"Mehr als 40 Stunden in der Woche sind Ausbeutung": Was junge Politiker von Vorschlägen wie Rente mit 70, 42-Stunden-Woche und Überstunden halten

Rente mit 70, 42-Stunden-Woche, mehr Überstunden: Viele aktuelle politische Vorschläge treffen vor allem die junge Generation. - Copyright: Hinterhaus Productions via GettyImages
Rente mit 70, 42-Stunden-Woche, mehr Überstunden: Viele aktuelle politische Vorschläge treffen vor allem die junge Generation. - Copyright: Hinterhaus Productions via GettyImages

Deutschland fehlen Arbeiter, Fachkräfte und junge Menschen allgemein. Die, die noch da sind, sollen mehr, länger und härter arbeiten – zumindest wenn es den Vorschlägen einiger Führungskräfte in Politik und Wirtschaft geht, die zuletzt die Runde machten.

Der Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf, 59 Jahre, etwa forderte, das Renteneintrittsalter stufenweise auf 70 anzuheben. "Wir werden länger und mehr arbeiten müssen", prognostiziert er. Ansonsten drohe das System angesichts der demografischen Entwicklungen und der Belastungen der Sozial- und Rentenkassen mittelfristig nicht mehr finanzierbar zu sein.

Knapp einen Monat vorher twitterte FDP-Finanzminister Christian Lindner, was das Land angesichts der aktuellen Krise brauche, seien mehr Überstunden, "um unseren Wohlstand" zu sichern. Der frühere SPD-Chef Sigmar Gabriel forderte unlängst in der "Bild am Sonntag" gleich die 42-Stunden-Woche: "Wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen, kommen jetzt mindestens zehn Jahre, in denen es anstrengender wird als in den letzten."

Doch was sagt eigentlich die jüngere Generation zu solchen Vorschlägen von Menschen, die einen Großteil ihres Arbeitslebens schon hinter sich haben? Wir haben vier junge Abgeordnete aus dem Bundestag gefragt.

Merle Spellerberg (Grüne), 25 Jahre

Merle Spellerberg (Grüne) sitzt seit 2021 für Sachsen im Bundestag. - Copyright: Luise Schmiediche
Merle Spellerberg (Grüne) sitzt seit 2021 für Sachsen im Bundestag. - Copyright: Luise Schmiediche

Grünen-Politikerin Merle Spellerberg ist 2021 das erste Mal in den Bundestag eingezogen. Dort sitzt sie für den Wahlkreis 160, den Norden und Westen Dresdens sowie Bautzen. Mit ihren 25 Jahren gehört sie der Generation Z an. Einer Generation, zu der knapp über elf Millionen Menschen im Alter von zwölf bis 25 Jahren gehören und die damit aufgewachsen ist, dass Unternehmen keinen Nachwuchs mehr finden.

Lindners Vorschlag, Überstunden zu machen, kommt für die grüne Abgeordnete daher nicht infrage. Auch weil Gewerkschaften lange darum kämpfen mussten, dass es Acht-Stunden-Tage gibt: „Mehr als 40 Stunden Arbeit in der Woche sind Ausbeutung. Da sind wir in Deutschland drüber hinweg und das ist auch gut so.“ Stattdessen fordert Spellerberg eher weniger Wochenstunden, etwa 30 Stunden für Bereiche wie die Pflege.

Bei der Finanzierung der Rente will Spellerberg ihre Generation jedoch nicht ausklammern. Sie weiß um den demografischen Wandel und dass ihrer Generation deshalb schmalere Renten drohen als noch den Generationen zuvor. Immerhin bezogen im Jahr 1960 Deutsche im Schnitt weniger als zehn Jahre Rente, inzwischen sind es rund 20 Jahre. Ein Umstand, der zeigt, dass die Lebenserwartung in Deutschland gestiegen ist – und damit auch die Kosten.

