Maybrit Illner: Druck auf Arbeitslose

Jens Spahn, CDU-Politiker beim Bundesminister für Finanzen, möchte Arbeitslosen Beine machen.

Am Donnerstagabend diskutierten engagierte Bürger bei Maybrit Illner mit Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles und dem CDU-Politiker Jens Spahn zum Thema „Viel Arbeit, wenig Geld – lohnt sich Leistung heute?“. Dabei wirkte es, als hätte Illner für ihren Spezial-Beitrag bei Sandra Maischberger abgekupfert. Letztere hatte erst vor drei Wochen verschiedene Bürger ins Studio geladen, um mit ihnen die Frage zu diskutieren ob Deutschland gerecht sei. Die Diskussionsrunde damals bei Maischberger fiel angesichts Dutzender Wortmeldungen extrem wirr aus. Illner beschränkte sich nun, als hätte sie aus den Fehlern ihrer Kollegin gelernt, auf acht „Bürger“ und zwei „Experten“ beziehungsweise Politiker. Doch so richtig gelang der „Bürgertalk“ auch ihr nicht.

Zu Wort kamen: eine alleinerziehende Selbstständige, ein Ex-Hartz-IV-Bezieher, eine Gebäudereinigerin, ein Arbeitsloser, ein Ex-Arbeitsloser, eine Frisörin und zwei weitere Arbeitnehmer.

Viele wichtige Themen wie Langzeitarbeitslose, Leiharbeit, Hartz IV, der Spitzensteuersatz und Jobs für Alleinerziehende wurden nur oberflächlich angeschnitten, aber nicht vertieft. Es wurde ein Vertreter jeder „Kategorie“ vorgeführt und innerhalb von fünf bis zehn Minuten abgespeist. Der Zuschauer blieb nicht schlauer zurück, als er eh schon gewesen war.

Mindestlohn umgehen

Illner hatte Maischberger auch gleich einen Studiogast ausgespannt. Christel Wellmann, von Beruf Gebäudereinigerin, hatte schon bei Maischberger „so einen Hals“ auf ihre Arbeitssituation gehabt: drei Jobs, vier Kinder und trotzdem nur 1000 Euro netto auf die Hand. Sie erzählte wie ihr Arbeitgeber den Mindestlohn unterlaufe indem er den Stundensatz, der seit Januar 2017 auf 8,84 Euro erhöht wurde, nur zahle, wenn eine bestimmte Anzahl an Zimmern im Hotel geputzt würde. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles konnte da nur den Kopf schütteln. „Das ist rechtswidrig! Der Mindestlohn muss pro Stunde gezahlt werden, das ist ein Fall für den Zoll.“ Weitere Tipps, wie die gute Frau Wellmann handeln könnte, hatte sie nicht.

Keine Unterstützung vom Amt

Thomas Heimerl, der nach 39 Jahren im Außendienst arbeitslos wurde, drohte in Hartz IV abzurutschen und machte sich schließlich als Gastronom selbstständig. Unterstützung und Beratung vom Jobcenter bekam er dabei keine. Er hatte Glück, sein Restaurant lief an. Heute kritisiert er, dass der Staat mehr unterstützen müsse anstatt zu fordern. Der CDU-Politiker Jens Spahn fragte Heimerl herausfordernd: „Wenn Hartz IV Ihnen nicht gedroht hätte, hätten Sie sich dann selbstständig gemacht?“ Und fügte hinzu: „Ein bisschen Druck muss sein.“ Illner daraufhin mit Ironie in der Stimme: „Ein bisschen Druck ist schön!“ Nahles fasste es gut zusammen: „Jeder der arbeitslos wird, hat auch so unglaublichen Druck. Es geht an die Substanz, es macht krank.“ Spahn aber legte nach und bohrte den Finger immer tiefer in die Wunde. Wie lange man denn Arbeitslosengeld I erhalten solle, fragte er rhetorisch: „Was fänden Sie denn angemessen? Drei, fünf Jahre, für immer?“ Spahn, der in seinem privilegierten Leben höchstwahrscheinlich nie die Erfahrung machen musste, am Rande der Gesellschaft zu leben, wirkte auf diesem Terrain so fremd wie ein Außerirdischer auf unserem Planeten.

Die Alleinerziehende Christine Finke forderte Sozialstunden für Unterhalt-Zahlungsverweigerer.

Stigmatisierung Alleinerziehender

Den Applaus des Abends erhielten weder Nahles, noch Spahn, die die meiste Zeit stichelten und sich die Schuld für alte Politikfehler in die Schuhe schoben, sondern Christine Finke, eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern und selbstständige Autorin. Sie erzählte von der Schwierigkeit, als Alleinerziehende im Beruf Fuß zu fassen. Und erntete lauten Beifall, als sie vorschlug Sozialstunden für die Väter, die keinen Unterhalt zahlen wollten, einzuführen. „Was meinen Sie, wie die Quote da steigen würde.“ Außerdem würden anonyme Bewerbungen helfen, da alleinerziehende Mütter oft als unflexibel und unzuverlässig stigmatisiert würden. Weder Andrea Nahles, noch Jens Spahn hatten etwas Nennenswertes zur Sendung beizutragen.

Fotos: Screenshot ZDF

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