Martin Schulz macht auf Superstar

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz lässt sich auf dem Nominierungsparteitag feiern (Bild: dpa)

Der neu gewählte SPD-Chef ist ein Phänomen – der Zwischenzeit. Später wird sich zeigen, welche Kleider der Kaiser tatsächlich trägt.

Ein Kommentar von Jan Rübel

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Der Schwindel erregende Höhenflug des Martin Schulz aus Würselen, lange wohnhaft in Straßburg, ist schwer zu erklären. Die Zeit legt ihm alles zum Vorteil aus, nichts hinterlässt einen Kratzer. Für die SPD ist das ein Rausch – wenn er anhält, könnte er Schulz ins Kanzleramt tragen. Doch alles, was wir derzeit sehen, ist nur ein kleiner Ausschnitt eines langen Wahlkampfes bis in den Herbst hinein.

Nun beginnt erst der Frühling, und es ist eindeutig der von Schulz. Er redet sich und die SPD groß, mit Themen, die schon immer klassisch sozialdemokratisch waren, lange als Ladenhüter galten und nun im Schaufenster glänzen. Die Sozialdemokraten haben auch nur den Hauch einer Ahnung ob dieses Erfolgs in den Umfragen.

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Jedenfalls trifft Schulz einen Kern. Er tritt authentisch auf als Seelenonkel des Landes, der Partei, der Arbeitenden. Er verkörpert das Gefühl, da draußen passiert viel Ungerechtes. Und er verleiht der Angst Stimme, es könne auch mich und dich treffen. Dass die Zeiten seit langem irgendwie unausgesprochen sozialdemokratisch gewesen waren, bildet nur die Grundlage für die Schulz-Hausse. So wie die FDP im Schatten allgemeiner Liberalisierung sich immer schwerer als wahre liberale Partei positionieren konnte, gaben sich andere Parteien erfolgreicher sozialdemokratisch als die SPD; die CDU zum Beispiel.

Derzeit erscheint es, als habe dieses Kopiermodell ausgedient. Es funktionierte ja auch einige Jahre ganz gut, aber ab und an muss alles mal in die Werkstatt.

Dieser Wahlkampf wird intensiv und spannend

Derzeit ist Schulz der König Midas der deutschen Politik, alles wird in seinen Händen zu Gold. Seine Exekutiverfahrungen beschränken sich auf elf Jahre Bürgermeister einer Provinzstadt? Plötzlich ein Vorteil, er war bei den Leuten „da draußen im Land“. Er hat als EU-Parlamentspräsident manches krumme Ding gedreht, um seiner Macht willen und fürs Portemonnaie seiner Mitarbeiter? Schon jetzt als Skandälchen verpufft.

Für Schulz wird es nun darauf ankommen, sich als Volkstribun zu verstetigen, der Schulz zu werden. Denn das Pendel des jetzigen Hypes wird bald umschlagen.

Bisher war Schulz hinreichend unkonkret, damit umgarnt er alle. Er wird aber auch Farbe bekennen müssen und wollen, spätestens mit dem Wahlprogramm im Juni. Dann wird er Leute vor den Kopf stoßen, die sich jetzt von ihm angesprochen fühlen. Das heißt nicht, dass sie sich garantiert von ihm abwenden werden. Aber das wird die Auseinandersetzung ehrlich machen.

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Schulz wird die Chance erhalten, das Umschlagen des Pendels auch für sich zu nutzen. Er muss weiter Initiative zeigen, ohne sich zu verheddern. Muss Standfestigkeit demonstrieren. Und diejenigen, die gerade fieberhaft nach politischen Sünden in seiner Vergangenheit graben, müssen leer ausgehen.

Es wird dann darauf ankommen, in welchen Kleidern er steckt und ob er immer noch als authentisch wahrgenommen wird. Spätestens dann hat Angela Merkel ein Problem.

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