Menschen 2018: Der Lanz‘sche lasche Jahresrückblick

Johannes Giesler
Freier Autor
Markus Lanz begrüßt die Menschen 2018 in seinem persönlichen Jahresrückblick. Nur eins wird es den ganzen Abend nicht: persönlich. Foto: ZDF / Sascha Baumann

Markus Lanz lädt die prägendsten Figuren des Jahres 2018 auf seine Couch ein. Die dürfen dann kurz und knapp von den Momenten ihres Ruhms berichten. Das reicht meist leider nicht aus, um wirklich anrührend zu sein, traurig oder überraschend. Aber so sind Rückblicke nun mal – ein Sprint über Höhen und Tiefen des Jahres.

Die Anmoderation des Jahresrückblicks durch Markus Lanz klingt so: Am Ende eines „bewegten“ Jahres komme er zu der Erkenntnis, dass Gewissheiten keine mehr seien. Aber auch, dass wir in Deutschland nun beginnen würden, die richtigen Fragen zu stellen. Und damit Stellung bezögen. Applaus.

Nur: Welche Gewissheiten? Welche Erkenntnis? Welche Fragen sind denn richtig? Welche falsch? Stellung? Wobei: Mit solchen Allgemeinplätzen muss man sich wohl durch eine drei-Stunden-Marathonsendung floskeln. Denn es bleiben naturgemäß für jedes Thema, jeden Gast, mitunter nur wenige Minuten, die zum Teil noch von den (auf jeden Fall hübsch-gemachten) Einspielfilmen verbraucht werden. Einzutauchen, konkrete Fragen zu stellen, um relevante Antworten zu bekommen – dafür reicht das Ganze aber schlicht nicht. Und so setzt Markus Lanz bereits mit seinem Eingangs-Statement den Ton des Abends: Wohlfühl-Klangschalen-Hintergrundmusik-dabei-nur-nicht-anecken-dann-ist-schon-für-jeden-was-dabei-also-viel-Spaß-heute-ihr-Markus-Lanz.

Es ist dann eben nicht Konzept der Sendung, konfrontativ oder informativ zu sein. Sondern Bekanntes zu wiederholen, in Erinnerungen zu schwelgen oder nochmals auf Schlimmes aufmerksam zu machen. Es ist nur ungewohnt, Politiker wie Robert Habeck (Parteichef der Grünen), Kevin Kühnert (Vorsitzender der Jusos) oder Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU-Parteivorsitzende) für einen Wimpernschlag auf dem Sofa zu sehen, die ja schon in stundenlangen Sendungen viel reden und nichts sagen. Und so durften die drei „Shootingstars“ der Politik des Jahres 2018 dann auch Folgendes zum Besten geben:

Die Politiker des Jahres – keine Überraschungen

„Die GroKo war ein großes Thema. Da musste drüber gesprochen werden.“

„Es sind Menschen, die den Unterschied machen können. Das ist eine gute Sache. Sonst könnten wir ja auch Wahlomaten aufstellen.“

„Es war viel Wirbel in letzter Zeit.“

Wer was gesagt hat – das dürfen Sie, werte Leser, gern zuordnen. Müssen Sie aber nicht. Macht ja eh keinen Unterschied. Kurz interessant wurde es dann aber noch bei „AKK“, als Lanz folgende Frage stellt:

„Wieso der Name?“ Eine der für Lanz typischen Fragen, die manchmal komplett danebenschießen. Dann aber auch mal eine gute Antwort zutage fördern. Wie hier:

„Als ich geheiratet habe, war mir klar, dass ich den Namen behalten möchte. Weil mein Vater ein Jahr zuvor gestorben war, an dem ich sehr hing. Da war nicht klar, dass der Name mal auf ein Wahlplakat passen muss.“.

