Markus Lanz: Grünen-Politiker lobt Merkel

Mila Lemke
Freie Autorin
Talkgäste bei Markus Lanz: Winfried Kretschmann, Jochen Breyer, Julia Behringer und Wolfram Weimer (v. l.). (Bild: ZDF)

Richtig gut wird der Talk bei Markus Lanz, wenn er nachhakt und seinen Gesprächspartnern überraschende Aussagen entlockt. Die Folge von Dienstagabend gehörte nicht zu diesen Runden. Die Sendung erinnerte an eine Wellnessdusche. Wohlfeile Worte, die wie warmer Regen auf die Zuschauer rieselten. Das lag vor allem an Winfried Kretschmann.

Der grüne Ministerpräsident des selbsternannten Musterländles Baden-Württemberg, der voller Stolz bekannte, die englische Sprache nur schlecht zu beherrschen, durfte eine halbe Ewigkeit Kalendersprüche aufsagen. Schade, dass Lanz diesmal darauf verzichtete, was sonst sein Markenzeichen ist: Gästen ins Wort fallen. Wirklich interessant war nur ein Mann im Studio.

Wenn einer für die Verwandlung der Grünen von der Fundamentalopposition zur Spießertruppe mit Biosiegel steht, dann Winfried Kretschmann. Früher bekämpfte der Mann im „Kommunistischen Bund Westdeutschland” (KBW) den Kapitalismus, heute pflegt er sein Image als Konservativer. Bewahrt hat er sich über all die Jahre die Überzeugung, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Dieser Gewissheit folgte der linksdogmatische KBW genauso wie die paternalistischen Grünen. Wobei man sich schon fragt: Was macht Herr Kretschmann eigentlich bei den Grünen?

Kretschmann beklagt political correctness 

Bei Markus Lanz gab er gestern erneut den Merkel-Fanboy. Kretschmann sagte: „Merkel war die richtige Kanzlerin zur richtigen Zeit, sie ist eine hervorragende Krisenmanagerin.” Nur Merkel habe den Nerv, mit Putin und Erdogan stundenlang zu telefonieren. Soviel Zuspruch bekommt die Bundeskanzlerin derzeit nicht einmal in ihrer eigenen Partei.

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Auf Zustimmung von anderer Seite, scheint Kretschmann zu schielen, wenn er eine vermeintliche political correctnis beklagt. Kretschmann: „Früher sagte man ‚Behinderte‘, jetzt heißt es ‚Menschen mit Handicap‘”. So als wenn irgendjemand dem Landeschef verbieten würde, „Behinderte” zu sagen. Es ist ein übliches Muster: Erst ein vermeintliches Tabu konstruieren, das man dann mutig bricht, um später zurück zu rudern. Kretschmann tapfer: „Klartext zu reden, ist wichtig.” Ja sicher. Und “Ehrlich währt am längsten”.

Wie Kretschmann funktioniert, demonstrierte er eindrucksvoll bei Lanz. Erst feierte er seinen Spruch von den „jungen Männerhorden” unter Flüchtlingen, die man aus Großstädten fernhalten soll, um dann kleinlaut zu erklären: „Das war ein Fehler, als Ministerpräsident muss man staatstragend auftreten.”

Ex-“Focus”-Chef: „Kretschmann ist der heilige Nikolaus.”

Wolfram Weimer, konservativer Journalist, früher Chefredakteur des „Focus”, war in seiner Begeisterung für Kretschmann kaum zu bremsen. Wie Bolle freute er sich, dass der Grüne in seinem aktuellen Buch mit der 68iger Bewegung abrechnet. Anschließend schwärmte er wie ein verliebter Pennäler: „Kretschmann ist der heilige Nikolaus.” Kretschmann, so Weimer, solle doch an Ort und Stelle erklären, ob er erneut für das Amt des Ministerpräsidenten kandidiert. Kretschmann antwortete: „Ich regiere gern.” Worauf wiederum Weimer erklärte, dass Kretschmann eigentlich in die CDU gehöre, womit er nicht völlig falsch liegen dürfte.

Ähnlich irritierend geriet der Auftritt von Julia Behringer. Bis zum Schluss blieb unklar, warum Lanz die Autorin eingeladen hatte. Behringer war früher Finanzmanagerin bei Großkonzernen, beispielsweise Daimler. Nun schwärmt sie für den Wilden Westen der USA. Schon als Teenagerin habe sie „Winnetou” gelesen und „Bonanza” geschaut und sei deshalb irgendwann in die Vereinigten Staaten übergesiedelt. Jetzt habe sie beide Staatsbürgerschaften, wie die pferdeliebende Schwäbin stolz verkündete. Das ist schön, war aber weder relevant, noch interessant.

Spurensuche bei AfD-Wählern

Einzig der Moderator Jochen Breyer sorgte dafür, dass bei Lanz nicht nur die Suppe von vorgestern aufgewärmt wurde. Breyer sprach über seine Recherchen zur Dokumentation “Am Puls Deutschlands – Was die Politik falsch macht.” Für die Reportage war der Journalist durch die halbe Bundesrepublik gereist und hatte mit Menschen gesprochen, die sich enttäuscht von den früheren Volksparteien CDU/CSU und SPD abgewendet haben.

Dabei traf er unter anderem einen türkischstämmigen Deutschen, Sohn von Gastarbeitern, der mittlerweile die AfD wählt. „Die AfD marschiert Richtung Arbeiterklasse”, sagte der Mann. Er möchte, dass die etablierten Parteien aufwachen und sich wieder mehr um die hart schaffende Mehrheit kümmern.

Breyers Fazit: „Viele Menschen haben das Gefühl, sie sind auf einer rückwärts laufenden Rolltreppe. Es geht gar nicht mehr um einen Aufstieg, sondern die Leute bewegen sich immer schneller, um nicht abzusteigen.” Eine ebenso treffende wie traurige Metapher. Breyers Film läuft am 5. Dezember um 22:45 Uhr im ZDF .

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