Markus Lanz: Entscheidet euch, endlich!

Die Sendung scheiterte an zu vielen unterschiedlichen Themen

Manche Dinge lassen sich nicht verbinden. Das musste man gestern als Zuschauer von Markus Lanz feststellen. Lanz hatte vier Gäste in sein Studio geladen, Ilkay Yücel, die Schwester des Inhaftierten Journalisten Deniz Yücel, die Kriegsfotografin Ursula Meissner, Schauspieler Oliver Mommsen und der Paläontologe Kai Jäger, die nacheinander von der Situation in der Türkei, dem Krieg, einem neuen ARD-Film und der Entwicklung der Arten erzählen sollten. Die Sendung scheiterte daran.

Los geht es wieder einmal mit der Türkei. „Wie geht es ihrem Bruder, Ilkay Yücel?“, fragt Lanz und die erzählt: den Umständen gut. Sie berichtet vom Leben in dem Gefängnis, in dem ihr Bruder Deniz sitzt, und das manche als Internierungslager bezeichnen. Vor kurzem hat sie ihn zum zweiten Mal dort besucht. Tagsüber habe er Hofgang, erzählt sie, sei aber den ganzen Tag allein. Einmal in der Woche dürfte sie ihn sehen. Er habe Briefverbot, wisse aber trotzdem von der Unterstützung, die er in Deutschland erfährt. Viel mehr kann sie in dem Moment nicht von seiner Situation erzählen, weshalb Lanz sich schon nach 12 Minuten bei ihr bedankt und das Thema wechselt. Trotz der Kürze ist es ein interessantes und wichtiges Interview und eines, das man gerne sieht.

Lanz bleibt dann, vorerst, beim Ernsten. Die Kriegsfotografin Ursula Meissner fragt er, wie es ihr gehe, wenn sie aktuelle Bilder vom Giftgasanschlag in Syrien sehe. Sie wolle dorthin, erzählt sie, den Menschen zeigen, was gerade dort passiert. „Wir sehen ein paar Bilder, ein paar Verletzte. Aber so ganz genau wissen wir nicht, was passiert ist“. Man brauche mehr Bilder, sagt sie, weil sie dabei helfen würden, vielleicht endlich eine Entscheidung zu treffen. Derzeit habe sie jedoch Einreiseverbot.

Vor 25 Jahren war Meissner im letzten Krieg, der Europa ähnlich aufwühlte, in Bosnien. Lanz zeigt einen Einspieler, Bilder von zerschossenen Autos und Häusern, am Ende steht lange das Foto eines Cellisten in den Ruinen von Sarajevo, es ist das Bild mit dem Meissner berühmt wurde.

Sie erzählt davon, wie sie den Cellisten auf den Straßen der zerstörten Stadt fand. Er habe einen Song von den Beatles gespielt. Ein Video zeigt den gespenstigen Moment. Heute, erzählt sie, lebt der Musiker in New York.

Sie erzählt von Situationen, in denen sie beinahe starb, von ihren Erfahrungen im Krieg: Wie sie einmal von Blauhelmen aus schwerem Beschuss gerettet werden musste, wie sie ein andermal, auf ihrer ersten Recherche in Sarajevo, die Scharfschützen traf, die im Bosnienkrieg so gefürchtet waren.

Zwei gute Interviews, gleich zu Beginn

„Wie verarbeiten Sie das?“, fragt Lanz Meissner. „Richtig aus dem Kopf kriegt man es nie. Wenn ich heute von Sarajevo erzähle, ist das wie gestern“, antwortet Meissner. Jeder gehe anders damit um, sagt sie. Sie rede drüber, aber wenn Menschen einfach auf sie zukämen und sie aufforderten, zu erzählen, drehe sie sich um und gehe. Sie erzählt, dass man immer wieder hingehe, weil man erzählen wolle, was in den Ländern passiert. „Es hat schon einen Sog“, sagt sie. Auch ihr Auftritt ist eine Bereicherung für die Sendung, weil man Einblick bekommt in eine Realität, die in Deutschland nur die Ältesten selbst erlebt haben. Zwei so gute Interviews gleich am Anfang, das gibt es selten bei Markus Lanz.

Genau das macht dann auch den zweiten Teil der Sendung fast unerträglich. In dem kommen die Männer dran – und die leichten Themen. „Jetzt bin ich ja mal gespannt auf die Überleitung“ sagt Tatort-Kommissar Oliver Mommsen. Er spricht dem Zuschauer damit aus der Seele. Bitte, Lanz, mach keine Überleitung von Kriegsfotografie zum Krimi, hat man sich daumendrückend gewünscht. Der Wunsch wird erhört, ohne Lanz-Kurve geht es weiter. Lanz fragt Mommsen nach seiner Schulzeit, lässt ihn vom Schullandheim erzählen. „Ich hab es nicht so mit Regeln“, erzählt der. Dann berichtet er von seinem neuen Film „Eltern allein zu Haus“, eine Geschichte über Scheidungseltern. Ein launiger Teaser stellt den Film als schnucklige ARD-Komödie vor. Das ist so konträr zu allem, was man zuvor gehört hat, dass man kaum zuhören kann. Wie sind wir denn auf einmal von Sarajevo ins Vorabendprogramm gekommen?

Als letztes soll dann der Paläontologe Kai Jäger von der Entwicklung der Arten erzählen und so die Sendung abschließen. Er erklärt, dass Rückenschmerzen beim Menschen davon kommen, dass der aufrechte Gang, evolutionär gesehen, eine relativ neue Entwicklung ist, und dass die Weisheitszähne ein Überbleibsel sind, die heute nicht mehr gebraucht werden. Zwanzig Prozent der Menschen hätten schon gar keine mehr. Was ja durchaus interessant ist, aber eben nicht in diesem Moment.

Lanz fragt, wann man denn endlich Dinosaurier oder Mammuts klonen könne. Auch das ist grundsätzlich – und das jetzt völlig ohne Ironie – eine grundlegende Frage ist. In diese Runde jedoch passt auch sie nicht. In jeder anderen Sendung wäre der Auftritt des Paläontologen ein Highlight gewesen. In dieser, nach den Auftritten von Ilkay Yücel und Ursula Meissner, wirkt der Wissenschaftler fehl am Platz. Man ist gedanklich noch bei den Geschichten aus Diktatur und Krieg, bei Zerstörung und Angst und wünscht sich, dass sich Markus Lanz endlich entscheidet, ob er spaßiger Talkmaster oder hart nachfragender Journalist sein möchte – ob er ernste Themen behandeln will oder unterhalten. Manche Dinge lassen sich nicht verbinden. (jl)

Foto: Screenshot/ZDF

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