Den Vorschlag, bis 70 zu arbeiten, sieht Spellerberg trotzdem kritisch, weil er nicht alle Generationen gleichermaßen treffe: „Es ist nicht allein die jüngere Generation, die von kleineren Renten betroffen ist und deshalb für stabilere und höhere Renten in der Zukunft sorgen muss, sondern es muss eine Lösung über alle Generationen hinweg gefunden werden“, sagt die Grünen-Politikerin.

Jakob Blankenburg (SPD), 24 Jahre

SPD-Politiker Jakob Blankenburg ist der jüngste Abgeordnete in seiner Fraktion. - Copyright: Fionn Grosse
SPD-Politiker Jakob Blankenburg ist der jüngste Abgeordnete in seiner Fraktion. - Copyright: Fionn Grosse

SPD-Politiker Jakob Blankenburg gehört ebenfalls Generation Z an – und hat trotz eines roten Parteibuches eine ähnliche Einstellung wie Grünen-Politikerin Spellerberg. Er ist 2021 für den Wahlkreis Lüchow-Dannenberg-Lüneburg in den Bundestag gezogen und der jüngste Abgeordnete seiner Fraktion.

Normalerweise beschäftigt sich Blankenburg vor allem mit Umweltpolitik und etwa der Frage, wie es mit den deutschen Atomkraftwerken weitergeht. Doch auch für die Finanzierung der Rente hat er eine Idee: "Statt unbezahlter Überstunden oder höherem Renteneintrittsalter für jüngere Generationen müssen wir dafür sorgen, dass mehr Menschen in die Rentenversicherung einzahlen. Etwa Beamte, Selbstständige oder Abgeordnete, wie ich", sagt Blankenburg. So könne man das System auf breitere Füße stellen und finanzielle Herausforderungen besser abfedern.

Den Vorschlag, bis zu einem Alter von 70 Jahren zu arbeiten, lehnt der SPD-Politiker ab: "Mit solchen neoliberalen Vorschlägen wird letztlich versucht, Menschen mit Vermögen zu stärken", sagt er. Gutverdienende könnten privat vorsorgen und früher in Rente gehen, Menschen mit geringem Einkommen seien stattdessen gezwungen, länger zu arbeiten oder sie müssten empfindliche Einbußen bei der Rentenhöhe in Kauf nehmen.

Ria Schröder (FDP), 30 Jahre

FDP-Politikerin Ria Schröder war vor ihrem Einzug in den Bundestag Chefin der Jungen Liberalen. - Copyright: Ria Schröder
FDP-Politikerin Ria Schröder war vor ihrem Einzug in den Bundestag Chefin der Jungen Liberalen. - Copyright: Ria Schröder

FDP-Politikerin Ria Schröder, bildungspolitische Sprecherin ihrer Fraktion, hält die Debatte um längere Arbeitszeiten jedoch für sinnvoll. Als Teil der Generation Y, 26 bis 40 Jahre, betont Schröder, wie dringend die Arbeitskraft von Jüngeren gebraucht werde. Nur rund 12,3 Millionen Menschen aus den Jahrgängen 1992 bis 2005 stehen rund 18 Millionen Menschen aus den Jahrgängen 1956 bis 1969 gegenüber, die in den folgenden Jahren ins Rentenalter kommen. Das sind 5,6 Millionen weniger Beitragszahler für die Rente.

„Jeder, der länger arbeitet, weil er das in seinem Bürojob beispielsweise kann und will, ist ein Gewinn für das Rentensystem“, sagt Schröder. Sie glaubt deshalb, dass längere Arbeitszeiten durchaus eine Lösung sein könnten, gerade, weil das die junge Generation entlasten könne. Für abwegig hält sie es jedoch, dass jeder Deutsche bis 70 arbeiten sollte. Stattdessen, so Schröder, sollte es einen individuellen Renteneintritt geben. Zudem sollten Unternehmen überlegen, wie sie ältere, motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter halten könnten. Etwa durch eine kleinere Stundenanzahl oder eine veränderte Tätigkeit.

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