Meeresschleim in der Türkei: "Wir verlieren durch den Schleim viele Meereslebewesen"

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Die Plage vor Istanbul zeuge von einem gefährlichen Umgang mit der Natur, sagt Biologe Muharrem Balcı. Wie Corona und das Klima die Lage verschärfen und woran es fehlt.

Auf Schleim gelaufen: einige Boote in einem Hafen nahe der Millionenstadt Istanbul Anfang Juni 2021 © Yasin Akgul/​AFP/​Getty Images
Auf Schleim gelaufen: einige Boote in einem Hafen nahe der Millionenstadt Istanbul Anfang Juni 2021 © Yasin Akgul/​AFP/​Getty Images

Seit vielen Jahren wird im Marmarameer bei Istanbul immer wieder geleeartiger Schleim beobachtet: Das Phänomen wird von Algen verursacht, die sich übermäßig ausbreiten und das Ökosystem bedrohen. Muharrem Balcı erforscht die Zusammensetzung des Meeresschleims.

ZEIT ONLINE: Der sogenannte Seerotz wurde 2007 zum ersten Mal im Marmarameer gesichtet, aber so schlimm wie jetzt war die Situation noch nie. Wie ist die Schleimplage so außer Kontrolle geraten?

Muharrem Balcı: Jedes Ökosystem hat eine gewisse Kapazität, mit menschengemachten Stressfaktoren umzugehen, auch das Marmarameer. In diesem Jahr wurde die Toleranzgrenze aber offensichtlich überschritten. Das liegt auch an der Corona-Pandemie.

ZEIT ONLINE: Was hat denn die Pandemie damit zu tun?

Balcı: Sie hat dazu geführt, dass Millionen Menschen in ihren Wohnungen sitzen und deutlich mehr Reinigungsmittel und Chemikalien verwenden als zuvor. Und diese Stoffe gelangen dann in die Gewässer. In der Region um das Marmarameer leben 25 Millionen Menschen, das allein bedeutet eine gewaltige Verschmutzung. Hinzu kommen massive Mengen an Abfällen und Schadstoffen aus der angrenzenden Industrie. Die bestehenden Kläranlagen reichen nicht aus, um mit der Verschmutzung fertig zu werden – zumal es auch ein internationales Problem ist. Das Marmarameer ist ein Binnenmeer, das über den Bosporus und die Dardanellen mit dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer verbunden ist. Das bedeutet: Ein europäischer Abwasserkanal verläuft von der Donau durch das Schwarze Meer ins Marmarameer – und trägt zu dessen ökologischem Verfall bei. Zu all diesen Faktoren kommt die globale Erwärmung, denn steigende Temperaturen begünstigen derartige Algenplagen.

ZEIT ONLINE: Was sind das für Algen, die diesen dickflüssigen, grauen Schleim produzieren?

Balcı: Wir sammeln derzeit viele Proben an verschiedenen Stellen im Marmarameer und untersuchen sie im Labor. Bislang sehen wir ähnliche Arten von Mikroalgen wie 2007, aber in viel größeren Mengen. Die dominanten Spezies, die den Schleim verursachen, sind Kieselalgen, die sich vor allem im Frühling stark vermehren.

ZEIT ONLINE: Wie lange wird der Schleimteppich voraussichtlich bleiben?

Balcı: Er hat sich seit Beginn des Jahres aufgebaut, zunächst ganz langsam, aber innerhalb von sechs Monaten ist er immer schneller gewachsen. Es könnte den ganzen Sommer lang so weitergehen. Meeresschleim bewegt sich sehr langsam durch die Wassersäule nach unten, aber am Ende sinkt er auf den Grund und führt zu Sauerstoffmangel und zu einem Massensterben in den Ökosystemen am Meeresboden. Bis dahin können sich die Bestandteile des Schleims verändern, weil sich im Sommer andere Arten stärker ausbreiten als im Frühling. Schädliche, sogar giftige Algen könnten auftauchen.

ZEIT ONLINE: Ist es nicht möglich, den Schleim irgendwie zu entfernen?

Balcı: Nicht von einem so großen Gewässer, nein. Wir müssen darauf warten, dass er sich auf natürliche Weise auflöst und das Ökosystem sich selbst regeneriert.

ZEIT ONLINE: Kann es das denn? Oder rechnen Sie mit langfristigen Folgen für das Marmarameer?

Balcı: Wir verlieren derzeit sehr viele Meereslebewesen – Fische, Krabben und andere –, weil der Schleim zu Sauerstoffmangel führt. Noch lässt sich aber schwer sagen, wie groß die Verluste sein werden. Auf jeden Fall sind auch die Fischerei und Aquakulturen in der Region stark betroffen.

ZEIT ONLINE: Was müsste geschehen, um das Marmarameer zu retten?

Balcı: Das Hauptproblem ist, dass so viele Menschen auch viel Verschmutzung bedeuten. Istanbul allein hat rund 16 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Das ist ein Problem für das Marmarameer. Wir brauchen soziale und ökonomische Lösungen, einen gemeinsamen Aktionsplan für die Städte an den Küsten. Eine kurzfristige Lösung gibt es nicht. Was fehlt, ist langfristiges Monitoring, ein Überwachungssystem für das Meer, um die Quellen der Verschmutzung zu lokalisieren und die schädliche Wirkung der Küstenstädte und Industriezonen auf die Umwelt zu reduzieren. Nötig ist aber auch internationale Kooperation, um alle Meere zu schützen, nicht nur das Marmarameer.

ZEIT ONLINE: Die türkische Regierung hat angekündigt, dass sie sich um die Rettung des Marmarameeres kümmern wolle. Glauben Sie, dass Taten folgen werden?

Balcı: Ich weiß es nicht, das ist Politik, und ich bin Wissenschaftler. Wir werden sehen. Aber unser gegenwärtiger Umgang mit der Natur ist sehr gefährlich. Die betroffenen Gemeinden und das Umweltministerium arbeiten jetzt gemeinsam mit Wissenschaftlern daran, diese Krise zu bewältigen. Wir hoffen, dass die nötigen Schritte bald folgen werden.

ZEIT ONLINE: Sie haben zu Beginn erwähnt, dass die Klimakrise zu Katastrophen wie dieser beiträgt. Im Gegensatz zu fast allen anderen Staaten hat die Türkei das Pariser Klimaabkommen bis heute nicht ratifiziert. Könnte diese Krise ein Anstoß sein, den Klimaschutz ernster zu nehmen?

Balcı: Die Situation im Marmarameer ist nur die Spitze des Eisbergs. Die globale Erwärmung trägt zur Zerstörung mariner Ökosysteme bei, sie beeinträchtigt das Leben überall auf der Erde. Wir werden noch viel größere Probleme erleben, wenn die globalen Temperaturen weiter steigen und die Entropie in den Systemen zunimmt. Wenn wir die Ausbeutung der Natur nicht stoppen, wird die Ökologie unser ökonomisches System zerstören. Im Nahen Osten haben wir heute schon große Probleme, weshalb viele Menschen versuchen, nach Europa zu gelangen. In Zukunft werden es noch viel mehr sein, denn sie werden auch vor den Folgen des Klimawandels fliehen.