Maischberger im Zwiegespräch mit Annegret Kramp-Karrenbauer: "Wollen Sie Kanzlerin werden?"

Annegret Kramp-Karrenbauer stellt sich den Fragen Sandra Maischbergers und schlägt sich weitestgehend souverän. (Bild: ARD / Screenshot)

Eine Stunde Zeit, um die neue CDU-Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer besser kennenzulernen. Ist sie eine „Merkel 2“, also pragmatisch und unideologisch oder ist sie leidenschaftlich, wie sie in ihrer Bewerbungsrede um den Parteivorsitz gezeigt hat? Sandra Maischberger fragt dazu: „Katholisch, konservativ – Kanzlerin?“

Welcher Eindruck bleibt nach einem einstündigen Gespräch mit Annegret Kramp-Karrenbauer?

Die Parteivorsitzende hat sich nach dem Kampf um die CDU-Spitze offensichtlich daran gewöhnt, die Bühne nicht mehr mit ihren damaligen Konkurrenten Friedrich Merz und Jens Spahn teilen zu müssen. Sie wirkt ruhig und aufgeräumt, spricht offen über persönliche Themen und die politischen Herausforderungen, die vor ihrer Partei liegen. Mit einer Ausnahme schlägt sie sich souverän.

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Den Anfang macht Sandra Maischberger mit einer Satzvervollständigung – nett, um warm zu werden, aber es zeigt sich schnell, dass AKK keine Politikerin ist, die permanent pointiert antworten kann – oder will. Da stellt sich grundsätzlich die Frage, ob ein solches Instrument der Interviewführung überhaupt sinnvoll ist, in Zeiten der Verkürzung und twitterfreundlichen Ein-Satz-Politik, in der Positionen und Probleme solange vereinfacht werden, bis die Antworten auf wenige Zeichen passen. Politiker, die differenzieren und sich so ernsthaft und gewissenhaft mit Problemen auseinandersetzen, braucht der Diskurs viel eher.

Letztlich lässt sich AKK die ganze Sendung über auch nicht aufs Glatteis führen. Kein Satz kommt vorschnell über ihre Lippen. Das ist dahingehend wichtig, als dass keine Aussage im Nachhinein als Schnellschuss weggewischt werden kann. Jedes Wort hat seine Daseinsberechtigung und ist wohl auch so gewollt.

Die Schnellrunde:

Großbritannien wird am 29. März… „die EU hoffentlich geordnet verlassen. Wenn sie nicht doch bleiben.“

Eine Doppelspitze mit… „Angela Merkel.“

Eine zeitlich begrenzte Kanzlerschaft… „ist nicht wirklich überzeugend.“

Eine Moschee mit Minarett in Ihrer Straße… „ist als Ausdruck der Religiosität in Ordnung.“

Angela Merkels größter politischer Fehler: „Muss sie selbst sagen.“

Der letzte Film, bei dem ich geweint habe: „Das Schicksal ist ein mieser Verräter.“

Die Höhe der Betriebsrente, von angeblich 4.250 Euro am Tag, von Dieter Zetsche… „ist schwer zu erklären.“

Kindheit und Elternhaus

AKK wuchs mit fünf Geschwistern auf, ihren ersten Vollrausch erlebte sie kurz vor der Unizeit – den letzten noch bevor sie ihre drei Kinder bekam. Ihr Elternhaus beschreibt sie als lebensfroh und als ein Haus, in dem gern zusammen gefeiert wurde – mit der unumstößlichen Regel: Am nächsten Tag ist Schule Pflicht. Die Familie versorgte sich zum großen Teil selbst aus dem Garten, sie lebte mit der Jahreszeit und der Ernte. Sie hatte alles, was sie zum Leben brauchte.

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AKKs Vater ist relativ früh an Leukämie gestorben, was ein Schock für sie war – und der Grund, ihren Doppelnamen anzunehmen. Als Erinnerung an ihn. Der Tod ihres Vaters bewegte sie beinahe dazu, ihr Studium abzubrechen und zu ihrer Mutter nach Hause zurückzukehren. Kramp-Karrenbauer sagt, es sei eine sehr harte Zeit gewesen und sie wäre mit einem Schlag erwachsen geworden. Sie hat dann auch schnell und jung geheiratet.


Religiosität

Glaube ist für sie Privatsache. Kirchenbesuche am Samstagabend oder Sonntagmorgen waren Pflicht in ihrer Kindheit. AKK glaubt an ein Leben nach dem Tod, ihre letzte Beichte aber sei Jahre her. Für ihre Gedanken und Gebete finde sie jedoch täglich Zeit.

Kramp-Karrenbauer traf zweimal den amtierenden Papst, Benedikt und Franziskus – was sie als persönliche Höhepunkte in ihrem Leben beschreibt.

AKK sagte einmal, das Kopftuch sei ein Zeichen der Unterdrückung. Heute sagt sie, es sei ein ambivalentes Symbol, das religiös, aber auch kulturell hergeleitet werden könne. Und dass sie sich selbst bei dem Gedanken „Freiwillig oder erzwungen?” erwische, wenn sie eine Frau mit Kopftuch sehe. Aber ob das nicht mehr über die Gedankenwelt von AKK aussagt, als über die Gesellschaft und das Kopftuch als Symbol?

Gleichgeschlechtliche Ehe

Wenn Deutschland die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Partner öffne, sei der Weg nicht mehr weit zu Vielehen und Eheschließungen innerhalb der eigenen Familie, sagte AKK einmal sinngemäß. Nur sind Polygamie und Inzest in Deutschland verboten. Die gleichgeschlechtliche Ehe damit gleichzusetzen, kriminalisiert diese schlicht. Ein Vorwurf, mit dem AKK schon oft konfrontiert wurde. Auch Maischberger hakt nach.

