Auch Mafiosi müssen malochen

Sven Hauberg
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Auch Mafiosi müssen malochen

"The Irishman" ist ein Relikt aus einer Zeit, die sich ihrem Ende entgegen neigt: Noch einmal lässt Martin Scorsese den Gangsterfilm aufleben.

Immer wieder beschleicht einen in den dreieinhalb Stunden, die "The Irishman" dauert, das Gefühl, einem Dinosaurier zuzusehen, der in den letzten Zügen liegt. Nicht nur, weil Regisseur Martin Scorsese in seinem Mafiafilm von einer Welt erzählt, die längst vergangen ist, in der die Männer "Tony Three Fingers" heißen und "Schwanzlutscher" noch ein politisch halbwegs korrektes Schimpfwort ist. "The Irishman" ist auch ein Film, wie er heute eigentlich nicht mehr gemacht wird. Man muss gar nicht so weit gehen wie Scorsese selbst, für den all die Superheldenfilme, die derzeit Rekorde brechen, gar kein Kino sind, sondern "mehr Freizeitparks", wie er unlängst in mehreren Interviews kundtat. Aber ein 210 Minuten langes und fast 160 Millionen US-Dollar teures Epos über einen Auftragskiller der Mafia und einen Gewerkschaftsführer, den keiner mehr kennt, der jünger ist als Scorsese selbst - wer finanziert so etwas heute überhaupt noch?

Im Falle von "The Irishman" war es der Streamingdienst Netflix, der die benötigten Millionen zu Verfügung stellte und den Film nach einer kurzen Auswertung im Kino am 27. November in sein Programm aufnimmt. Wie lange das Unternehmen, das einen Schuldenberg von mehr als zwölf Milliarden Dollar angehäuft hat, sich derartige Prestigeprojekte noch leisten kann, zumal die Konkurrenz mit Disney+ und HBO Max stetig wächst, bleibt allerdings fraglich.

Man sollte Filme wie "The Irishman" also genießen, so lange es sie noch gibt. Auch wenn es Martin Scorsese dem Zuschauer mit seinem fünften Mafiafilm (nach "Hexenkessel", "Goodfellas", "Casino" und "Departed") nicht immer leicht macht. Denn er verzichtet weitgehend auf eine klassische Dramaturgie, auf Spannungsbögen, Actionsequenzen und Schießereien. Stattdessen erzählt er ziemlich schnörkellos vom Aufstieg und Fall des Mafiakillers und Gewerkschaftlers Frank "The Irishman" Sheeran, von dessen ersten Schritten hinein in die Illegalität bis hin zu seinen einsamen letzten Tagen in einem Altenheim.

Malen mit Blut

"The Irishman" basiert auf dem Buch "I Heard You Paint Houses" von Charles Brandt, der darin die wahre Geschichte von Sheeran und Jimmy Hoffa erzählt, einem der mächtigsten Gewerkschaftsbosse, den die USA je gesehen haben. Der Titel des Buches bezieht sich auf die reichlich zynische Beschreibung dessen, was Sheeran und seine Konsorten im Auftrag der New Yorker Mafia machen: Sie richten Menschen hin, mit wenigen Schüssen, die das Blut spritzen lassen wie rote Farbe auf eine weiße Wand. "Anstreichen" nennen sie das.

Robert De Niro spielt den Iren Frank Sheeran, der als einer von wenigen Nicht-Italienern in der Mafia der 60er-Jahre Karriere macht. "The Irishman" konzentriert sich auf Sheerans Jahre an der Seite von Mafiaboss Russell Bufalino (Joe Pesci) und später als Mitstreiter von Gewerkschaftsführer Hoffa (Al Pacino). In Rückblenden zeigt der Film aber auch, wie Sheeran zu einer der prägenden Figuren des organisierten Verbrechens wurde, wie er als Lastwagenfahrer zunächst Rinderhälften illegal verkaufte und so die Bekanntschaft von Bufalino machte. Erzählt wird all das von einem gealterten Frank Sheeran, der vor seinem Tod im Jahr 2003 in einem Altenheim lebte und seine Lebensgeschichte hier Revue passieren lässt. Für die drei Zeitebenen, in denen "The Irishman" spielt, wurde Hauptdarsteller De Niro am Computer jünger beziehungsweise älter gemacht - vor allem Letzteres hat hervorragend funktioniert.

Frank Sheeran arbeitet sich schnell hoch, vom Lastwagenfahrer im Pennsylvania der 50er-Jahre zum "Anstreicher" in Dienste von Bufalino. Der macht ihn später mit Gewerkschaftsboss Hoffa bekannt, der tief in die Machenschaften der Mafia verstrickt ist. Sheeran wird erst eine Art Bodyguard für ihn, später nimmt er dann selbst eine hohe Position in der Gewerkschaft ein. Doch die enge Beziehung zwischen Mafia und Gewerkschaft bekommt Risse, als Bufalino und Co. mit ihren Geldern John F. Kennedy ins Weiße Haus befördern und dessen Bruder Justizminister wird. Robert F. Kennedy (Jack Huston) sagt den vom Filz durchdrungenen Gewerkschaften nämlich den Kampf an und überzieht sie mit Prozessen. Zwischendrin steht Frank Sheeran, halb Mafioso, halb Gewerkschafter.

Frauen als Beiwerk

Martin Scorsese ist in "The Irishman" weit davon entfernt, das Mafialeben zu romantisieren. Immer wieder zeigt er in kurzen Texteinblendungen, wie die Männer, um die es in seinem Film geht, enden: Kopfschuss, Schuss ins Herz, Messerstich in die Brust ... oder eben wie Sheeran, als Greis, den niemand besuchen kommt in seinem Altenheim. Ein wenig revidiert Scorsese damit auch das Bild, das er selbst immer wieder vom Verbrechen gezeichnet hat. Auch das Leben als Mafioso ist eben Maloche.

All das macht den Film etwas spröde; für Emotionen ist wenig Platz. Zumal Hauptfigur Frank Sheeran kein wirklich sympathischer Charakter ist, mit dem man mitfiebern oder mitleiden möchte. "The Irishman" ist eine Chronik, bisweilen nüchtern, immer aber opulent. Der Film ist fantastisch ausgestattet und bis in die kleinsten Rollen großartig besetzt. Harvey Keitel und Bobby Cannavale sind dabei, und auch Anna Paquin. Die Oscarpreisträgerin spielt Sheerans erwachsene Tochter und spricht im ganzen Film fast kein Wort. Wie so oft bei Scorsese sind Frauen auch hier nur schmückendes Beiwerk, dürften elegant Rauchwolken in die Luft pusten oder betroffen auf die Männer an ihrer Seite blicken. Auch da ist der Film ein Stück weit aus der Zeit gefallen. Aber vielleicht ist es mit "The Irishman" wie mit so vielem im Leben: Filme wie diesen wird man schmerzlich vermissen, sollte es sie eines Tages tatsächlich nicht mehr geben.