Medienbericht: Was steckt hinter Vettels Kontakt mit McLaren?

Christian Nimmervoll

Sebastian Vettel und Andreas Seidl kennen sich. Nicht nur vom Smalltalk unter Deutschen im Formel-1-Paddock, sondern auch aufgrund ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Als Vettel, damals noch ein junges Wunderkind mit Zahnspange, 2006 Testfahrer bei Sauber-BMW wurde, war Seidl dort als Ingenieur tätig.

Jetzt, so berichtet es die spanische Zeitung 'Marca', soll Vettel seinen alten Bekannten wieder kontaktiert haben, um sich nach Möglichkeiten zu erkundigen, 2021 zusammenzuarbeiten. In medial erhitzten Zeiten wie diesen, in denen über den Transfermarkt für 2021 aufgeregt spekuliert wird, ist das natürlich eine Schlagzeile, die die Runde macht.

Die Beteiligten streiten die angebliche Kontaktaufnahme jedenfalls nicht ab. "Wir sind happy mit unseren beiden Fahrern. Sie sind die Zukunft für McLaren", sagt McLaren-Teamchef Seidl auf Anfrage von 'Motorsport-Total.com', lässt aber die Gelegenheit aus, den 'Marca'-Bericht klar zu dementieren, wenn er sagt: "Ansonsten beteiligen wir uns nicht an diesen Spekulationen."

Aus dem Vettel-Lager wiederum hört man, dass der 32-Jährige sich nicht auf das Spiel einlässt, jedes Gerücht einzeln zu kommentieren. Generell seien Medienberichte über einen bevorstehenden Abschied von Ferrari konstruiert. Und Vettels großer Traum sei nach wie vor, mit Ferrari Weltmeister zu werden. Solange dieses Ziel nicht erreicht ist, ist ein Teamwechsel zumindest nicht Plan A.

Helmut Marko: "Man darf Vettel nicht abschreiben"

Dass die Saison 2019 aus Sicht von Vettel nicht nach Wunsch verlaufen ist, streitet niemand ab. Eine Entwicklung, die auch Teil des großen Jahresrückblicks (Veröffentlichung nach Weihnachten) von Motorsport-Total.com sein wird - und über die wir in einem exklusiven Interview in Graz mit Vettels Ex-Chef Helmut Marko gesprochen haben.

Dabei haben wir Marko mit der "konspirativen These" konfrontiert, dass Vettel nicht mehr zu den drei besten Fahrern der Formel 1 gehört. "Auf die heurige Saison bezogen muss ich dem leider recht geben", antwortet der Red-Bull-Motorsportkonsulent. "Aber trotzdem darf man Vettel nicht abschreiben."

Marko kann sich vorstellen, dass es für Vettel vielleicht "überraschend" gekommen sei, "wie schnell Leclerc ist". Und auch Ferrari-Teamchef Mattia Binotto findet, dass sich Leclerc auf den schwierig zu fahrenden SF90 besser eingestellt hat: "Er hatte unsere Probleme ein bisschen besser im Griff. Einfach wegen seines Fahrstils."

Aber bei einem Ferrari-Medientermin in Maranello bekannte sich Binotto ausdrücklich zum viermaligen Weltmeister: "Seb ist ein Schlüsselfahrer für uns, er ist zentral für unser Projekt. Er ist jetzt schon seit vielen Jahren Teil dieses Teams. Er kennt das Team sehr gut, er hat viel Erfahrung. Und er ist viermaliger Weltmeister. So ein Fahrer muss eine Schlüsselfigur in unserem Projekt sein."

Auch dann noch, wenn er 2020 erneut gegen Leclerc unterliegen sollte und sein Vertrag am Saisonende ausläuft? Binotto betont, er sei "glücklich" mit der aktuellen Ferrari-Paarung, aber: "Wir müssen uns mit Seb hinsetzen und sprechen, damit wir seine Pläne für die Zukunft verstehen."

