Varoufakis bei "Markus Lanz": "Es war ein Fehler, Griechenland Geld zu leihen"

Mila Lemke
Freie Autorin
Ex-Finanzminister von Griechenland Yanis Varoufakis spricht von “Missmanagement” während der Griechenlandkrise. Foto: Screenshoot/ZDF

Es war ein Drama. Und ist es immer noch. Die Griechenlandkrise. Bei Lanz treffen zwei der wichtigsten Akteure zum ersten Mal aufeinander: CDU-Politiker Wolfgang Bosbach lehnte damals die deutsche Finanzhilfe ab, Yanis Varoufakis war 2015 griechischer Finanzminister. Bei Lanz sitzen beide nebeneinander.

Wir wollen es kurz machen: Wäre es damals nach Yanis Varoufakis gegangen, hätte Deutschland die Griechen nicht unterstützen sollen. “Es war ein Fehler, uns Geld zu leihen. Ihr hättet das nicht tun sollen”, so der griechische Ex-Finanzminister. Es habe Griechenland in ein Schuldengefängnis eingesperrt. Für ihn ist die Ursache klar: “Zwei stolze Völker wurden gegeneinander ausgespielt.” Sein Fazit: Griechenland hätte gegen die Wand fahren sollen, die Banken hätten kein Geld zurückbekommen, kein Steuerzahler wäre belastet worden. Applaus im Publikum.

“Verschwörung und Missmanagement”

Doch es sind steile Thesen, die er aufstellt: Seiner Ansicht nach, konnten die deutsche Regierung, die EU und EZB nicht damit fertig werden, ihre Insolvenz zu verbergen, wenn Griechenland pleitegeht. Deutsche und griechische Politiker hätten ihre Völker belogen, denn ein Darlehen hätte das Problem lösen können, ohne, dass der deutsche Steuerzahler in die Tasche greifen muss. Stattdessen sei es ein “ganz zynischer Transfer” gewesen, der Verluste der privaten Bankenszene “auf die Schultern der deutschen Steuerzahler bürdete”, während das griechische Volk als “faul und korrupt porträtiert wurde.”

Doch ganz so einfach sei es nicht. “Wir haben Banken in der Finanzkrise nicht um der Banken willen gestützt, sondern, weil viele Menschen ihre Einlagen in den Banken hatten. Man wollte unbedingt, dass der Kreditkreislauf nicht gestört wird”, erklärt der damalige Vorsitzender des Innenausschusses des Deutschen Bundestages Wolfgang Bosbach. “Griechenland wurde auch aus Eigeninteresse geholfen.”

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Dennoch: Bosbach stimmt zu, dass ein Haufen Schulden nicht mit noch mehr Schulden beglichen werden kann. “Ein klassischer Fall objektiver Unmöglichkeit: Mit den wirtschaftlichen Daten wird Griechenland den Schuldenberg auf Dauer nicht tragen, auch nicht abtragen.” Bosbach hatte 2011 dem Gesetz über eine Ausweitung des Rettungsschirms nicht zugestimmt. Es war das Ende seiner Karriere.

Beim Aufeinandertreffen der beiden Politiker hatte man auf viel Spannungen und rege Debatten gehofft. Diese bleiben aus. Denn letztlich sind sich beide einig: Es war Missmanagement. Und es zerstört die Fundamente Europas. Eine weitere Stimme, die Deutschlands Handlungen von damals tiefgehend beleuchtet und Varoufakis’ Standpunkt herausfordert, wäre in der Sendung angebracht gewesen. Stattdessen zielt Lanz darauf ab, dem trockenen Thema Unterhaltungswert zu verschaffen und stellt eine alles entscheidende Frage: War der Stinkefinger damals echt oder gefälscht?

Hat er Deutschland den Mittelfinger gezeigt oder nicht?

Es ist knapp sechs Jahre her, als Varoufakis bei einer Rede über die Eurokrise den Mittelfinger in die Kamera hielt: “Zeigt den Deutschen den Finger und sagt: ihr könnt eure Probleme alleine lösen.” Er behauptete, das Video sei eine Fälschung gewesen. Lange wurde in den deutschen Medien darüber diskutiert. Markus Lanz konfrontiert Varoufakis erneut damit – und dieser, wie Politiker es eben machen, druckst herum und kommt zu dem Schluss: “Ist doch auch egal, worum es ging.”

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Sicherlich hätte Bosbach sich mehr Inhalt anstatt der Stinkefingerdebatte gewünscht. Doch die Zeit läuft davon. Schauspielerin Gisela Schneeberger und Unterwasserfotograf Tobias Friedrich müssen auch noch zu Wort kommen. Auch Schneeberger kritisiert, dass aus dem Stinkefinger ein so großer Hehl gemacht wird: “Man sollte das nicht überbewerten.”

Unterwasserbilder faszinieren die Gäste. Von links: Moderator Markus Lanz, griechischer Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis, CDU-Politiker Wolfgang Bosbach, Schauspielerin Gisela Schneeberger und Fotograf Tobias Friedrich. Foto: Screenshoot/ZDF

Ihr Vater ein Diktator

Schauspielerin Gisela Schneeberger erzählt über ihre Kindheit und Jugend, erklärt ihre rebellische Art durch den autoritären Erziehungsstil des Vaters. Sie durfte keine Caprihose tragen, keine Haare schneiden, musste eine bestimmte Frisur tragen. In der Schule war sie “stinkfaul und schlecht”. Nur Theater spielen machte ihr Spaß, vor allem wegen des Applauses. “Es geht im ganzen menschlichen Dasein nur ums Gemochtwerden und ums Applaus kriegen”, sie gibt Lanz einen kleinen Seitenhieb: “Ihnen wahrscheinlich auch.”

Die 70-Jährige spricht offen, auch über Drogenkonsum: Einmal habe sie LSD ausprobiert: “Das war ein Horror. Es war drei Tage das Schlimmste, was ich je erlebt habe”, beschreibt sie den damaligen Bewusstseinszustand. “Wir sind durch München gelaufen und alles war schief, die Häuser waren schief.”

Bosbachs Droge sei das Fußball spielen gewesen, gekifft oder etwas Ähnliches habe er nie. Stattdessen wohnte er lange Zuhause: “Mit 28 hat meine Mutter mir erklärt, dass es jetzt mal Zeit wird, das Haus zu verlassen”, gesteht er und erntet dabei viele Lacher. “Ich hab’ mich da pudelwohl gefühlt: Das Essen war in Ordnung, die Kleidung wurde gewaschen. Warum sollte ich da ausziehen?“

Er schwimmt mit wilden Tieren im Meer

Am Ende der Sendung beeindruckt Unterwasser-Fotograf Tobias Friedrich die Zuschauer. Seine Aufnahmen von Haien, Seehunden, Orcas, Blauwalen und Eisgletschern sind mehrfach preisgekrönt. Während sie in einer Diashow gezeigt werden, spricht Friedrich über die Gefahren des lebensgefährlichen Jobs. So habe ihn einmal ein Buckelwal mit seiner Schwanzflosse getroffen. “Es geht um Respekt, schließlich sind es keine Kuscheltiere.”

Was nehmen wir also aus der Sendung mit? Varoufakis hat den Stinkefinger vermutlich doch gezeigt, Schneeberger war ein Rebell, Bosbach brav und statistisch gesehen, sterben weniger Menschen durch einen Haiangriff, als durch Getränkeautomaten.

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