Mehr als Fußball - Warum uns Nagelsmanns bewegende Rede alle betrifft - und was wir mitnehmen sollten

DFB-Coach Julian Nagelsmann in Tränen: Emotionales EM-Aus und nationale Hoffnung<span class="copyright">Getty Images/Alexander Hassenstein</span>
DFB-Coach Julian Nagelsmann in Tränen: Emotionales EM-Aus und nationale HoffnungGetty Images/Alexander Hassenstein

Auch in einer der bewegendsten Stunden seiner bisherigen Trainerkarriere behält der junge Coach die Fassung – und hat noch eine Botschaft für das ganze Land in puncto Mut und Zusammenhalt. Rhetorik-Trainer Michael Ehlers geht tiefer rein in die bewegende Rede des Nationaltrainers.

Der DFB-Coach zwischen Enttäuschung und Tränen

Weniger als 24 Stunden nach dem bitteren EM-Aus gegen Spanien (1:2 n.V.) spricht der DFB-Coach auf der Pressekonferenz über das Ausscheiden und wie es weitergeht. Dabei stockt ihm immer wieder Stimme, ihm kommen die Tränen, ebenso wie bei Co-Trainer Sandro Wagner, der mit im Presseraum dabei ist.

Jedes Turnier produziert große Geschichten, Momente und Bilder. Aber manche sind größer als andere. Und manche bleiben im Kopf. Für immer. Es sind Momente, die in Sieg oder Niederlage zu Mythen werden. Für meine Generation ist der einsam über den Rasen schreitenden Franz Beckenbauer nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1990 zu einem ikonischen Bild geworden.

Für meinen Vater war es das Bild des deutschen Kapitäns Uwe Seeler, der nach dem verlorenen Finale von Wembley 1966 geknickt und erschöpft vom Platz geführt wurde. Für die Jüngeren ist es vielleicht die Geschichte des tragischen Helden Michael Ballack, der sein Team erst ins Finale schoss und dann seine eigene Teilnahme durch sein Foul opferte.

Und Sie müssen schon einen wirklichen Nerd finden, der die deutschen Torschützen beim überragenden 1:7 gegen Brasilien im Halbfinale 2014 aufzählen kann, aber zu „So gehen die Gauchos“ hat jeder eine Meinung. Es müssen nicht immer Bilder sein. Die Nacht von Malente ist ebenso zum deutschen Fußball-Mythos geworden wie das legendäre Fritz-Walter-Wetter.

Die Bedeutung von Fußball-Ereignissen

Julian Nagelsmann hat mit seiner emotionalen Pressekonferenz einen solchen Moment geschaffen. In seinen besten Momenten gelingt es dem Fußball, eine Stimmung aufzunehmen und wiederzugeben. Und so passte die aufrührerische Nacht von Malente genauso in die Zeit wie das Sommermärchen 2006, getragen von einem überbordenden Optimismus und einer nationalen Zuversicht, die heute undenkbar erscheint. Aber ist das so undenkbar?

Julian Nagelsmann erinnert uns im Moment der Niederlage daran, dass es eben nicht so ist. Dass es nicht undenkbar ist: „Es ist wichtig zu realisieren, in welch schönem Land wir leben, landschaftlich und kulturell. Was wir für Möglichkeiten haben, wenn wir alle zusammenhalten und nicht alles extrem schwarz malen, dem Nachbarn nichts gönnen und von Neid zerfressen sind. Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der Dinge alleine macht und dann automatisch schneller, besser weiterkommt, als wenn er sie mit jemandem zusammen macht.“ Das ist Führung! Das ist, was Kommunikatoren ausmacht. Dieses feine Gespür für die Stimmung im Publikum. Und sein Publikum ist die Nation.

Stimmung im Land ist nicht gut

Seien wir ehrlich, die Stimmung im Land ist nicht gut. Und das spricht er an. Aber er appelliert auch. Er macht Hoffnung und zeigt den Weg. „Wir waren lange Zeit ein Land der Vereine, wo Menschen zusammenkommen sind und verschiedene Sachen zusammen gemacht haben in Sportverein, Trachten- oder Musikvereinen. Heute ist es mehr wert, wenn man eine Stunde lang alleine an einem Bergsee steht und macht ein Instagram-Foto.“

Und wenn wir ehrlich zu uns sind, dann müssen wir zugeben, dass er recht hat. Also: Wenn das nächste Mal gefragt wird, wer beim Sommerfest hilft, wer den Fahrdienst für die Kinder übernehmen kann, wer sich beim Vereinsfest an den Grill stellt …

Dann lassen Sie uns doch einfach den Finger heben. Hier ich, ich mache mit! Das wäre ein Ergebnis, das viel, viel mehr wert wäre, als der nächste Titel für Fußballdeutschland.

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