Sebastian Vettel: Ein Rücktritt schon Ende 2019 ist kein Thema, hat er klargestellt

Sebastian Vettel: Ein Rücktritt schon Ende 2019 ist kein Thema, hat er klargestellt LAT

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Ferrari: Vettel muss wissen, was er will

Gerüchte, befeuert auch von britischen TV-Experten am Saisonende in Abu Dhabi, wonach Vettel seine Karriere per sofort beenden könnte, seien jedenfalls kompletter Unsinn, heißt es aus dem Umfeld des viermaligen Weltmeisters. Bei Ferrari hat man diese aber natürlich registriert - und spielt den Ball Vettel zu.

"Wir müssen schauen, wie sich unsere Strategie nächstes Jahr entwickelt. Und wir müssen uns die Performance anschauen und wie er ins Auto passt und wie er sich in Zukunft motivieren kann", sagt Binotto. "Es geht nicht darum, ob er Fehler gemacht hat oder nicht. Es geht darum, wie er seine Zukunft sieht und wie wir unsere Fahrerpaarung sehen."

Das klingt nicht mehr ganz nach uneingeschränktem Bekenntnis zu Vettel - schließlich wurde in Abu Dhabi bekannt, dass Ferrari nach Lewis Hamilton fischt. Sollte der Mercedes-Star 2021 wirklich kommen, wäre für Vettel vermutlich kein Platz mehr im Team. Denn dass Ferrari Leclerc rausschmeißt, gilt als ausgeschlossen.

Nichtsdestotrotz stärkt Binotto Vettel den Rücken, wenn er zum Beispiel sagt: "Er hat sich am Saisonbeginn nicht wohlgefühlt im Auto." Zum Beispiel aufgrund der "Instabilität beim Bremsen", die eine Hauptcharakteristik des SF90 gewesen sei. Und "so einen schnellen Teamkollegen zu haben, das hat ihm sicher Kopfzerbrechen bereitet."

"Aber Seb ist sehr analytisch, wenn es darum geht, besser zu werden. Er geht so eine Übung nicht emotional an, sondern er schaut sich die Daten an, vergleicht die Sektoren, studiert genau, wo er langsamer oder schneller ist."

Binotto: Singapur war ein Schlüsselmoment

In der ersten Saisonhälfte, räumt Binotto ein, sei Vettel "unter großem Druck" gestanden. Aber der Sieg in Singapur mit der anschließenden Führung in Sotschi und zwei weiteren zweiten Plätzen war dann ein psychologisch wichtiger Befreiungsschlag: "In der zweiten Saisonhälfte hat er sehr gut reagiert", lobt der Ferrari-Teamchef.

‘¿’"Der Sieg in Singapur war sicher ein Schlüsselerlebnis für ihn. Nicht nur der Sieg an sich, sondern auch in Bezug auf das Vertrauen ins Team - weil er wusste, dass er sich darauf verlassen kann, dass ihn das Team unterstützt, wenn es drauf ankommt. Aber ich denke, dass es die richtige Entscheidung und die richtige Zeit war, ihn gewinnen zu lassen."

"Tatsache ist, dass er in der zweiten Saisonhälfte, als er sich im Auto wohler fühlte, sehr, sehr schnell war. Wenn man sich seine Rennpace anschaut, dann war er auf einem sehr ähnlichen Niveau wie Charles. Charles war dafür im Qualifying schneller", sagt Binotto - und wählt damit zumindest keine Worte, die Vettel weiterhin als Ferraris Nummer 1 ausweisen würden.

Was an den McLaren-Gerüchten dran ist? Dazu hat sich Maranello bisher nicht geäußert. Vettel weiß, dass er keine hundertprozentige Sicherheit hat, den Ferrari-Vertrag verlängert zu bekommen. Also muss er seine Möglichkeiten sondieren. Dabei nicht auch mit Seidl zu sprechen, dem Chef eines aktuell aufsteigenden Teams, wäre fahrlässig.

In der bevorstehenden "Silly Season" schon für 2021 war das, sollte es wirklich stattgefunden haben, sicher nicht Vettels letztes Gespräch. Wenn Hamilton ihm das Ferrari-Cockpit wegschnappen sollte, wäre bei Mercedes ein Platz frei. Und wenn Mercedes dann Max Verstappen holt, könnte Vettel theoretisch auch zu seinen alten Freunden bei Red Bull zurückkehren.

Aber all das ist momentan nicht mehr als das, was es eben ist: "Silly Season" ...

Mit Bildmaterial von LAT.