Mehr Frauen für EU-Spitzenposten: "Wir haben großartige Kandidatinnen"

Die Zeit ist reif für eine Frau – das fordert eine Gruppe europäischer Schriftstellerinnen angesichts der andauernden Diskussion über den höchsten Posten der EU-Kommission .

Deshalb unterzeichneten sie den Aufruf "It's time" , der derzeit in europäischen Medien für Aufmerksamkeit sorgt. Hinter der Initiative stehen die kroatisch-deutsche Autorin Jagoda Marinić und die Dänin Janne Teller. Jagoda Marinić erklärt im Interview, was hinter dieser Forderung steckt.

Andrea Büring, Euronews:

"Wie kam es zur Initiative?"

Marinić, Schriftstellerin:

"Janne Teller und ich waren der Meinung, dass in Europa eine Personalrochade begonnen hat und immer mehr Männer ins Gespräch gebracht werden. Wir sehen die Gefahr, dass die wichtigsten Posten wieder von Männern besetzt werden.

Es gibt die Tendenz, bei gleicher Qualifikation nach wie vor die Männer zu bevorzugen und die Frauen zu übersehen. Dennoch haben wir auch dieses Jahr wieder großartige Kandidatinnen für hohe Positionen in der EU."

Euronews:

"Wen zum Beispiel?"

Marinić:

"Vor kurzem kam die Sprache auf Christine Lagarde. Wir haben Frau Vestager, wir haben auch die Spitzenkandidatin der Grünen, Ska Keller. Dies ist kein personalpolitischer Aufruf, es geht uns um eine stärkere Beteiligung von Frauen. Viele Politikerinnen stehen da und möchten für die Europäische Union Verantwortung übernehmen.

Der Aufruf heißt: 'Es ist Zeit'. Wenn wir uns die Geschichte der Europäischen Union ansehen, stellen wir fest, dass die Macht bei den Männern lag. Das heißt, es gab 30 männliche Präsidenten des Europäischen Parlaments und nur zwei Frauen. Die Europäische Kommission hatte noch nie eine Frau an der Spitze. Wir sind überzeugt, dass es in den letzten Jahrzehnten qualifizierte Frauen gab, die jedoch übergangen wurden.

Wir fordern den Spitzenposten der Kommission, weil er die größte Sichtbarkeit hat. Wenn es um die vier weiteren wichtigen Ämter geht (EZB-Chef, EU-Außenbeauftragter, Ratspräsidentschaft und EU-Parlamentspräsidentschaft, Anm. d. Red.) wären wir zufrieden mit drei Spitzenämtern – also mehr Frauen als Männer.

Es ist jetzt endlich Zeit, dass die andere Hälfte der Bevölkerung – die Frauen, genauso in Machtpositionen vertreten ist wie Männer."

Euronews:

"Wie kommt es zu dieser Schieflage?"

Marinić:

"Es ist üblich und bekannt, dass Männer untereinander starke Bündnisse haben und sich gegenseitig sehr fördern und dass Frauen manchmal die Netzwerke fehlen, weil sie nicht auf Jahrzehnte an der Macht zurückblicken können.

Darum ist es für uns wichtig, dass man Frauen in den Diskurs wieder einbringt, damit auch der weibliche Teil der europäischen Bevölkerung begreift, dass sie keine Minderheit sind, sondern die Hälfte der europäischen Bevölkerung repräsentieren und deshalb erwarten, im gleichen Maß repräsentiert zu werden.

Was wir auch anprangern, ist: Europa zeigt sich gern fortschrittlich und möchte ein vielfältiger, moderner Kontinent sein. Gleichzeitig liegen wir beim Frauenanteil in Parlamenten statistisch hinter Ländern wie Bolivien, Ruanda und Mexiko. Es ist höchste Zeit für die Europäische Union, im 21. Jahrhundert anzukommen."

Euronews:

"Wie muss man Ihrer Meinung vorgehen, um das zu ändern?"

Marinić:

"Uns ist es wichtig, vom Kopf aus den Wandel herbeizuführen. Unter Juncker sind schon viele Frauen in Führungspositionen gekommen. Es geht aber auch darum, größere Sichtbarkeit zu erreichen."

Euronews:

"Welche Qualitäten braucht die neue Person an der Spitze der Kommission?"

Marinić:

"Wir brauchen jemanden, der Trump die Stirn bietet. Wir brauchen eine Frau, die die Kraft hat, autoritäre Herrscher in die Grenzen zu weisen. Sie muss ihnen zeigen, dass wir in einer demokratischen Zeit leben und hier anders über Probleme gesprochen wird, als das manche Männer derzeit machen. Es wäre ein starkes Zeichen, wenn eine Frau diesen autoritären Herrschern von Europa aus die Stirn bietet – und diese Frauen gibt es.

Wir fordern eine Frau, die die Europäische Union wieder zusammenbringt. Eine Frau, die mit einer neuen Politiksprache an die Öffentlichkeit geht, die die EU präsenter macht und die nach der Finanzkrise für neuen Zusammenhalt sorgt, sodass sich wieder mehr Menschen mit der EU identifizieren können."

Euronews:

"Wer macht bei "It's time" mit?"

Marinić:

"Es sind 19 Schriftstellerinnen, die dem Aufruf beigetreten sind. Unser Traum wäre, in jedem europäischen Land eine Schriftstellerin zu finden. Im Moment haben wir sehr prominente Autorinnen, zum Beispiel Sofi Oksanen aus Finnland und Eva Menasse aus Österreich. Sie alle sagen, dass es sichtbare Frauen an der Spitze der Europäischen Union braucht. Und natürlich wünschen wir uns eine Präsidentin für die Europäische Kommission."

Euronews:

"Was verbindet die 19 Schriftstellerinnen?"

Marinić:

"Es müssen Frauen sein, die sich neben ihrem erzählerischen Werk immer wieder ins politische Zeitgeschehen einmischen."

Euronews:

"Was entgegnen Sie Kritikern, die von Quotenfrauen sprechen?"

Marinić:

"Da lachen wir. Zwar haben Kritiker in der Theorie recht, wenn sie sagen, qualifizierte Bewerber setzen sich durch.

In der Praxis sind wir alle davon überzeugt, dass es nicht sein kann, dass es in den letzten Jahrzehnten keine Frauen gab, die in der Lage gewesen wären, die Europäische Kommission zu leiten. Wir glauben, dass es eine Tradition von Männerbündnissen gibt, dass es bisher nicht genügend Frauen in Parlamenten gab, dass Männer seit langem die Macht haben und dass man dieses System aggressiv beenden muss."

Der Aufruf wurde von Jagoda Marinic (Deutschland) und Janne Teller (Dänemark) ins Leben gerufen. Weitere Unterzeichnerinnen sind:

Eva Menasse (Österreich)

Chika Unigwe (Belgien)

Kapka Kassabova (Bulgarien)

Slavenka Drakulic (Kroatien)

Kätlin Kaldmaa (Estland)

Celine Curiol (Frankreich)

Hesna Al Ghaoui (Ungarn)

Silvia Bencivelli (Italien)

Nora Ikstena (Lettland)

Marjolijn Hof (Niederlande)

Bronka Nowicka (Polen)

Manuela Gonzaga (Portugal)

Stanislava Chrobáková Repar (Slowakei)

Tanja Tuma (Slowenien)

Karolina Ramqvist (Schweden)

Joanna Kavenna (Großbritannien)

Sofi Oksanen (Finnland)