Mehr als 15.000 Senioren betroffen - Rentner in München: Und plötzlich ist man arm...

Irene Kleber

Lioba Bichl hat 43 Jahre gearbeitet und zwei Kinder großgezogen. Was ihr bleibt, sind 832,95 Euro Rente im Monat, von der sie auch noch Miete zahlen muss. Kann man damit leben?

München - Für weit mehr als 15.000 Senioren in München reicht das Geld nicht mal fürs Nötigste. Die Miete frisst die Rente auf. Gutes Essen, Kino, Kleidung können sie sich nur mit Hilfe leisten. Dabei sind nicht nur die Alten betroffen, die immer schon zu den sozial Schwachen gehörten, sondern auch viele, die früher gut gelebt haben. Mehr als ein Drittel der heute 40- bis 55- Jährigen schaut deshalb schon jetzt mit Sorge auf die Zeit als Rentner, hat eine Studie ergeben. Die AZ hat eine 75-jährige Münchnerin gefragt, wie sie zurecht kommt.

Ihr Haushaltsbuch – es ist eine Art Fixstern in der kleinen Küche von Lioba Bichl (75) am Harthof. "Tengelmann 3,50 Euro, Aldi 21 Euro, Zeitung 5 Euro" hat sie da zum Beispiel eingetragen mit ihrem schwarzen Kugelschreiber. "Ich muss das so genau machen", sagt die Rentnerin, die sich mit Lippenstift und einer Kette mit Türkissteinen fesch gemacht hat für den Fototermin mit der AZ. "Sonst komme ich nicht durch bis zum Monatsletzten."

Man kann halt keine großen Sprünge machen mit einer Gesamtrente von 832,95 Euro in dieser reichen Stadt. Wenn Frau Bichl ihre (sehr günstige) Sozialmiete von 335 Euro abzieht, dazu die monatlichen Fixkosten von Strom, Telefon, GEZ und Haftpflichtversicherung, kann sie für Essen, Kaffee, Shampoo, Medikamente, Kleidung, Trambahnfahren oder einen Friseurtermin gerade mal 380,95 Euro im Monat ausgeben. Das ist das, was bleibt, nach 43 Jahren Vollzeit-Arbeit. "Wenn ich darüber nachdenke", sagt Lioba Bichl, fühlt es sich schrecklich an."

Es geht ihr damit wie vielen Münchner Rentnern, deren Geld nur knapp oder gar nicht fürs Nötigste reicht. 14.750 Senioren haben 2016 Zuschüsse vom Sozialamt beantragt – die "Grundsicherung", die immerhin sicherstellt, dass nach Abzug der Warmmiete plus Strom 430 Euro zum Leben bleiben.

Der 75-Jährigen bleiben 12,70 Euro am Tag

Da ist das Heer an Alten, die aus Scham keine Hilfe erbitten, oder die ein paar Euro zu viel Rente haben, um Sozialhilfe beantragen zu können, noch gar nicht mitgerechnet. In den nächsten Jahren, schätzt das Sozialreferat, wird die Zahl der "Renten-Aufstocker" in der Stadt noch deutlich steigen.

Rechnet man Lioba Bichls verfügbares Geld auf den einzelnen Tag herunter, bleiben 12,70 Euro. Das reicht gerade so für Essen, Trinken und Tramfahren. Es reicht nicht für einen Kuchen mit Freundinnen im Café. Nicht für regelmäßige Schwimmbad-Besuche. Nicht für neue Sommerschuhe, eine Waschmaschinen-Reparatur.
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