Mann über Bord: Wie verhält man sich in Seenot?

Sorgloses Verhalten an Bord führt nicht selten zu lebensgefährlichen Stürzen ins Wasser. Doch was tun, wenn man nicht ins Boot zurück kann? Die wenigsten wissen, wie man sich richtig verhält – dabei steigen die Überlebenschancen mit ein paar Tricks deutlich.
Wer seine Freizeit gerne auf dem Wasser verbringt, sollte für den Ernstfall gewappnet sein. Doch Vorsichtsmaßnahmen und Verhaltensregeln auf dem Boot ignorieren viele gern: So sind Leinen, Haken und Schwimmweste den meisten lästig. Alkohol dagegen wird in großen Mengen konsumiert – und beim Über-Bord-Pinkeln fallen viele Betrunkenen ins Wasser. Neunzig Prozent aller Leute, die ungesichert über Bord gehen, sind sturzbetrunken. Doch was tun, wenn das Unglück passiert ist? Soll man in Richtung Land schwimmen oder auf der Stelle bleiben? Ist es besser, sich durch Zappeln aufzuwärmen oder sich so wenig wie möglich zu bewegen? Langgestreckt auf der Wasseroberfläche treiben oder mit seinem Körper eine Kugel bilden?

Rettung im kalten Wasser

Generell gilt: Nur wer sich angeleint und mit Schwimmweste an Bord bewegt, ist wirklich sicher. Doch die wenigsten halten sich daran, denn bei ruhigem Seegang ist die freihändige Balance noch möglich. Trotzdem gibt es Stolperstellen an Bord, die auch dann zur Gefahr werden können. Auch ungewollte Segelmanöver können zum Unglück führen, etwa wenn der Großbaum des Boots plötzlich von einer Seite auf die andere schwingt.

In kaltem Wasser gibt es kaum eine Überlebenschance. Als Faustregel gilt deshalb: Bei niedrigen Wassertemperaturen kann der Mensch so viele Minuten bei Bewusstsein bleiben, wie das Wasser Grad Celsius hat. Bei zehn Grad bleiben dem über Bord Gegangenen rund zehn Minuten, bis er bewusstlos wird. Deshalb sollte man sich im Wasser keinesfalls die Kleider vom Leib reißen – im eisigen Wasser dienen sie als wichtige Wärmequelle. Das Wasser fängt sich zwischen Kleidung und Körper und wird dann durch den Körper erwärmt. Auch Schwimmen ist keine gute Idee: Durch den erhöhten Energieverbrauch kühlt der Körper noch schneller aus, und selbst gute Schwimmer werden nach spätestens fünfzig Metern durch die Kälte gelähmt. Die beste Körperhaltung im Wasser ist deshalb die Kugel: Mit angezogenen Beinen, die von den Armen an den Körper gedrückt werden, kühlt man am langsamsten aus. Trägt man beim Sturz ins Wasser eine Schwimmweste, erhöhen sich die Überlebenschancen deutlich. Denn: Verliert der Betroffene nach kurzer Zeit das Bewusstsein, hält ihn die Schwimmweste weiter über Wasser.

Wenn Tiere angreifen…

Immer wieder hört man von Schiffbrüchigen, die mit ausgehackten Augen geborgen wurden. Möwen gehen tatsächlich mit Vorliebe auf diese empfindlichen Körperteile des Menschen. Nähert sich also beim Treiben im Wasser ein Möwenschwarm, sollte man sich vor ihrem Angriff schützen, indem man die Augen mit den Händen, einem Schal oder, falls vorhanden, mit einer Sonnenbrille schützt.

Wenn es Nacht wird, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Haie auf den im Wasser treibenden Menschen aufmerksam werden. Sie sind nachts besonders aktiv. Doch was tun, wenn ein Hai sich nähert? Wenn man sich ruhig verhält und keine zappelnden, plötzlichen Bewegungen macht, verliert der Hai oft schnell das Interesse und wendet sich ab. Versucht man dagegen, panisch davonzuschwimmen, verwechselt der Hai den Menschen leicht mit einem kranken Fisch oder einer verletzten Robbe und greift an. In diesem Fall hilft es, mit dem Hai zu kämpfen, denn merkt der Räuber, dass sein Gegner womöglich stärker ist als er, zieht er sich zurück. Am besten ist es, den Hai mit einem Gegenstand, zum Beispiel einem Stück Treibholz oder einer Brille, oder auch mit bloßen Händen in die Augen und in die Kiemen zu schlagen, denn dort ist er empfindlicher als an der Schnauze.

Von der Strömung abgetrieben

Mittelmeerurlauber fahren abends gern mit kleinen Booten entweder von einem Ufer zum anderen oder von ihrem Urlaubsschiff aufs Festland, um dort gemütlich zu essen oder ein paar Gläser Wein zu trinken. In solchen Situationen kann es passieren, dass man durch die Strömung auf das offene Meer hinausgetrieben wird und in Seenot gerät. Dann abzuwarten und nichts zu tun, kann lebensgefährlich sein, denn so wird niemand auf den Hilfesuchenden aufmerksam.

Stattdessen sollte man mit Signalen auf sich aufmerksam machen. Das Heben und Senken der Arme ist das Notfallsignal für die Wasserschutzpolizei und die Rettungsschwimmer. Alternative: Sich mit Ruder und Kleidung eine Fahne basteln. Je höher das Signal über dem Meeresspiegel aufragt, desto besser sichtbar ist es für die Rettungseinheiten. Auch mit Lichtreflexen können Betroffene die Retter auf sich aufmerksam machen. Allerdings sind diese nur bei strahlendem Sonnenschein kilometerweit sichtbar. Experten empfehlen selbst für kurze Strecken, in ein Ruder- oder Motorboot zumindest eine Schwimmweste pro Person, eine Taschenlampe und eine Seenotrakete mitzunehmen. Mit der Taschenlampe ist man in der Lage, in der Nacht Lichtsignale zu geben, mit der Seenotrakete kann man ebenfalls auf sich aufmerksam machen.

Niemals Meerwasser trinken

Oft kommt es vor, dass in Seenot geratene Menschen gegen den Durst Meerwasser trinken. Doch das ist sehr gefährlich. Meerwasser hat einen viel höheren Salzgehalt als das Wasser im menschlichen Körper. Dieser muss deshalb das überschüssige Salz wieder loswerden – und scheidet es über den Urin aus. Allerdings benötigt er dazu mehr Flüssigkeit, als er zuvor bekommen hat: Trinkt man zum Beispiel einen Liter Meerwasser, muss der Körper etwa eineinhalb Liter Flüssigkeit ausscheiden, um den Überschuss an Salzen auszuschwemmen. Spätestens nach zwei Tagen ist der Schiffbrüchige ausgetrocknet.

 

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