Maybrit Illner: Kampf für die Realität

Bülent Bilgi hat keine Lust auf Antworten.

Seit dem Tag, an dem Donald Trump per Rolltreppe auf die politische Bühne walzte, stehen amerikanische Journalisten vor einem Dilemma. Dass im politischen Diskurs mit der Wahrheit bisweilen etwas, sagen wir, lax umgegangen wird, ist altbekannt. Und es war immer die Aufgabe der Journalisten, Politiker mit dem gebührenden Ernst und der entsprechenden Ruhe auf kleine und große Verbiegungen der Realität hinzuweisen. Trumps Verständnis von der Realität allerdings, beziehungsweise das, was er der Welt als solche unterjubeln will, ist so absurd, dass „gebührender Ernst“ und „entsprechende Ruhe“ dagegen nicht ankommen. Höflichkeit hat keine Chance, wenn jemand mit einem Realitätsverzerrer absolutistischer Tragweite ausgestattet ist.

Nun gibt es solche Entwicklungen auch in Europa und auch hier haben Journalisten ihre Schwierigkeiten, gegen die Realitäts-Zerklärer anzukämpfen. Eine, die in diesem Kampf am Donnerstagabend einen kleinen Sieg davongetragen hat, ist Maybrit Illner.

Es ging, worum geht es denn momentan auch sonst, um das Türkei-Referendum. Illner hatte unter dem Motto „Erdogans deutsche Fans: stolz, frustriert und fremd“ zur Diskussion ins Studio geladen. Mit ihr am Tisch saßen Alexander Graf Lambsdorff, der Vizepräsident des EU-Parlaments, die nordrheinwestfälische CDU-Politikerin Serap Güler und Ali Ertun Toprak, der Vorsitzende der kurdischen Gemeinde in Deutschland. Außerdem waren da noch Andrej Hunko, der während der Abstimmungen zum Referendum als Wahlbeobachter in der Türkei gewesen war, der deutsch-türkische Unternehmer Mustafa Karadeniz und Bülent Bilgi, der Generalsekretär der AKP-nahen Union Deutsch-Türkischer Demokraten. Gemeinsam sollten sie das Ergebnis der Abstimmungen diskutieren. Was sind die Fakten, was ist die Realität, die neue?

Bülent Bilgi hat keine Lust auf Antworten

Einer von ihnen, das wird praktisch sofort klar, hat darauf an diesem Donnerstag keine Lust. Wäre Bülent Bilgi ein Raumschiff, sein Kapitän hätte vor der Sendung wohl „Deflektorschilde und Realitätsverzerrer aktivieren“ gerufen. Rotes Licht, Alarmglocken, Anschnallen fürs Asteroidenfeld “Realität”.

Das wird gleich bei der ersten Frage klar. Nach einem Einspieler über Unregelmäßigkeiten im Abstimmungsprozess fragt Illner Bilgi, ob Erdogan nicht peinlich genau darauf hätte achten müssen, dass es keine Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Ergebnisses gibt. Bilgi könnte jetzt antworten, will aber nicht und deshalb beschwert er sich zuerst einmal darüber, dass die Ja-Wähler im Titel der Sendung als „Erdogans Fans“ bezeichnet würden – er, selbst größer Fan Erdogans in der Runde, sieht darin einen Mangel an Respekt. Erdogan sei schließlich kein Fußballverein.

Die Taktik ist die gleiche, die auch Trumps Unterstützer oft anwenden: mit Hinweisen auf kleine, vermeintliche Vergehen soll das Gegenüber allgemein diskreditiert werden. Glashaus, erster Stein, sowas eben. Bei Illner geht diese Taktik nicht auf. Sie erwidert knapp: „Ich stelle einfach nochmal meine Frage“. Erst daraufhin sagt Bilgi, dass die Rechtmäßigkeit nicht in Frage gestellt werden dürfe. Man habe schließlich auch Brexit akzeptiert. Man solle ein fairer Verlierer sein, sagt er, und es wird nicht ganz klar, ob er damit die Deutschen, die Gegner Erdogans oder die türkische Demokratie, wie man sie kennt, meint.

Bülent Bilgi hat immer noch keine Lust auf Antworten

Die gleiche Methode wendet Bilgi dann auch an, als es wenig später wieder um den Ablauf des Wahlverfahrens in der Türkei geht. „Glauben sie nicht, dass eine Demokratie nicht auch auszeichnet, wie sie mit Minderheiten umgeht“, fragt Illner. Bilgi will auch darauf nicht antworten und zieht deshalb eine Liste einiger weniger Wahlbeobachter aus seinem Ordner, die angeblich parteiisch seien. Auch einen Tweet hat er ausgedruckt, auf dem ein Foto den Wahlbeobachter im Studio hinter einer PKK-Flagge zeigt. Wegen dieser Liste und dieses einen Fotos sei der gesamte Bericht der OSZE-Wahlbeobachter für ihn nichts wert, betont er.

Hier bekommt Illner Hilfe von EU-Parlamentsvizepräsident Lambsdorff. Wenn Michael Link, der Leiter des Büros für Demokratische Institutionen und Menschenrechte, Kritik an der Wahl übe, könne Bilgi das nicht so einfach wegwischen. Direkter Treffer in die Deflektorschilde, die OSZE lässt sich nicht relativieren.

Als Illner ihn fragt, ob er glaube, es sei im Wahlkampf fair zugegangen, versucht Bilgi es mit dem Realitätsverzerrer. Nein, sagt er. Es sei unfair zugegangen – gegenüber den Erdoganunterstützern in Deutschland. Man habe keine Infoveranstaltungen organisieren dürfen. Dass Illner ihn auf die Fairness gegenüber den Gegnern des Referendums angesprochen hat, ignoriert er einfach mal. „Das stimmt nicht, Herr Bilgi“, unterbricht ihn Illner und der Kurde Ali Ertun Toprak sagt: „Ich weiß nicht, ob ich mit den Tränen kämpfen soll oder laut lachen bei ihrem Auftritt.“ Sich zum Opfer zu stilisieren, während der politische Führer, den er unterstützt, die gesamte Türkei gleichgeschaltet habe, sei absurd, sagt er. Als Bilgi weiter ausführt, wie genau jetzt Deutschland unfair zu Erdogan und der AKP gewesen sei, beendet Illner das Thema mit einem kurzen Auflachen und einem sarkastischen: „Ja, sie sind echt zu bedauern“. Wieder ein Punkt für die Realität.

Es ist gerade dieser Sarkasmus, der Illners Interviewstil in dieser Sendung so effektiv macht. Während in den USA Journalisten noch damit hadern, wie sie die wahnwitzigen Äußerungen ihres Commander-in-Chief einordnen und behandeln sollen, stellt Illner die Aussagen Bilgis als das bloß, was sie sind: Ablenkungsmanöver und massive Verzerrungen der Realität. Das ist deshalb so wichtig und muss viel mehr so gehandhabt werden, weil Aussagen wie diese in der Realität ja leider sehr ernste Folgen haben. Was nämlich passiert, wenn Menschen Stimmen wie die von Bilgi ernst nehmen, sieht man an Trump, am Brexit und seit Sonntag auch an der Türkei. (jl)

Foto: Screenshot/ZDF

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