“Man kann von einer Erschöpfung der Zukunft sprechen”: Sir Christopher Clarke bei “Markus Lanz”

Zu Gast bei “Markus Lanz”: Anton Hofreiter, Helge Schneider, Christiane Hoffmann und Sir Christopher Clarke. (Bild: Screenshot ZDF)

Warum tut sich Deutschland so schwer mit Zukunftsvisionen? Dieser Frage ging am Mittwochabend die Talkrunde bei “Markus Lanz” nach.

Die deutsche Politik scheint seit Längerem mehr mit sich selbst als mit der konkreten Gestaltung der Zukunft beschäftigt zu sein: Innerparteiliche Turbulenzen von CDU, CSU und SPD, Koalitionstumulte sowie Nachfolgerfragen beherrschen die Medien. Von Zukunftskonzepten ist hingegen nur wenig zu hören. “Ein Grund ist im Moment, dass wir uns am Ende einer Ära befinden. Am Ende der Ära Merkel. Bevor nicht die Personalfragen geklärt sind und wir wissen, mit wem wir in diese Zukunft gehen, wird da und kann da natürlich nichts passieren”, attestierte Christiane Hoffmann, “Spiegel”-Hauptstadtkorrespondentin.

Mangel an Visionen

Deutschland mangle es generell an Visionen, so Hoffmann: “Ich glaube, dass, was die Außenpolitik, die Sicherheitspolitik und die Weltpolitik angeht – und Deutschland ist ja mittlerweile ein weltpolitischer Akteur – wir einfach verlernt haben, strategisch zu denken und verlernt haben, diese Visionen überhaupt zu entwickeln. Es gab halt so viele Jahrzehnte, in denen wir das nicht mussten, eigentlich in Wahrheit auch gar nicht durften – und in denen wir behütet in der EU und von der USA unsere Politik gestaltet haben. Jetzt ist diese Phase definitiv beendet, aber wir können das nicht.”

Versagen der progressiven Kräfte

Grünen-Politiker Anton Hofreiter sieht den derzeitigen Mangel an Zukunftsperspektiven globaler: “Ich glaube, dass die Krise in Europa eine viel, viel tiefergehende ist. Wenn ich mir anschaue, dass nicht nur die SPD, sondern in allen europäischen Ländern die Sozialdemokratie in Schwierigkeiten ist, glaube ich, hat das wenig zu tun mit den aktuellen Personalentscheidungen oder dass Deutschland strategisches Denken verlernt hat oder nie konnte. Das stimmt vielleicht zum Teil für Deutschland, aber wir haben ja in ganz Europa das Problem.” Hofreiter sieht die Problematik eher in der schwächelnden Sozialdemokratie und den progressiven Kräften generell: “Ich glaube schlichtweg, dass die Vision, die es gab, die sozialdemokratische Vision von Wohlstand und Wachstum, an ihren eigenen Widersprüchen zerbrochen ist. Die Konservativen waren dafür da, diese Vision zu verlangsamen. Dass es bis jetzt nicht gelungen ist – und das betrifft alle progressiven Kräfte in den demokratischen Gesellschaften – da einen neuen, grundlegenden Entwurf zu entwickeln, der auf der Höhe der Zeit ist – das ist das Problem.”

In dem Moment, in dem Menschen keinen festen Glauben an eine gute Zukunft hätten, kommen Demokratien ins Schwanken und werden “angegriffen von Leuten, die zurück wollen in eine Vergangenheit, die es nie gab”, so Hofreiter.

Buchautor Sir Christopher Clarke beurteilt die Ära Merkel positiv. (Bild: Becher/WENN.com)

Erschöpfung der Zukunft

Zum Thema Zukunft hatte auch der Buchautor Sir Christopher Clarke, dessen Sachbuch “Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog” weltweit angesehen ist, einiges zu sagen: “Man kann von einer Erschöpfung der Zukunft sprechen und der Glaubwürdigkeit der Zukunft.” Es herrsche gewissermaßen eine Endzeitstimmung – und die allgemeine Befürchtung, dass es vielleicht nicht nur eine schlechte Zukunft geben könnte, sondern gar keine.

Rückblick auf Ära Merkel

Auf die Ära Merkel, deren Ende in Deutschland angebrochen ist, blickt Clarke indes positiv zurück. “Frau Merkel ist in einer sehr krisengeschüttelten Zeit zur Macht gekommen. Das ist der Umbruch, den wir spüren – wie Herr Herzog sagt, diese Epoche, die noch keinen Namen hat. Sie hat sozusagen die Politik verlangsamt. Sie ist eine verlangsamende Politikerin. Das ist wichtig gewesen, weil es in Zeiten der Krise leicht zu panikartigen Alleingängen kommen kann.”

“Die Geschichte wird Frau Merkel positiv beurteilen”, so Clarke. “Sie hat einen ganz anderen Stil geprägt. Dafür war man ihr sehr dankbar. Und das bei einer deutschen Kanzlerin, einer deutschen Staatschefin. Das ist sehr gut aufgefallen, das wird man ihr, glaube ich, nicht vergessen.”