"Man kann nie wirklich unpolitisch sein"

Markus Schu
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"Man kann nie wirklich unpolitisch sein"

Wotan Wilke Möhring ist einer der renommiertesten deutschen Schauspieler. Seit etwas mehr als 20 Jahren ist er im Geschäft. Während dieser Zeit wirkte er in über 100 Produktionen für Film und Fernsehen mit. Wie schafft er dieses gewaltige Pensum?

Wotan Wilke Möhring begeistert mit seit über zwei Jahrzehnten in TV und Kino gleichermaßen. Es vergeht kaum ein Jahr, in dem der aus dem Ruhrpott stammende Vielspieler nicht mindestens in fünf verschiedenen Produktionen zu sehen ist. Und der Workaholic hat schon so ziemlich alles gemacht - sowohl im Schauspielbereich als auch abseits davon: Im echten Leben war er Fallschirmjäger, Punkmusiker, und Türsteher. Auf der Leinwand oder auf dem TV-Bildschirm mimte Möhring Kommissare ("Antikörper", "Tatort") und tragikomische Helden ("Das Leben ist nichts für Feiglinge"). Sogar den Cowboy Old Shatterhand durfte er bereits in der "Winnetou"-Neuauflage von RTL verkörpern. Im ZDF-Zweiteiler "West of Liberty" (Sonntag, 24., und Montag, 25. November, jeweils 22.15 Uhr) gibt der 52-Jährige nun einen desillusionierten Ex-Doppelagenten, der einst im Kalten Krieg aktiv war und nun reaktiviert wird. Im Interview erklärt Möhring, was ihn an der Rolle des kaputten Spions fasziniert hat, warum die Fridays-For-Future-Bewegung für ihn eine gute Sache ist und wie er den Mauerfall im Jahr 1989 erlebt hat.

James Bond und Greta Thunberg

teleschau: In "West of Liberty" spielen Sie den reaktivierten Spion Ludwig Licht. Normalerweise ist es ja der Traum eines jeden Schauspielers, mal einen Agenten spielen zu dürfen - aber wohl nicht in dieser abgehalfterten Form ...

Wotan Wilke Möhring: Nein, tatsächlich nicht! Ich fand es allerdings sehr schön, auch mal etwas ungepflegt und unsportlich zu sein und den Bauch rausdrücken zu dürfen. (lacht) Das hohe Frustrations-Potenzial der Figur ist auch sehr interessant: Eigentlich glaubt Ludwig Licht an nichts mehr, er vegetiert viel mehr vor sich hin und wartet nur darauf, irgendwie über die Runden zu kommen und seine Schulden bezahlen zu können. Er ist quasi am Nullpunkt angekommen. Aber auch bei 007 ist man ja mittlerweile darauf gekommen, dass die Figur wesentlich spannender ist, wenn man James Bond menschlicher und zerbrochener darstellt. Die Zerrissenheit meines Agenten fand ich besonders reizvoll.

teleschau: "West of Liberty" ist ein sehr politischer Stoff. Sind Sie selbst ein politischer Mensch?

Möhring: Na klar! Ich glaube aber auch, dass man nie wirklich unpolitisch sein kann. Die größte "Wählergruppe" stellen beispielsweise nach wie vor die Nichtwähler dar. Auf ironische Art und Weise ist das doch lustig: Sie wollen nicht wählen, sind aber trotzdem die größte Gruppe! (lacht) Man ist also immer irgendwie politisch. Zu aktueller Weltpolitik hat doch jeder eine Meinung, eine Haltung. Und vor allem als junger Mensch ist es ungemein wichtig, dass man daran glaubt, die Welt verändern zu können. Nehmen Sie als Beispiel Greta Thunberg: Sie beweist gerade allen, dass der Einzelne wirklich etwas bewegen kann. Und dieser Gedanke ist enorm wichtig.

teleschau: Stichwort Greta Thunberg - begrüßen Sie das, was Fridays For Future macht?

Möhring: Ja, das finde ich richtig gut. Alles, was über die Online-Petition hinausgeht, finde ich super. Mal wirklich raus auf die Straße gehen und seine Meinung äußern! Die politisierte Presse betrachtet allerdings immer nur die Randerscheinungen: dass die Kinder nicht zur Schule gehen und nicht lernen - was für ein Quatsch! Auch wie Greta Thunberg instrumentalisiert wird, ist Quatsch. Aber die Idee, für die sie steht, ist wichtig. Der ständige Hinweis der Jugend, dass die Politik die wissenschaftlichen Fakten nicht länger ignorieren darf. Es ist wichtig, dass die Jugend sagt: "Ihr Alten kriegt das nicht geregelt, wir ermahnen euch!"

teleschau: Also ist es notwendig, Haltung zu zeigen - egal wie alt, berühmt oder einflussreich man ist?

