"Wir müssen uns alle Vorwürfe machen": Matthias Fornoff über Fehleinschätzung vor Putins Krieg

"Die Zeichen standen klar an der Wand", sagt Matthias Fornoff über den Krieg gegen die Ukraine, den niemand habe kommen sehen. (Bild: ZDF / Jens Koch)
"Die Zeichen standen klar an der Wand", sagt Matthias Fornoff über den Krieg gegen die Ukraine, den niemand habe kommen sehen. (Bild: ZDF / Jens Koch)

Matthias Fornoff ist seit Jahrzehnten ein Kenner Russlands. Und doch überraschte Putins Krieg gegen die Ukraine auch ihn. "Ich hätte das nicht für möglich gehalten", sagte der ZDF-Journalist nun in einem Interview.

Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat nicht wenige Expertinnen und Experten überrascht. So auch Matthias Fornoff, Leiter des ZDF-Politikressorts und seit Jahrzehnten ein Kenner Russlands, der sich journalistisch, aber auch privat mit dem Land beschäftigt hat. "Ich hätte das nicht für möglich gehalten - diesen Rückfall in imperiale Gewaltfantasien", gestand der Journalist nun im Interview mit der Nachrichtenagentur teleschau. "Für mich hat das auch eine persönliche Ebene, weil ich Slavistik studiert habe, Russisch spreche, oft im Land war und dort Freunde habe", so Fornoff mit Blick auf den Krieg.

"Diese Zeitenwende besitzt auch mit Blick auf Russland selbst eine gewisse Tragik, das wird man wahrscheinlich in der Geschichtsschreibung irgendwann sehen", analysierte der 58-Jährige im Interview. Putin habe innenpolitisch "durchaus viel geschaffen". Wirtschaftlich sei es vorangegangen, den Leuten sei es besser gegangen - auch sei eine Mittelschicht geschaffen worden. "Ich habe noch eine Sowjetunion kennengelernt, in der es wirklich nichts gab. Die Läden waren leer, die Straßen waren leer, es gab kaum Privatautos. Das hat sich alles in der Ära Putin geändert."

Die gängige Meinung in Russland habe lange Zeit gelautet: "Putin macht das schon." Das Land, so der ZDF-Mann, sei "sicher eine gelenkte Scheindemokratie, deren Verhältnisse mit den unseren nicht vergleichbar sind - aber dieses Ausmaß an Unterdrückung und Aggressivität habe ich nicht kommen sehen. Und ich glaube: Niemand hat das kommen sehen".

"Die Zeichen standen klar an der Wand"

Dass der politische Journalismus dies falsch eingeschätzt habe, müsse man sich vorwerfen lassen, so Fornoff im teleschau-Interview: "Ich glaube, wir müssen uns alle Vorwürfe machen - die Journalisten, aber auch die Politik. Die Zeichen standen klar an der Wand." Putin habe "grausame Kriege geführt, nur eben weit weg, in Syrien und Tschetschenien. Das war nicht besser als jetzt. Trotzdem dachte niemand, dass er ein russisches Imperium wieder erschaffen will". Bereits 2018 hätte ihm bei einer Reportagereise durch Russland eine Rechtsaußen-Frontfrau gesagt, dass die Ukraine sei kein eigener Staat sei: "Das seien eigentlich Russen und kein Brudervolk. Das war alles schon da - ich hätte es nur für unmöglich gehalten, dass das von Putin nach unten durchgedrückt wird."

Wie es nun und in Zukunft in Russland weitergehe, sei "sehr schwer zu prognostizieren, weil niemand weiß, wie lange Putin sich noch hält", so Fornoff gegenüber der teleschau. Klar sei aber jetzt schon: "Russland wird über viele Jahre abgeschnitten sein - wenn nicht Jahrzehnte."

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