Markus Lanz: Politiker sind wie Bestatter

Mila Lemke
Freie Autorin
Hat gerade eigentlich nichts zu lachen: Verkehsminister Andreas Scheuer zu Gast bei “Markus Lanz”. Foto: Screenshot/ZDF

Vom Dieselskandal zum kleinen Einmaleins des „sozialen Netzwerken“ für Politiker – hin zum Thema Sterben: Das sind die Themen, an denen sich Markus Lanz am Donnerstagabend mit seinen Gästen durch die Nacht hangelt.

Gar zu wilde Themensprünge? Für Lanz kein Problem.

Andreas Scheuer, als Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur der „einsame Held zwischen Funkloch und Schlagloch“, könnte schließlich gewiss bald als „politische Leiche enden.“ Das gibt Lanz bereits in der Vorstellungsrunde charmant zu bedenken. Womit der Bogen von der Politik zum Bestatter elegant gespannt wäre.

Die weiteren Gäste sind die Journalistin Elisabeth Niejahr, der Medienberater Martin Fuchs und Eric Wrede, einst erfolgreicher Musikmanager, jetzt setzt er sich für eine entspanntere Trauerkultur ein.

Bereits am Vortag hat sich Lanz in seiner Sendung ausgiebig dem Thema Robert Habeck und dessen Rückzug aus sämtlichen sozialen Netzwerken gewidmet. Mit dem Medien- und Politikberater Martin Fuchs spricht er nun noch einmal über den richtigen Umgang mit Twitter und Co. Fuchs hält Politiker und Parteien Händchen, begleitet sie durch die oft grausame Welt der Kommentarspalten, Bodo Ramelow oder Heiko Maaß, gehören zu seinen Klienten.

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Dass Habeck so schnell aufgegeben hat, hält Fuchs für unglücklich. „Er hätte zwei Nächte drüber schlafen sollen“, dann ein „Sabbatical“, ein „digital detox“, okay, eine schnöde Pause einlegen sollen. „Und hätte dann entscheiden können, ob er wirklich rausgeht.“ Sich der digitalen Welt als Politiker komplett zu entziehen, hält Fuchs ohnehin für nahezu unmöglich. Was analog passiert, passiert eben auch digital, an den Stammtischen der virtuellen Welt. Was Habeck künftig nicht sieht, ist nicht da – die Rechnung geht nicht auf.

Die eitle Sucht nach Aufmerksamkeit

Nach Talkshows habe Habeck „gierig“ danach gesucht, was über ihn geschrieben wurde, wie er wahrgenommen wurde, greift Lanz auf. „Einige sind süchtig nach Aufmerksamkeit“, sagt Fuchs. Schließlich müsse man ein bestimmter Typ sein, um Politiker zu werden, gewiss gehöre da oft „eine gewisse Eitelkeit“ dazu.

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Wie geht der Mann neben Lanz damit um, Andreas Scheuer? Offenbar mit einer guten Portion Gelassenheit. „Natürlich musst du dir ein dickes Fell zulegen.“  Natürlich verfolge er Diskussionen. Und natürlich ist das oft unangenehm – in einer Zeit, in der „die Morddrohung der neue Leserbrief ist“, wie Lanz es bezeichnet. „Beim Fall Habeck ist das nicht Coolness“, – seine Social-Media-Flucht sieht Scheuer auch als Zeichen der Überforderung angesichts einiger Fehltritte. Immerhin habe er sich in der Vergangenheit einige „Tweets“ geleistet, die zumindest aus Scheuers Sicht kaum vertretbar waren. Nicht zuletzt den Seitenhieb als Grüner gegen die CSU: „Wir sorgen dafür, dass in Bayern wieder demokratische Verhältnisse einziehen.“ Kein Wunder, dass der Passauer Scheuer sich mit Habeck nicht ganz grün ist… Der Verkehrsminister zumindest ist überzeugt: „Jetzt ist er so in die Defensive gekommen, dass er eine andere Story genommen hat, um auszusteigen.“ Die Story des Mannes, der abschalten will.