Möhring: Ja, es ist sogar wichtiger denn je! Die Spaltung der Gesellschaft ist akut. Die Flüchtlings- und Klimakrise haben wir alle mit zu verschulden - da kann man sich nicht einfach herausreden und sich so verhalten, als hätten wir nichts damit zu tun.

Der Mauerfall

teleschau: "West of Liberty" dreht sich insbesondere um den Ost-West-Konflikt der 80er-Jahre. Wo waren Sie, als die Mauer fiel?

Möhring: Die Familie meines Vaters stammt aus Thüringen. Ich war also während des Kalten Krieges immer wieder in der DDR zu Besuch. Pakete-schicken und das alles kenne ich nur zu gut. Als die Mauer fiel, war ich gerade Soldat bei der Bundeswehr. Was ich damals sehr kurios fand: Die Präambel des Grundgesetzes der BRD besagte ja, dass die Verfassung nur bis zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten gilt. Ironischerweise herrschte im Moment des Mauerfalls also gerade kein Gesetz! Am 9. November 1989 war ich in Berlin und sah mit eigenen Augen, wie die Menschen auf der Mauer standen. Und ich erinnere mich auch noch gut an das erste Silvester im wiedervereinigten Berlin: Das war ein sehr berührendes Erlebnis. Da sind sich wildfremde Leute in die Arme gefallen und haben miteinander gefeiert. So stelle ich es mir vor, wenn Krieg vorbei ist.

teleschau: Sie sind ein echter Workaholic: Es vergeht kaum ein Jahr, in dem sie nicht mindestens in vier, fünf Projekten zu sehen sind. Wie hält man dieses enorme Arbeitspensum durch?

Möhring: Dazu muss man sagen, dass es sich nicht bei allen Produktionen um Hauptrollen handelt. Aber es stimmt schon, ich arbeite viel. Ich arbeite aber auch sehr gerne und ziehe daraus Energie. Aber seitdem ich Kinder habe, gehe ich viel sorgfältiger bei der Rollenauswahl vor. Ich denke mir immer: Lohnt es sich wirklich, diese Rolle anzunehmen und in dieser Zeit nicht oder nur eingeschränkt bei meinen Kindern zu sein? Allerdings kann ich mich nach einem Dreh auch immer recht schnell erholen. Ich liebe meine Arbeit. Ich habe noch nie einen Film gedreht, den ich nicht machen wollte.

Einfach mal abschalten

teleschau: Privatleben und Beruf unter einen Hut zu bekommen, funktioniert also trotz hoher Arbeitsbelastung?

Möhring: Ja. Es ist natürlich mit einem höheren logistischen Aufwand verbunden, doch den scheue ich nicht. Ich drehe zum Beispiel gerade eine Serie in Polen. Da nehme ich meine Kinder sogar mit - das muss natürlich im Vorfeld vernünftig organisiert werden. Aber bisher ging das immer sehr gut. Wir kriegen das hin!

teleschau: Was tun Sie zur Entspannung?

Möhring: Gar nix! (lacht) Das ist für mich das Allerschönste: gar nichts zu machen, gar nichts zu müssen. Die Zeit mit den Kindern stellt aber auch jedes Mal eine Belohnung dar. Wenn ich nach Hause komme und die Kinder sind da, ist die Arbeit plötzlich vollkommen irrelevant. Dann ist auch der Schalter im Kopf schnell gefunden, und ich kann die Zeit genießen.

teleschau: Früher haben Sie viel Musik gemacht. Auch heute noch?

Möhring: Nein, leider nicht mehr. Ich greife manchmal noch zur Gitarre und klimpere ein bisschen vor mich hin. Aber um mich mal wieder für drei, vier Stunden im Proberaum einzusperren und auf den Instrumenten herumzuhacken, fehlt mir tatsächlich die Zeit. Ein bisschen was bleibt also doch immer auf der Strecke, doch das wird dann durch andere Dinge ersetzt. Der Tag hat nun mal nur 24 Stunden, aber von mir aus könnte er gerne 40 haben! (lacht)