere Sicherheitsauflagen erfüllen?

Nein. Bisher ist auch nie etwas passiert. Wir arbeiten eng mit dem Ordnungsamt, der Polizei und der Stadt zusammen. Wir halten uns daran, dass ab 2 Uhr Ruhe ist und die Partys an ausgewählten Orten weitergehen.

Wer sollte zur Mülheimer Nacht kommen?

Ich finde, dass sich auch einmal Politiker unter die Leute mischen und sich die Stimmung im Stadtteil ansehen sollten: Wie sind die Menschen hier und wie gehen sie miteinander um? Aber hauptsächlich geht es um die Kölner und die Mülheimer. Man muss es auch so sehen: Die Gäste kommen das ganze Jahr, von ihnen leben wir. Deshalb finde ich es schön, wenn man auch etwas zurückgeben kann.

Gibt es denn einen Unterschied zwischen rechts- und linksrheinischem Veedel-Flair?

Linksrheinisch gibt es einfach mehr. Hier entwickelt sich noch einiges, und linksrheinisch ist schon vieles fertig. Es ist nicht so hip hier – dafür auch nicht so abgeklatscht. Vergleiche mit anderen Events wie beispielsweise dem Ehrenfeld-Hopping finde ich schwierig, weil jedes Event auf seine Weise toll ist. Jeder Stadtteil funktioniert ja auch anders. Hier ist es schon dörflich, und wir sind alle eng miteinander verbunden. Das ist besonders an Mülheim. Es ist ein Hood.

(englisch für „Nachbarschaft“)

Was wünschen Sie sich für die weitere Entwicklung in Mülheim?

Ich finde es gut so, wie es ist. Aber ich wünsche mir, dass durch den ganzen Wohnungsbau, der gerade stattfindet, der Stadtteil nicht überlagert wird von Menschen, die hier nur wohnen, aber nicht leben. Solche, die eine superteure Wohnung kaufen, abends in die Tiefgarage fahren und morgens wieder heraus zur Arbeit. Die gehen hier nicht einkaufen oder ins Café. Damit kann man einen Stadtteil schnell kaputt machen. Mülheim ist etwas besonderes, aber die Mieten gehen so extrem in die Höhe, dass man aufpassen muss. Es darf keine Fremdbevölkerung entstehen, die hier lebt, ohne etwas mit dem Stadtteil zu tun zu haben.

Die Mülheimer Nacht 2017

Die Mülheimer Nacht beginnt am Samstag, 1. April, ab 20 Uhr zwischen Zoobrücke und der SSM-Halle sowie der „Mütze“. Die Ticketbändchen zum Preis von je fünf Euro werden nur an diesem Abend in den 26 beteiligten Locations ausgegeben. Zwischen 20 und 3 Uhr fährt halbstündlich ein Shuttlebus zwischen den Bars, Galerien, Kirchen und Kneipen. Das Programm gibt es im Internet.

Die Stadtteil-Redaktion verlost fünf mal zwei All-Area-Bändchen, mit denen man umsonst auf die kostenpflichtigen Konzerte und die Party in der Boulehalle kommt. Wer je zwei dieser Bändchen gewinnen möchte, kann der Stadtteil-Redaktion eine E-Mail schicken mit dem Stichwort „Durch die Mülheimer Nacht janz umsonst“. (sta)

ksta-stadtteile@dumont.de

www.muelheimernacht.de...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

Mit Yahoo Nutzung stimmen Sie zu, dass Yahoo und Partner Cookies für Personalisierungs- und andere Zwecke nutzen