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„Dabei bleibe ich, ich stehe zu meiner persönlichen Sichtweise“, erklärt Kramp-Karrenbauer. „Aber wir haben eine völlig andere Rechtslage im Jahr 2019 in Deutschland, die mit Stimmen der CDU und CSU zustande gekommen ist und auch dazu stehe ich. Ich verstehe, dass es für die Betroffenen schwierig ist. Ich nehme die Kritik an.“

Nein, das macht sie nicht. Sonst würde sie hier ihre Meinung, die, wie sie selbst sagt, bestehendem Recht entgegensteht, nicht derart äußern. Es ist ein Thema, an dem die Politikerin vielmehr zeigt, wie konservativ sie ist. Darin steht sie einer offenen und liberalen Gesellschaft entgegen. Und es ist ein Thema, das die Frage aufwirft, wie viel persönliche Meinung eine Parteivorsitzende – und in dieser Rolle ist sie an diesem Abend eingeladen – äußern kann. Denn die persönliche Meinung vom Amt zu trennen, ist schwierig. Oder unmöglich.


Gleichberechtigung und Berufspolitiker

Die CDU wird aktuell von 26 Prozent Frauen vertreten, intern gibt es die Marschroute auf 30 Prozent. AKK gibt als Ziel 50 Prozent an. „Ich bin der Meinung, wenn man 50 Prozent Anteil an der Bevölkerung hat, ist man keine Minderheit. Das muss sich paritätisch widerspiegeln.“

Sie selbst wurde als Frau von Parteikollegen immer wieder belächelt. Sie wurde als „Müllers Mädchen“ bezeichnet – nach ihrem politischen Förderer und dem ehemaligen saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller. „Ich bin ausgesprochen gut damit gefahren, dass man mich falsch eingeschätzt hat und unterschätzt. Mich stachelt es an.“

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Der Journalist Harald Martenstein forderte jüngst, dass Politiker fünf Jahre außerhalb der Politik arbeiten sollten, um Nähe zum Volk herzustellen und die wahren Probleme kennenzulernen. Auch AKK kennt den Vorwurf, Berufspolitikerin zu sein. „Jeder ist frei, für ein politisches Amt zu kandidieren. Ich habe während meines Studiums zwei Kinder bekommen, wenn man Familienarbeit hoch wertet, habe ich Lebenserfahrung außerhalb der Politik gesammelt. Auch durch meine kommunalpolitische Erfahrung. Eine Durchmischung in den Parlamenten ist gut, aber es sollte keine Vorschrift geben, wer für ein politisches Amt geeignet ist.“

„Wollen Sie Kanzlerin werden?“

Darauf antwortet Kramp-Karrenbauer nicht eindeutig mit „Ja“, aber beinahe: „Wer sich auf den Parteivorsitz der CDU bewirbt, für den muss das eine Möglichkeit sein.” Für sie sei es nicht die Frage, was ihr persönlicher Karrierewunsch sei. “Sondern es ist die Frage: ‘Wie stelle ich sicher, dass die CDU bei der nächsten Bundestagswahl, bei der nächsten Regierung, sozusagen mit der höchsten Wahrscheinlichkeit die stärkste Partei wird – und dann die Kanzlerin oder den Kanzler stellt. […] Als verantwortliche Parteivorsitzende muss es Pflicht und Recht sein, den Prozess dann zu steuern. Das geht über die eigene Person und die eigenen Pläne hinaus. Das nenne ich politische Verantwortung.“ Klar ausgedrückt: Unter der Parteiführung von AKK kann ein anderes CDU-Mitglied die Kanzlerschaft innehaben.


Landtagswahlen in Ostdeutschland

„40 Prozent wollen Sie erreichen, wieso legen Sie die Latte so hoch?“, fragt Maischberger.

„Der Befund ist nicht so lange her, dass wir das erreichen können”, erklärt AKK. “Unser Ziel bei den kommenden Landtagswahlen ist erst mal, aus der demokratischen Mitte eine Regierung bilden zu können in Sachsen, Thüringen und Brandenburg.“

Eine Koalition mit der AfD werde es hingegen nicht geben, genau so wenig mit der Linken.


Zum Schluss noch eine Schnellfragerunde:

Tempolimit? „Nein.“

Sind Dieselfahrverbote sinnvoll? „Sie sind nicht in jedem Fall verhältnismäßig genug.“

Können sich Deutsche weiter Diesel kaufen? „Ja.“

Ist die Flüchtlingskrise von 2015 bewältigt? „Noch nicht ganz.“

Eine allgemeine Wehrpflicht? „Allgemeine Dienstpflicht.“

Mindestlohn? „Ja. Allerdings in einem anderen Modell, tarifgebunden.“

Spitzensteuersatz erhöhen? „Nein. Wir haben sprudelnde Steuereinnahmen und müssen eher die Mitte entlasten.“


Bedeutet Hartz IV Armut? „Für manche Menschen, ja.“

Ist die Energieversorgung nach dem Kohleausstieg gesichert? „Wir können nur aussteigen, wenn sie gesichert ist, um Industrienation zu bleiben.“

Trump oder Putin? „Gleichermaßen schwierig.“

Lindner oder Habeck? „Gilt das Gleiche.“

Merz oder Schäuble? „Sind mit gleichermaßen lieb.“ Eine schöne Antwort, so vielsagend.

Vertrauen Sie Schäuble? „Ich respektiere ihn.“ Autsch.

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