Mark Hunter: "Ich musste zusehen, wie mein Vater beinahe starb - neun Jahre später gewannen wir Gold"

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Dieser Artikel ist Teil der exklusiven Yahoo-Serie "Wie man einen Olympioniken großzieht". Dafür haben wir mit olympischen Athleten und ihren Eltern gesprochen, um einzigartige Einblicke in die Anfänge der Karrieren von Spitzensportlern zu gewinnen. Sehen Sie hier das Interview im Video - bitte drücken Sie den "CC"-Button für deutsche Untertitel:

Mark Hunter ist kein typischer Ruderer. Er wurde im Londoner East End geboren und schaffte es trotzdem an die Spitze einer Elitesportart. Aber nicht ohne die Hilfe seines Vaters, der fast unter traumatischen Umständen gestorben wäre, noch bevor alles begann.

Das "Mayday" kam, als Mark Hunter, seinerzeit noch ein Teenager, sich auf den Wassern der Themse in London befand. Er befand sich in der Ausbildung zum Fährmeister und beförderte Passiere nahe der Isle of Dogs.

Auf einem nahegelegenen Pier hatte jemand einen Herzanfall und Mark wusste sofort, dass es sich um seinen Vater Terry handelte. "Es war fürchterlich, meinen Vater, der alles für mich getan hatte, leblos zu sehen", erinnert er sich.

Dank eines Defibrillators wurde Terry Hunters Leben 1997 viermal gerettet. Mark benötigte "lange Zeit, um wieder in die Spur zu finden" und seine Karriere als Ruderer weiterzuverfolgen und wieder Passagiere über den Fluss zur Isle of Dogs zu transportieren. 

Mark feiert das Olympische Gold in Peking 2008 mit seinen Eltern und Bruder Ross (Bild: Privat)
Mark feiert das Olympische Gold in Peking 2008 mit seinen Eltern und Bruder Ross (Bild: Privat)

"Die Ziele waren stets gegenwärtig, auch in Zeiten, in denen ich litt", sagte er Yahoo. Dies ist das erste Mal, dass er sich öffentlich über diese traumatischen Erfahrungen äußert.

Anders als die meisten Ruderer wuchs Mark im Londoner East End auf, war ein Kind von der Straße und wollte eigentlich Fußballer bei West Ham United werden. Sein Vater war Trainer beim Poplar Blackwall & District Rowing Club in Millwall, bestand aber darauf, dass seine Söhne Badminton, Judo und Fußball als Sportarten ausprobierten.

Das Sitzen in einem wackligen Ruderboot ließ den elfjährigen Mark erstarren. Aber drei Jahre später verfolgte er, wie Greg und Jonny Searle 1992 in Barcelona Gold im Zweier mit Steuermann gewannen. "Die Olympiade hat mich umgeworfen und von da an wollte ich eine Medaille gewinnen. Ich hatte als Heranwachsender verrückte Träume und wollte anders sein", sagt Mark.

"Meine Freunde und Lehrer in der Schule hatten keine Ahnung vom Rudern. Für mich war es einzigartig und besonders. Ich wollte es den Leuten zeigen, die sagten, dass ich zu klein bin und nicht die richtige Herkunft habe – das war mein Antrieb."

Terry Hunter (links) überlebte 1997 einen Herzanfall an der Themse (Bild: Privat)
Terry Hunter (links) überlebte 1997 einen Herzanfall an der Themse (Bild: Privat)

Mark sagte dann zu Terry, dass er eine Liste von Zielen schreibt. Terry, der schon lange als Trainer tätig war, war pragmatischer. "Ich sage Eltern immer, die Ziele sollten erreichbar sein. Das ist sehr wichtig. Es ging nicht darum, olympisches Gold zu gewinnen. Darum haben wir es unterteilt und damit begonnen, der beste britische Ruderer der Altersklasse bis 16 zu werden. Und er hat alles davon umgesetzt."

Und ab da ruderte er 16 aufeinanderfolgende Jahre lang für Großbritannien. Das bedeutet aber auch, dass die Hunters nie Sommerurlaub hatten, da es ständig im In- und Ausland zu internationalen Rennen ging. Nach Marks Rücktritt nach den Spielen in London 2012 sagte Frau Hunter, dass sie den Sommer im Garten verbringt.

"Vielen Eltern ist das nicht bewusst, wenn sie damit anfangen", sagt Terry über das Leben als Elternteil eines Olympioniken. "Es ist eine Verpflichtung, die das Leben vollständig dominiert, wenn man möchte, dass das Kind Erfolg hat. Aber nicht alle schaffen es und es geht darum, es zu genießen."

Und das gilt noch mehr, wenn der Vater auch der Trainer ist. Aber Terry zögerte nicht, Mark für seine weitere Entwicklung einem anderen Trainer anzuvertrauen. "Ich habe im Breitensport gesehen, wenn Eltern einfach nicht loslassen können", räumt Mark ein. "Wenn ein Elternteil als Trainer fungiert, muss man es zuhause trennen können. Das kann sich auf Familien nachteilig auswirken. Dad hat den richtigen Moment gewählt. Es war schwer, aber ich bin ihm dafür sehr dankbar."

