Markus Lanz: Sigmar Gabriel über "gefährliche Lage" in Deutschland

War zum ersten Mal in der Sendung von Markus Lanz: Sigmar Gabriel. (Bild: ZDF/Screenshot)

So locker und offen hat man Sigmar Gabriel selten erlebt: In der Sendung von Markus Lanz sprach der ehemalige SPD-Vorsitzende über sein Frührentnerdasein, seine Eitelkeit und seinen Drang, im Rampenlicht zu stehen. Und auch um die Probleme der gegenwärtigen Politik ging es.

Entspannt sah er aus, der ehemalige Vizekanzler Deutschlands: Sigmar Gabriel scheint das Dasein als Frührentner zu genießen, wie man in der Sendung von Markus Lanz am Donnerstag sehen konnte. Gabriel habe jetzt mehr Zeit, sich um seine drei Töchter zu kümmern, habe zum ersten Mal seit Jahren drei Wochen Sommerferien ohne Unterbrechung erleben können. Das genieße er. Gabriel gestand jedoch auch, dass es ihn in den Fingern jucke. Er würde schon gerne Politik machen.

Diese Zerrissenheit zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit sprach Lanz fast schon in Psychotherapeuten-Manier an: „Auf der einen Seite sind Sie dieser eigentlich sehr zurückhaltende Privatmann, dieser fast schüchterne Mensch. Der auf der anderen Seite aber genau dieses große Rampenlicht braucht. Irre ich mich da? Es quält Sie einerseits und Sie hadern damit, immer wieder an die Öffentlichkeit zu müssen, und gleichzeitig brauchen Sie‘s.“

Worauf Gabriel erst einmal nach den richtigen Worten suchen musste. Doch schlagfertig wie eh und je, konterte der 59-Jährige halb im Scherz: „Ich weiß nicht, ob Sie meine erste Frau getroffen haben. Die hat ähnliche Theorien verbreitet.“ Damit hatte der ehemalige Vizekanzler die Lacher auf seiner Seite. Er gestand aber: „Da ist was dran.“ Dieses Suchen der Öffentlichkeit habe sicher auch was mit Eitelkeit zu tun, so Gabriel. Das sei aber unter Politikern recht verbreitet.

Ein Leben ohne Politik genießt er zwar – so ganz kann Sigmar Gabriel aber nicht loslassen. (Bild: Wenn)

Es ging an dem Abend aber auch um Politik. Eine „gefährliche Lage“ herrsche derzeit in Deutschland, stellte Gabriel fest. Immer mehr Menschen hätten den Eindruck, die Politik kreise nur noch um sich selber. „Die Menschen gehen jeden Tag arbeiten, haben den Anspruch oder werden dazu verdonnert, ihren Job anständig zu machen. Dann schalten die abends den Fernseher ein und fragen sich: ‚Was treiben die da eigentlich?‘“

Mit Politikern – sich selbst eingeschlossen – ging er hart ins Gericht: „Wir haben eine Phase erreicht, wo wir aufpassen müssen, dass die Leute nicht an uns verzweifeln.“ Er wünsche sich, dass die Koalition wieder zueinander finde. Denn Europa befinde sich in schwierigen Zeiten. Gabriel: „Wenn Deutschland vibriert, dann wackelt Europa – und wir vibrieren derzeit ziemlich stark.“

Zwar sei die angespannte politische Lage derzeit nicht mit der Situation von vor hundert Jahren in der Weimarer Republik zu vergleichen. Doch damals seien „überall in Europa ähnliche Bewegungen unterwegs“ gewesen, die den Parlamentarismus verächtlich gemacht und zum Nationalismus geführt hätten.

Für die Politik bedeute dies, sich wieder mehr den Menschen zuhören und zuwenden zu müssen, anstatt immer nur mit dem Finger auf andere zu zeigen. Dass er selber einmal mit dem Finger – und zwar dem mittleren – auf andere gezeigt hat, ist ihm aber nicht peinlich. In der Sendung wurde ein Clip eingespielt, der zeigt, wie Sigmar Gabriel im August 2016 Pöblern den Stinkefinger gezeigt hatte. Bei Markus Lanz sagte er, er hätte damals gleich beide Mittelfinger zeigen sollen.

Denn aus dem Pulk der Pöbler habe ein Nazi ihm zugerufen: „Dein Vater hat sein Land noch geliebt.“ Gabriel zu Lanz: „Mein Vater war bis zu seinem letzten Tage seines Lebens glühender Nationalsozialist.“

Angela Merkel schätze er wegen eines Satzes, den sie ihm im September 2015 gesagt hat. (Bild: ZDF/Screenshot)

Außerdem sagte Gabriel noch, eines der wichtigsten Themen sei derzeit die Migrationsfrage. 400 Millionen Menschen würden nach Expertenmeinungen überlegen, ihren Kontinent zu verlassen. „Und die werden nicht nach China gehen“, so Gabriel. Die Migration wird das Thema dieses Jahrhunderts sein.

In diesem Rahmen verriet Gabriel auch, was Angela Merkel im September 2015 zu ihm sagte, als es um die sogenannte Grenzöffnung ging, um in Ungarn gestrandete Flüchtlinge in die Bundesrepublik zu lassen. „Aber, Herr Gabriel, eins versprechen Sie mir“, habe Merkel gesagt, „wir bauen keine Zäune“.

Für diesen Satz habe er sie sehr geschätzt. Dass Merkel – was ihr oft vorgeworfen werde – keine Werte oder Überzeugungen habe, stimme nicht, so Gabriel.