Max-Planck-Gesellschaft will "Euthanasie"-Opfer identifizieren

MPG-Präsident Martin Stratmann

Nach dem Fund von Hirnpräparaten aus der Zeit des Nationalsozialismus startet die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) im Juni ein Forschungsprojekt zur Identifizierung von "Euthanasie"-Opfern. Es soll eine Datenbank mit den Namen aller Opfer, aber auch zur Todesart und den an den Hirpräparaten vorgenommenen Forschungen entstehen, wie die MPG am Dienstag in München mitteilte.

Die Daten sollen möglichst anhand der vorliegenden Akten und Unterlagen auch aus den damaligen Tötungsanstalten der NS-"Euthanasie" ermittelt werden. Die als belastet eingestuften Humanpräparate sollen dann möglichst mit den Namen der Opfer nachbestattet werden.

Erst Ende der 80er Jahre hatte die Max-Planck-Gesellschaft mit einer Untersuchung der Präparatesammlungen an ihren Standorten in München, Köln und Frankfurt begonnen. 1989 wurde beschlossen, alle Präparate aus der NS-Zeit, deren Herkunft nicht einwandfrei für unbedenklich erklärt werden konnte, zu bestatten.

Dabei handelte es sich unter anderem um hundertausende meist mikroskopische Hirnpräparate von mutmaßlichen Opfern der sogenannten "Euthanasie"-Aktion, aber auch von anderen Opfergruppen wie KZ-Insassen oder Kriegsgefangenen.

Diese Präparate aus der NS-Zeit wurden offenbar noch weit nach dem Ende des Naziregimes in Forschung und Lehre eingesetzt. Die große Mehrheit der Wissenschaftler hatte dabei keine oder zu wenig moralische Bedenken.

Stichproben am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München hatten ergeben, dass sich in der Sammlung des Instituts noch Hirnschnitte befinden. Sie galten schon 1990 als Verdachtsfälle und sollten daher längst beigesetzt werden.

Im Frühjahr 2015 fand ein Mitarbeiter im MPG-Archiv in Berlin dann einen Holzkasten mit etwa hundert menschlichen Hirnschnitten. Sie stammten aus dem Nachlass des Arztes und Hirnforschers Julius Hallervorden, der während der NS-Zeit am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin, dem Vorläufer des späteren Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt am Main, gearbeitet und die Gehirne hunderter "Euthanasie"-Opfer untersucht hatte.

Daraufhin wurden noch einmal sämtliche Archive durchforstet. Es habe "keine weiteren Hinweise auf Präparate von NS-Opfern" gegeben, teilte die Max-Planck-Gesellschaft mit.

Das Forschungsprojekt zur Identifizierung der Opfer soll drei Jahre laufen und wird von der MPG mit eineinhalb Millionen Euro unterstützt. Eine umfassende Rekonstruktion aller Opferbiografien sei angesichts der großen Opferzahl nicht möglich und allenfalls für einzelne wenige exemplarische Lebensgeschichten machbar, erklärten die Forscher.

Die Ermordung von Behinderten, Kranken und Pflegebedürftigen war das erste vom NS-Regime in Gang gesetzte systematische Massenmordprogramm. Schätzungsweise 300.000 Männer, Frauen und Kinder töteten Ärzte, Krankenpfleger und SS-Mordkommandos in den von Deutschland kontrollierten Gebieten von 1939 bis 1945.

Am bekanntestes ist die sogenannte Aktion T4, bei der etwa ab Kriegsbeginn 1939 Kranke und Behinderte zentral erfasst und deutschlandweit in sechs Tötungsanstalten in Gaskammern mit Kohlenmonoxid erstickt wurden. 70.000 Menschen starben. Nachdem diese Morde zunehmend für Unruhe sorgten, stellte die NS-Führung sie nach rund zwei Jahren vordergründig ein.

Die Tötungsanstalten im hessischen Hadamar und anderswo blieben allerdings weiterhin in Betrieb, etwa um erkrankte Häftlinge aus Konzentrationslagern zu töten. Parallel gingen Patientenmorde dezentral weiter. In Heimen und Krankenhäusern töteten Ärzte und Pfleger bis Kriegsende schätzungsweise weitere 90.000 Menschen durch Medikamenteninjektionen oder ließen sie verhungern.

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