Märchenstunde vor der Sommerpause: Der seltsame Auftritt von CDU-Mann Strobl bei Markus Lanz

Manche Kritiker bezeichnen die nächtlichen Gesprächsrunden von Markus Lanz als Kuschel-Talk. Nicht ganz zu Unrecht. Das ist ein Grund, warum viele Politiker gern zu diesem ZDF-Gesprächskreis kommen. Kritische Fragen müssen sie normalerweise nicht fürchten. Stattdessen präsentiert ihnen der Moderator einen bunten Strauß harmloser Stichworte, die sich problemlos in PR-Phrasen verwandeln lassen. Doch die freundliche Atmosphäre birgt auch Gefahren. Befreit vom Druck bohrenden Nachhakens plappern sich einige Gäste um Kopf und Kragen. Am Donnerstagabend in der letzten Sendung vor der Sommerpause duften die Zuschauer dem peinlichen Auftritt eines CDU-Politikers beiwohnen.

Zu Gast war Thomas Strobl, Innenminister in Baden-Württemberg und stellvertretender Bundesvorsitzender der Christdemokraten. Strobl sollte seine Sicht auf die Krawalle zum G20-Gipfel in Hamburg kundtun. Er war zwar nicht in Hamburg, aber immerhin hatten die Schwaben 1000 Polizisten an die Elbe geschickt.

Strobl, das wurde schon nach wenigen Minuten klar, lebt in einer ganz eigenen Welt. Diese Welt teilt sich auf in sein selbsternanntes Musterländle, eine Art Paradies auf Erden, und den Rest der Republik, in dem Chaos und Anarchie herrschen. Strobl sagte: „In Baden-Württemberg gibt es keine besetzten Häuser und wir haben auch keine Stadtviertel, wie in Berlin, Nordrhein-Westfalen und anderswo, in denen marodierende Banden das Sagen haben.“ Marodierende Banden, die in Berlin ganze Stadtviertel kontrollieren? Wen meint der Mann? Vielleicht schwäbische Partytouristen, die an den Wochenenden mit Bierflaschen bewaffnet und in Kompaniestärke durch Kreuzberg oder Neukölln torkeln.

Eine der gefährlichsten Banden der vergangenen Jahre marodierte durch Baden-Württemberg. Die Truppe nannte sich „Nationalsozialistischer Untergrund“ und ermordete 2007 in Heilbronn die junge Polizistin Michèle Kiesewetter. Zwei Kollegen Kiesewetters wiederum gehörten einer Bande an, die sich unter dem Namen „European White Knights oft the Ku-Klux-Klan“, regelmäßig in einem Vorort von Schwäbisch Hall trafen. Geleitet wurde der rassistische Geheimbund von einem V-Mann des Verfassungsschutzes. Das ist alles nicht neu, das ist seit Jahren bekannt. Deshalb ist es erstaunlich, dass CDU-Mann Strobl so selbstbewusst mit dem Finger auf andere zeigt, statt vor seiner eigenen Haustüre zu kehren.

Lanz und Hajo Schumacher kontern

Immerhin war Lanz auf Zack. Er erinnerte den Minister daran, dass es in Tübingen besetzte Häuser gab und dass bei Protesten gegen das Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“, ebenfalls hunderte Polizisten mit Schlagstöcken und Wasserwerfern gegen Demonstranten vorgingen. Nach diesem Einsatz wurde übrigens der Stuttgarter Polizeichef wegen „Körperverletzung im Amt“ zu einer Geldstrafe verurteilt und gilt seitdem als vorbestraft.

Dem Publizisten Hajo Schumacher, der ebenfalls in der Runde saß, entgleisten bei der selbstgerechten Inszenierung des CDU-Mannes zwischenzeitlich die Gesichtszüge. Als sich Schumacher wieder gefangen hatte, entgegnete er: „Sie bekommen es doch noch nicht einmal hin, ein Fußball-Zweitligaspiel zu sichern.“ Eine Anspielung auf das Bundesligamatch zwischen dem Karlsruher SC und dem VfB Stuttgart vor wenigen Monaten, das randalierende Hooligans nutzten, um drei Züge vollständig zu demolieren und einen Millionenschaden zu verursachen.

„Wir dürfen uns unsere Freiheit nicht durch Gewalttäter kaputt machen lassen“, sagte Strobl.

„Wir machen unsere Freiheit schon kaputt, wenn beim G20-Gipfel über 30 Journalisten die Akkreditierungen entzogen werden“, antwortete Schumacher.

„Jeder kann einen Presseausweis bekommen und sich unter Gewalttäter mischen“, erklärte Strobl.

„Die Journalisten waren akkreditiert und hatten zwei Sicherheitsüberprüfungen durchlaufen, das waren keine Leute mit selbstgemalten Presseausweisen“, hielt Schumacher entgegen.

Lanz inmitten von Randalierern?

Anschließend geriet Strobl durch Lanz noch mehr in die Defensive. Der Moderator fragte, warum ein Sonderzug mit mutmaßlichen Straftätern unbehelligt durch Baden-Württemberg nach Hamburg fahren konnte und die Leute nicht schon in Schwaben aus dem Verkehr gezogen wurden. Antwort Strobl: „Weil theoretisch auch der Lanz in dem Zug hätte sitzen könnte, der zu seiner Sendung nach Hamburg fährt.“ Schwiegermutter-Liebling Lanz in einem Sonderzug mitten unter Randalierern? Darauf muss man erst mal kommen.

Natürlich wollte Strobl mit diesem schrägen Vergleich nur sagen, dass im Zug möglicherweise auch friedliche Demonstranten saßen. Aber wäre es nicht die Aufgabe der Polizei gewesen, die Friedlichen von den Gewalttätern zu trennen? Eines ist jedenfalls sicher: Mit seinem Auftritt bei Markus Lanz hat sich Innenminister Strobl keinen Gefallen getan.

Starke Story aus Kriegsgebieten

Schön, dass Lanz noch andere Gäste eingeladen hatte. Den Kriegsreporter Carsten Stormer beispielsweise. Stormer recherchiert sein Jahren in Syrien und im Irak, in Gebieten also, wo tatsächlich marodierende Banden ihr Unwesen treiben. 2012 lernte Stormer in einem libanesischen Krankenhaus den damals 17-jährigen Syrer Ahmad Abbas kennen. Abbas lag mit schwersten Verbrennungen in der Klinik, nachdem eine Granate sein Elternhaus getroffen hatte. Seine Überlebenschance ging gegen Null.

Stormer informierte Freunde in Deutschland, bat um Hilfe und löste damit eine aufwendige Rettungsaktion aus. Abbas wurde nach München geflogen, wo Ärzte ihn stundenlang operierten. „Ohne Carsten wäre ich tot“, sagte Abbas gestern bei Lanz. Mittlerweile macht er eine Ausbildung zum Arzthelfer. „Die Deutschen haben mir geholfen und jetzt möchte ich den Deutschen helfen“, erklärte der junge Mann seine Berufswahl. Dann war die letzte Sendung vor der Sommerpause zu Ende. Erst im Herbst wird Markus Lanz wieder auf der Mattscheibe auftauchen. CDU-Spitzenkraft Thomas Strobl wird – das ist zu befürchten – uns schon vorher mit seinen Thesen beglücken.

Autor: Frank Brunner

Foto: Screenshot ZDF

Mit Yahoo Nutzung stimmen Sie zu, dass Yahoo und Partner Cookies für Personalisierungs- und andere Zwecke nutzen