Mega-Rotation beim Sieg über Albanien - Spaniens Erfolg untermauert deren Stärke – und birgt trotzdem ein hohes Risiko

Spanischer Jubel nach dem 1:0: Der Gruppensieger performt auch mit der B-Elf. <span class="copyright">IMAGO/Vitalii Kliuiev</span>
Spanischer Jubel nach dem 1:0: Der Gruppensieger performt auch mit der B-Elf. IMAGO/Vitalii Kliuiev

Das ist mal ein Statement! Die bereits als Gruppensieger feststehenden Spanier setzen ihre Siegesserie auch gegen die Albaner fort und gewinnen mit 1:0. Dabei wirft Trainer Luis de la Fuente die Rotationsmaschine kräftig an. Zumindest könnte diese Maßnahme auch nach hinten losgehen.

Es war ein ungewohntes Bild auf dem Rasen im Düsseldorfer Stadion . Die Spanier spielten bei der Partie gegen Albanien nicht wie gewohnt, sondern in neongelb-weiß. Aber nicht nur dadurch gab die Elf ein verändertes Bild ab. Denn sie wurde verändert - und wie!

Gleich zehn Spieler tauschte Trainer de la Fuente im Vergleich zum souveränen und wirklich guten Auftritt gegen die Italiner samt 1:0-Sieg aus. Einzig der gelbgesperrte Mittelfeldlenker Rodri musste zwingend ausgetauscht werden. Der Gruppensieg stand nach den zwei Erfolgen gegen die Italiener und die Kroaten (3:0) schon fest. Und so kam es zum Massentausch de la Fuentes.

Lediglich der mittlerweile in Saudi-Arabien spielende Aymeric Laporte behielt seinen Startplatz. Und schaute man sich vor dem Spiel die Aufstellung an, hätte man den Eindruck gewinnen können, dass es sich um eine A-Elf eines Turnierfavoriten handelt.

Spaniens B-Elf performt! Dani Olmo empfiehlt sich für deutlich mehr

Die Bundesliga-Stars Dani Olmo und Alejandro Grimaldo feierten ebenso ihre Startelfpremiere bei der EM wie der „ewige“ und mittlerweile 38-jährige Jesus Navas sowie Barca-Star Ferran Torres oder auch Real Madrids Superjoker Joselu.

Gerade in einem Spiel, bei dem die Spanier auf einen Gegner wie die Albaner treffen, hätte dieses Startelfexperiment dennoch schiefgehen können. Für die Albaner ging es schließlich bei dieser EM noch ums Weiterkommen, für die Spanier auf den ersten Blick um nicht allzu viel.

Aber Halt: Diese Annahme ist falsch! Jeder einzelne Akteur wollte de la Fuente beweisen, dass er viel lieber auf ihn als einen bisherigen Stammspieler setzen sollte. Genau so traten die Spanier nach wenigen Minuten des Abtastens auch auf. Mit einer großen Spielfreude sowie Pass- und Ballsicherheit legten sie sich die Albaner zurecht.

Herausragend, aber in der Herausfordererrolle: Dani Olmo<span class="copyright">IMAGO/Sportimage</span>
Herausragend, aber in der Herausfordererrolle: Dani OlmoIMAGO/Sportimage

Gerade Dani Olmo war sehr auffällig und auch zahlreichen Offensivaktion beteiligt. Den goldenen Treffer zum 1:0 legte der Leipziger dem Außenbahnspieler Torres mit einem perfekten Schnittstellenpass in der 13. Minute auf. Darüber hinaus arbeitete der 26-Jährige unheimlich viel nach hinten, agierte sowohl als Balltreiber als auch Vorbereiter und Abschlussspieler. Das Komplettpaket eben. Die spanische Zeitschrift lobte Olmo sogleich nach dem Schlusspfiff und titelte, dass es bei ihm keine Vorbehalte gebe.

Zurück zum Torschützen Torres: Mit einer Quote von 20 Toren in 44 Länderspielen stellt der Rechtsfuß, der den Ball mit seinem schwächeren Fuß im Gehäuse unterbrachte, unter Beweis, dass mit ihm jederzeit zu rechnen ist. Genau diese Qualität braucht es in der Breite, um am Ende ein sehr erfolgreiches oder gar siegreiches Turnier zu spielen. Nach dem Spiel sagte der 24-Jährige: "Wenn ich dieses Trikot anziehe, habe ich das Gefühl, dass ich für mein ganzes Land spiele". Viel mehr Motivation geht wohl nicht.

Chancenverwertung bleibt auf der Minusseite der Spanier

Einzig in Sachen Chancenverwertung zog sich das etwas negative Bild des Italien-Spiels weiter durch. Olmo (36.) und gleich mehrfach Joselu (12./49.) ließen Hochkaräter liegen. Zudem flogen etliche Flanken von Grimaldo und Navas gefährlich in den albanischen Strafraum. So blieb es in der Partie ergebnisbedingt länger spannend. So spannend gar, dass die Albaner in Person von Broja in der Nachspielzeit fast noch ausgeglichen hätten (90.+1).

Ein leichter Spannungsabfall war den Spaniern im Laufe der Begegnung dabei anzumerken. Dennoch stehen sie am Ende der Gruppenphase als klare beste Mannschaft der vier Teams hochverdient mit neun Zählern an der Spitze. "Es ist mitunter der beste Fußball, den wir spielen. Aber wir müssen demütig bleiben, das Turnier ist noch lang“, zog Routinier Navas bereits vor der Partie Parallelen zur glorreichen Zeiten zwischen 2008 und 2012, die in zwei EM- und einem WM-Titel mündete.

Mega-Rotation ein Fehler? Stammkräfte könnten Rythmus verlieren

Dennoch kann gerade im dem vermeintlich unwichtigsten Spiel gegen Albanien das höchste Risiko liegen. Nicht selten kam es vor, dass Teams in der Vorrunde überzeugten, um dann im ersten K.o.-Spiel direkt die Segel zu streichen. Eine komplett veränderte Startelf aufzubieten, birgt durchaus Gefahren.

Denn es gibt viele Akteure, die gerade den Rythmus brauchen. Zumal stand bereits vor dieser Partie fest, dass die Spanier ihr Achtelfinale erst am Sonntag bestreiten. Zeit zur erneuten Regeneration bliebe genug. Und wie behandelt de la Fuente nun Spieler wie Olmo und Torres, die stark aufspielten, aber wohl wieder auf der Bank landen? Eine schwierige Gemengelage, alle Akteure bei Laune zu halten und dennoch für genug Konstanz in der Startelf zu sorgen.

Spanien-Coach Luis de la Fuente<span class="copyright">IMAGO/Sven Simon</span>
Spanien-Coach Luis de la FuenteIMAGO/Sven Simon

Bei dieser Situation handelt es sich trotzdem mehr um Luxussorgen. Denn genug Spieler in guter Form zu wissen, bietet de la Fuente auch viel Spielraum, um in kritischen Situationen zu reagieren und Impulse von der Bank zu bringen. Die B-Elf hat definitiv gezeigt, dass sie bereit für mehr ist. Fragt sich nur, wie es der 63-jährige Übungsleiter in Bezug auf das Achtelfinale sieht.