Macht und Ohnmacht im Bankenturm: Warum der Frankfurter Weihnachts-Tatort besser ist als die Konkurrenz aus dem Schwarzwald

Mila Lemke
Freie Autorin
Paul Brix (Wolfram Koch, li.) und Jonas (Isaak Dentler) im Frankfurter Tatort. Foto: HR/Degeto/Bettina Müller

Gleich zwei neue Tatort-Folgen sendete das Erste um die Weihnachtszeit. Den Anfang machte am Abend vor Heiligabend der SWR-Beitrag „Schlaflos im Schwarzwald”. Am Mittwoch zog der Hessische Rundfunk mit seinem Tatort aus Frankfurt am Main nach.

In der Schwarzwald-Schnurre tapperten zwei zerknitterte Kommissare übermüdet durch die Botanik und lutschten ständig Koffeindragees, während ein depressiver Jurastudent mit Stimmen im Kopf von „Knotentanzkursen” halluzinierte, die wiederum eine Burschenschaft veranstaltete, deren wichtigste Regel lautete: nach 18 Uhr nur Hemden mit Kragen tragen.

Außerdem spielten auf: Ein Exhibitionist, der mit einem Plüschteddy in Spitzenunterwäsche zusammenwohnt, ein kriminell naives WG-Mädchen und ein mordender Rentner. Komplettiert wurde das Ensemble durch eine Wirtin im Kuchenrausch, eine Wochenend-Prostituierte und deren Ehemann. Mit anderen Worten: Den Zuschauern im Sessel drohte dasselbe Schicksal wie den Protagonisten im Film: Wahnsinnig zu werden.

Am gestrigen zweiten Weihnachtsfeiertag versuchte sich nun der Hessische Rundfunk mit einem neuen Krimi – und der war um Längen besser.

Die Story

Die Kommissarin Janneke (Margarita Broich) findet nachts eine junge, spärlich bekleidete Frau mit einer eine Plastiktüte am Fuße eines der Bankentürme in Frankfurts Innenstadt. Janneke ermittelt auf eigene Faust, geht allein in den Turm und wird niedergeschlagen. Als ihr Kollege Brix (Wolfram Koch) eintrifft, findet er sie bewusstlos im Aufzug.

Im Mittelpunkt des Finanzthrillers steht „Micro-Trading”, dubiose Finanzgeschäfte am Rande der Legalität. Die Idee, die Story um einen Hochhausturm zu bauen, ist originell. Zudem ist der Plot plausibler, als die SWR-Posse. Sicher: Einige Ungereimtheiten gibt es auch bei den Hessen. Dass ein angeblich genialer Einbrecher in ein Büro einsteigt, um dann dort das Licht einzuschalten, damit ihn hinter den erleuchteten Glasfassaden auch wirklich jeder sieht, das versteht wahrscheinlich nur der Drehbuchautor. Und das Klischee der Karohemden-Nerds aus der IT-Abteilung hätte man sich sparen können.

Kurzzeitig außer Gefecht: Kommissarin Anna Janneke (Margarita Broich) wollte allein ermitteln und wurde niedergeschlagen. Ihr Kollege Paul Brix (Wolfram Koch) kam zu spät zum Tatort. Foto: HR/Degeto/Bettina Müller

Dafür entschädigen eine großartige Katja Flint als eiskalte Juristin, eine Kameraführung, die die teilweise kafkaeske Atmosphäre unterstreicht und die vorhandene (sich erst allmählich aufbauende) Spannung des Streifens.

Aktuell ist auch die über die Handlung wie ein Damoklesschwert schwebende Frage: Wie weit reicht die Macht der Banken wirklich? Vom Plot der gelungenen ZDF-Serie „Bad Banks” ist die Tatort-Story meilenwert entfernt. Aber im Vergleich zu den meisten anderen Tatort-Zumutungen ist die Frankfurter Ausgabe ein Lichtblick.