Mark Hunter wurde lange von Vater Terry trainiert (Bild: Privat)
Mark Hunter wurde lange von Vater Terry trainiert (Bild: Privat)

Als Mark 2001 in das britische Herrenteam aufgenommen wurde, wechselte er vor den Sommerspielen in Athen vom Achter in den Vierer, der 2004 den letzten Platz belegte. Drei Jahre danach tat er sich mit Einzelweltmeister Zac Purchase zusammen. Das Paar ruderte an einem frostkalten Januarmorgen, an dem Eis vom Boot hing, erstmals gemeinsam, und wusste sofort, dass sich hier, vor der Hitze der Olympischen Spiele in Peking "etwas Besonderes entwickelt". 

Kein britisches Boot hatte zuvor in der Klasse der Leichtgewichts-Doppelzweier olympisches Gold gewonnen. Mark aber hatte die Erfahrung und Purchase war jung und furchtlos, ohne das Trauma, bei einer Olympiade Letzter geworden zu sein. 

"Ich habe gelernt, dass ein Doppel über die Jahre zusammengeschmiedet wird", sagt Terry. "In Mark und Zac hatten wir zwei Sportler, die verschmolzen. Es war einfach fantastisch anzusehen."

Als es in das olympische Jahr ging, mussten sie sich noch beweisen. Um von den Dritten zu den Ersten der Welt aufzusteigen mussten sie sich um drei Sekunden verbessern. Das Paar konzentrierte sich gemeinsam mit Trainer Darren Whiter darauf, in jeder einzelnen der ca. 800 Trainingsrundenc winzige Zeitgewinne zu erzielen.

Mark Hunter und Zac Purchase feiern ihren Sieg in Peking (Bild: Ian MacNicol/Getty Images)
Mark Hunter und Zac Purchase feiern ihren Sieg in Peking (Bild: Ian MacNicol/Getty Images)

Bei einem Weltcuprennen stellten sie sich den dänischen Doppelweltmeistern, die seit drei Jahren ungeschlagen waren, in einem Kampf bis zur Ziellinie. Das Doppel schaute zu den Dänen herüber und wusste, dass es mit deren Unbesiegbarkeit jetzt vorbei war. Zac Purchase brach nach diesem Sieg in Tränen aus und sagte zu Mark, dass er daran glaube, dass olympisches Gold möglich sei. Jetzt aber wurde man von den Jägern zu den Gejagten. 

Terry sagt, dass sechs Wochen später im olympischen Finale in Peking "Tränen flossen, bevor das Rennen vorbei war", so groß war ihre Dominanz. "So habe ich mich nur bei meinen Kindern gefühlt. Ich hatte mit meinen anderen Sportlern Erfolge und Fehlschläge, aber nur wenn es sich um dein eigen Fleisch und Blut handelt, bricht man derart in Tränen aus." Sein erschöpfter Sohn saß später in seinem Zimmer und hatte den Gedanken "Wie zum Teufel hat Steve Redgrave das fünfmal geschafft?"

Mark verbrachte das nächste Jahr als Trainer in Kalifornien, bevor der Ruf nach London 2012 ihn und Zac Purchase zurück ins Boot brachte. Der Junge aus dem East End wusste, was es bedeutet, dass er quasi in seinem eigenen Hinterhof rudert, aber letztlich machte er damit drei sehr unterschiedliche olympische Erfahrungen: "gut, schlecht und übel". "Letzter zu werden ist schlecht, zu gewinnen ist gut, und London war übel", sagt Mark. 

Der junge Mark Hunter gemeinsam mit seinem Ruderidol Sir Steve Redgrave (Bild: Privat)
Der junge Mark Hunter gemeinsam mit seinem Ruderidol Sir Steve Redgrave (Bild: Privat)

Auf dem Papier waren sie als olympische Rekordhalter und Doppelweltmeister die Favoriten, aber ihre Form vor den Spielen in London war wechselhaft. Sie schafften es ins Finale, aber trotz der speziellen "Eton Dorney"-Anfeuerung durch die Fans konnten sie ihre dänischen Rivalen in einem dramatischen, an Spannung nicht zu übertreffenden Rennen nicht überwinden. Sie verloren mit nur 0,61 Sekunden und Silber war kein echter Trost, erklärt Mark, dem Sir Steve Redgrave aus dem Boot half. Mark sagte in einem TV-Interview, dass er "alle enttäuscht habe".

Terry aber sah es anders. "Ich hatte die Hoffnung, dass Mark mit dem Gewinn von Gold und Silber bei Olympia zwei Dinge in seinem Besitz hat, die ihn durch das Leben tragen und ihm Türen öffnen."

"Ich hatte diese Furcht, dass Mark es vielleicht nicht schaffen und nicht gut genug sein würde. Aber es kam alles ganz anders und man hat enormen Respekt vor ihm. Es ging darum, ihm so viel Sport wie möglich zu ermöglichen, ihn zu unterstützen und es wäre dann das i-Tüpfelchen, wenn er herausragend wird."

Der enge Zusammenhalt der Hunter-Familie ist im Lauf der Jahre weiter gewachsen und die Beziehung geriet nie ins Wanken. "Wenn man von Vorbildern spricht, dann waren das für mich als Heranwachsender meine Mutter und mein Vater", setzt Mark hinzu. "Ich bin jetzt selber Vater und kann es wirklich nachvollziehen. Ich weiß nicht, wie sie es geschafft haben, uns zu all diesen Aktivitäten zu bringen. Sie haben uns ihre ganze Zeit gewidmet und deswegen ist meine Familie ein so wichtiger Teil meines Aufwachsens."

Rod Gilmour

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