Machen Windräder krank? Das sagt die Wissenschaft

Die Anwohner klagen über Kopfschmerzen, Herzrasen und Schlaflosigkeit, die Industrie hält mit Studien dagegen: Um das Thema Windenergie hat sich ein stark politisierter Kampf entwickelt, in dessen Zentrum eine Frage steht: Kann der Infraschall der Windräder tatsächlich krankmachen?

Windräder sind fester Bestandteil vieler deutscher Landschaften geworden - doch schaden sie den nächstgelegenen Anwohnern? (Bild: Getty Images)

Mehr als 1000 Bürgerinitiativen gibt es mittlerweile gegen die Windkraftprojekte, die in Deutschland die Energiewende ankurbeln sollen. Ein sich immer wiederholender Vorwurf ist, dass der Lärm, der durch die kolossalen Windräder entsteht, bei den Anwohnern enorme gesundheitliche Schäden anrichten soll. Bei der Beantwortung der Frage, ob das stimmt, scheiden sich die Ansichten der Wissenschaftler.

Infraschall: Nicht hörbar, aber trotzdem schädlich?

Das sogenannte Wind Turbine Syndrome beschäftigt die Forscher schon seit einigen Jahren. Viele Menschen, die in der Nähe der Windkraftanlagen leben, klagen über erhebliche Schlafprobleme, innere Unruhe und Kopfschmerzen, die allesamt auf den Lärm der Windräder zurückzuführen sein sollen. Dass dauerhafter Lärm krank macht, ist hinlänglich bewiesen. Die Weltgesundheitsorganisation hat deshalb im vergangenen Jahr eine Richtlinie erstellt, der zufolge Windkraftanlagen tagsüber eine Durchschnittsgrenze von 45 Dezibel nicht überschreiten sollen - das entspricht etwa leiser Radiomusik.

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Doch abgesehen vom hörbaren Lärm ist ein zentraler Streitpunkt der Infraschall, Schallwellen unter 20 Hertz, die für den Menschen nicht bewusst wahrnehmbar sind, aber laut manchen Experten dennoch zu vergleichbarem körperlichen und psychischen Stress führen sollen. So ergab eine Versuchsreihe von Christian Vahl, Direktor der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie in Mainz, dass die Leistung von Herzmuskelzellen durch Infraschall um bis zu 20 Prozent nachlassen kann.

Zwar ist Infraschall fester Bestandteil unseres Alltags - auch Haushaltsgeräte wie Föhn, Waschmaschine und Kühlschrank geben ihn ab. Jedoch, wie der Mediziner Dr. Johannes Mayer der “Passauer Neuen Presse” sagte, seien Betroffene durch Windräder diesem Lärm 24 Stunden am Tag ausgesetzt und nicht nur wenige Momente, was den Körper unter Dauerstress setze.

Kausaler Zusammenhang oder Nocebo-Effekt?

Auch weitere Studien untermauern diese These - wie die des Akustikers Stephen Cooper, der bei australischen Anwohnern in der Nähe von Windkraftanlagen Symptome wie Müdigkeit, Herzrasen und Hörprobleme feststellte, und zwar vor allem dann, wenn die Räder in Betrieb waren.

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Rührt die Unausgeschlafenheit von den Windrädern her - oder von der Angst vor ihnen? (Symbolbild: Getty Images)

Andere Wissenschaftler bemängeln konkrete, wissenschaftliche Belege für einen Zusammenhang zwischen den Anlagen und den Beschwerden, die über Erfahrungsberichte hinausgehen. Neuseeländische Wissenschaftler hielten bereits 2013 dagegen, dass die Beschwerden weniger von einem physiologischen Zusammenhang herrühren, sondern von einer inneren Abneigung, die einen Nocebo-Effekt - das Gegenteil des durch Einbildung heilenden Placebo-Effekts - auslöst. Wer vorab schon Panik hat, durch die Windräder körperlichen und psychischen Schaden zu nehmen, wird das verstärkt bei sich feststellen, so das Ergebnis der Studie der University of Auckland.

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Zumal es sich bei den Menschen, die über Beschwerden klagen, keinesfalls um eine Mehrheit handelt. Einer Schätzung von Dr. Thomas Carl Stiller von der Vereinigung "Ärzte für Immissionsschutz" zufolge sind es 10 bis 20 Prozent der Anwohner, die Symptome bei sich bemerken.

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