Neue Politik oder Selbstdarstellung? Elisabeth Niejahr findet es „vollkommen legitim“, wenn Politiker sich online inszenieren – zumal die Bürger selbst entscheiden können, was sie verfolgen. Dennoch glaubt Niejahr, gerade jetzt hätte en Politiker wie Scheuer mehr als genug Wichtigeres zu tun – mit Blick auf die Betroffenen vom Dieselfahrverbot. „Die Leute haben im Moment andere Erwartungen an Sie.“

Die Gäste bei Markus Lanz: Verkehrsminister Andreas Scheuer, die Journalistin Elisabeth Niejahr von der WirtschaftsWoche, Politikberater Martin Fuchs und Bestatter Eric Wrede. Foto: ZDF/Screenshot

Immer wieder bringt sie das Thema Diesel zur Sprache, immer wieder verliert Scheuer sich in Ausflüchten. Scheuer hat wahrlich keinen leichten Job. Mitleid hat er deswegen noch lange nicht verdient – auch wenn er alles ausbaden muss, was auf Deutschlands Straßen und Gleisen schiefläuft. Und das ist momentan viel. Streiks, Unpünktlichkeit, der Dieselskandal. Er führt endlose Diskussionen mit den Vertretern der Autoindustrie. Oft ergebnislos. „Ist das noch Politik oder schon Masochismus?“, fragt Lanz nur.

„Wir sind verliebt ins Gewinnen. Doch gerade laufe es nicht so gut“, heißt es in der Sprache von Scheuer. Zur Sendung sei er mit dem Auto von Berlin nach Hamburg gekommen, „weil die Bahn…“ Nun gut.

Er will die „Mobilität der Zukunft“ planen, schreibt er sich auf die Fahnen. Doch die Journalsitin Niejahr vermisst die großen Visionen, die Ideen. Niejahr war gerade in Kopenhagen, lobt die vorbildliche Metropole, Elektrobusse, das Miteinander von Radfahrer und Autofahrern, die intelligentere Verkehrsführung. Sie glaubt, Deutschland sei längst abgehängt. Die Automobilindustrie sei zu lange durchgekommen mit Schummeleien. „Für all das, was im Moment falsch läuft, haben Sie die Verantwortung“, sagt sie zu Scheuer und verweist auf die Gelbwesten-Proteste in Frankreich, auf Mobilität als soziale Frage. Wie könne es sein, dass in Deutschland jedes fünfte neuzugelassene Auto ein fetter, ganz und gar klimaunfreundlicher SUV ist?

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Für Niejahr sind Themen wie die Maut Ablenkungsmanöver, wichtiger für viel mehr Menschen sei doch das Thema Diesel. Der Dieselskandal ist für sie ein klares Zeichen von Politikversagen.”

Auch Lanz geht hart in Gericht mit der deutschen Autoindustrie, der Verkehrspolitik und damit auch Scheuer. Er zeichnet ein düsteres Bild für die Zukunft, gibt zu bedenken, dass die Autoindustrie „besoffen“ vom langjährigen Erfolg sei, in einer ähnlichen Situation wie Nokia, bevor Apple alle überrollte – oder IBM, die von Microsoft gefressen wurden.

Leichentransport mit dem Lastenrad

Und Scheuer? Der wirkt irgendwann fast verzweifelt. Egal, was er mache, am Ende ist er der Buhmann. In seinem Politikersprech: „Jetzt investieren wir so viel in die Verkehrsinfrastruktur wie nie zuvor.“ Nun müsse er sich rechtfertigen für all die Baustellen…

Einmal zumindest gibt es in der Runde einen kleinen Lichtblick für ihn. Einmal kann er sich gönnerhaft zeigen. Der Bestatter Eric Wrede schaltet sich in die Diskussion ein. Er wolle, wie eine Kollegin aus Dänemark, seine Särge (inklusive den Toten) mit dem Lastenfahrrad transportieren. „Ökologischer geht’s nicht.“ Eine Genehmigung dafür bekomme er aber nicht.

„Komm zu mir, dann können wir darüber sprechen“, sagt Scheuer. Zumindest ein Problem, dass er lösen kann? Bleibt abzuwarten.

Letztlich, fasst Bestatter Wrede es zusammen, sind sich die Vertreter seiner Zunft und Politiker gar nicht so unähnlich. Beide bieten „unwanted services“, Dienstleistungen, die am liebsten keiner in Anspruch nehmen würde. „Wir meckern alle über die Politik, aber brauchen sie trotzdem.“ Ähnlich sei es mit den Bestattern. Jeder braucht sie irgendwann. Womit der Bogen einmal mehr geschlagen wäre: vom Sterben zur Politik.

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