Markus Lanz: Ganz ohne Lanz-Kurve

Ganz ohne Lanzkurve: Der Moderator im Gespräch mit Michel Friedman und Renan Demirkan


Meistens ist die bunte Gästemischung, die Markus Lanz jeden Abend in seiner Sendung auftreten lässt, ein wenig problematisch. Es ist ja auch meistens nicht einfach (und manchmal schier unmöglich), zwischen all diesen Schauspielern mit neuen Filmen, Musikern mit neuen Alben, Autoren mit neuen Büchern und Menschen, die generell etwas zu der Welt, wie sie ist, zu sagen haben, eine Sendung zu stricken, die sich anfühlt, als wollte sie etwas jenseits von Potpourri sein.

Aus diesem Grund hat Markus Lanz die sogenannte Lanz-Kurve geschaffen. Diese Moderationstechnik hat es zwar noch nicht in die Lehrbücher der Irgendwas-mit-Medien-Studiengänge geschafft, sollte aber jedem, der Deutschlands bekanntesten Schwiegersohn schon einmal bei der Arbeit beobachten durfte, ein Begriff sein. Die Lanz-Kurve ist ein Stilmittel, mit dem Lanz jede noch so abstruse Gästekombination mehr oder weniger stolperfrei abfrühstücken kann.

Für alle, die noch nicht in den Genuss kamen, hier einmal ein paar Beispiele: „Über dieses Thema werden wir in Zukunft sicher noch viel sprechen. Jetzt aber zu…“, oder: „Wo wir gerade beim Thema XY sind, sollten wir auch mit YX sprechen, die/der dazu auch viel erzählen kann“. Oft kann YX dazu zwar nur im Entferntesten etwas erzählen, aber das ist nicht so wichtig: Hauptsache, die Kurve ist gekratzt.

Die Gästekombination am Donnerstag wäre eigentlich ein Paradebeispiel dafür gewesen.
Die Schauspielerin Renan Demirkan saß da neben Moderator Michel Friedman und dem
Soziologen Jean Ziegler, außerdem waren die Schauspielerin Wolke Hegenbarth und der
Popsänger James Blunt im Studio. Zwei Schauspielerinnen, ein Professor, ein Moderator und
ein Sänger – dem Zuschauer schwante Anstrengendes.

So schlimm wurde es dann aber dann gar nicht. Mit Michel Friedmann und Renan Demirkan
sprach Lanz über das derzeit stattfindende türkische Referendum. Demirkan, die die
doppelte Staatsbürgerschaft hat, erzählte, dass sie beim Referendum nicht wählen wird. Sie
wolle Politik in Deutschland, nicht in der Türkei mitgestalten. Ihren türkischen Pass habe sie
in Zeiten, in denen Türken in Deutschland diskriminiert angegriffen wurden, lediglich als
Statement behalten. „Ich wollte das Türkisch-Sein nicht amputiert wissen“, sagt sie. Michel
Friedman versuchte aggressiv, sie zur Wahl zu bewegen: „Eine Stimme mehr könnte die
entscheidende Stimme sein. So denken wir Demokraten“. Das wirkte sehr belehrend,
besonders, weil nicht ganz klar wurde, ob er Demirkan in diesen Kreis der Demokraten mit
einschloss oder nicht. „Mach mir doch nicht so ein schlechtes Gewissen“, konterte die
Schauspielerin. Sie fühle sich für Deutschland verantwortlich, deshalb wähle sie hier – immer.

Und obwohl Friedmann und in seinem Schlepptau Lanz teilweise ein wenig ins Mansplaining
abrutschten, war das Gespräch erfrischend, weil so nicht, wie sonst, nur einer der Gäste 23 Minuten lang seine Gedanken zu einem Thema absonderte, sondern tatsächlich so etwas wie ein Streitgespräch über Demokratie, Identität und Zugehörigkeit stattfand.

Ein fließender Übergang, juhu!

Die nächste in der Runde war Wolke Hegenbarth. Genauso sagte das auch Markus Lanz –
keine holprige Überleitung, nichts. Das war auch gar nicht nötig, da die Schauspielerin nicht
etwa über einen neuen Film sprach, sondern ihr Volunteering in Kalkutta, wo sie einen
Monat lang in einem Kinderheim für Mädchen mit Behinderung arbeitete. Das passte
thematisch, weil es auch dabei um gesellschaftspolitische Fragen ging. Hegenbarth
berichtete vom Alltag im Kinderheim und ihren Erlebnissen im Land. Dass das Gespräch nicht ins Peinliche abrutschte, lag vor allem daran, dass Hegenbarth nur ihre persönlichen
Erfahrungen erzählte und nicht versuchte, nach einem Monat weise über die Gesamtsituation zu sprechen.

Für das große Ganze war Jean Ziegler zuständig. Der erste UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung sprach über die Hintergründe globaler Ungleichheit und wie man diese politisch verhindern könne, wenn man nur wolle: Ein einfaches Verbot von Spekulation mit Nahrungsmitteln könnte Abhilfe schaffen. Auch über seine Zeit als Fahrer von Che Guevara erzählte der 82-Jährige. Dieser habe ihn in seinem Kampf für Gleichheit und Gerechtigkeit nachhaltig geprägt.

Wer jetzt erwartete, dass die Sendung im Gespräch mit Popsänger James Blunt abebben würde, wurde enttäuscht. Zwar hatte dieser sein neustes Album im Gepäck, erzählte davon allerdings nur wenig. Stattdessen befragte Lanz ihn zu seiner Zeit als KFOR-Soldat im Balkankrieg. Blunt erzählte, wie er im Gespräch mit Serben und Albanern feststellen musste, dass beide Gruppen ihre entgegengesetzten Ansichten jeweils für sich logisch begründeten. Damit kam das Gespräch zum Ende der Sendung wieder zum ersten Thema der Sendung zurück: Identität.

Fast schien es, als hätte Lanz das so geplant. Das machte die Sendung zwar nicht zu einer Sternstunde des deutschen Fernsehens, aber wer sich für gesellschaftspolitische Fragen interessierte, kam diesmal voll auf seine Kosten. Die Sendung floss, ganz ohne Lanz-Kurve. (jl)

Foto: Screenshot/ZDF

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