AKK über ihren Mann, der gern mal die Telefondienste übernommen hat. Mittlerweile musste die Familie aber die Nummer, die bislang im Telefonbuch stand, ändern. Zu viele Beleidigungen. Foto: ZDF / Sascha Baumann

Die CDU-Parteivorsitzende erzählt dann auch noch von ihrem Mann, dem „ausgelagerten Bürgerbüro“, der gern mal Telefondienst im Haus Kramp-Karrenbauer erledigt. Denn AKK stand bis vor kurzem noch ganz normal im Telefonbuch, um für Bürger stets erreichbar zu sein. Nur seit ihrer Wahl zur CDU-Vorsitzenden lief die Leitung heiß, darunter viele „Zumutungen“ und „Beleidigungen“. Also musste sie es abstellen, um die Familie zu schützen. Schade, dass durch ein paar Idioten so ein direkter Kontakt zu einer einflussreichen Politikerin zunichte gemacht wurde.

Die Sportler des Abends – einmal nicht die Fußballer

Weiter im Abend. Den sportlichen Teil bestreitet erstmal Angelique Kerber, die dieses Jahr das prestigeträchtigste Tennis-Turnier der Welt, auf dem heiligen Rasen von Wimbledon, gewann. Sie sagt: „Schon am Finalmorgen bin ich aufgewacht und wusste: ‚Heute ist mein Tag.‘ Der Moment, als ich den Matchball verwandeln dufte, setzte so viele Emotionen frei. Wenn ich ihn heute sehe, bekomme ich immer noch Gänsehaut. Wimbledon zu gewinnen ist eine Reise.“

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Außerdem einige Helden der erfolgreichsten Winterolympiade aller Zeiten aus deutscher Sicht mit 31 Medaillen. Die Eishockey-Silber-Gewinner Jannic Seidenberg, Danny aus den Birken und Christian Ehrhoff. Letzterer sagt: „Mir erzählen heute noch die Leute, wo sie um fünf Uhr morgens das Finale gesehen haben. Das zeigt, was die Mannschaft mit den Menschen in Deutschland gemacht hat.“

Die Olympia-Helden an einem Tisch vereint. Dreimal Silber und zweimal Gold sitzen da in der Runde. Herzlichen Glückwunsch! Foto: ZDF / Sascha Baumann

Und das Eiskunstlaufpaar Aljona Savchenko und Bruno Massot, die das erste olympische Eiskunstlauf-Gold für Deutschland seit 66 Jahren holen. Dabei liegen sie vor der Kür nur auf Rang vier. Für Gold muss alles perfekt laufen: Und es sind viereinhalb Minuten für die Ewigkeit – fehlerfrei. Der Lauf ihres Lebens mit 235,9 Punkte. Weltrekord.

Die Traumata des Jahres

Aber auch Tragödien haben ihren Platz an diesem Abend: Die Rettungsaktion der Fußballmannschaft in Thailand, bei der ein Taucher verstarb. Eine Sturzflut hatte ein Höhlensystem unter Wasser gesetzt und die Jungs und ihren Trainer eingeschlossen. 18 Tage bangt die Welt um sie. Tausende Helfer reisen an, darunter Mikko Paasi, er war als Taucher an der Rettungsaktion beteiligt, er erinnert sich an die Begebenheiten: „Wir stießen uns überall den Kopf an. Es war sehr schwere Arbeit, zehn bis zwölf Stunden am Tag. Wir konnten sehen, dass das Wasser steigt. Die Kluft, durch die wir schwimmen mussten, wurde immer kleiner und am Ende quetschten wir uns dann gerade noch so durch.“

Mit Schrecken erinnern sich viele Menschen wohl auch an den Einsturz der Morandi-Brücke in Genua am 14. August. Um 11.36 Uhr geschieht dort Unvorstellbares. Die Autobahnbrücke über der Stadt zerbröckelt und fällt in sich zusammen. 43 Menschen sterben an diesem Tag. Der italienische Ex-Fußballprofi Davide Capello wird in die Tiefe gerissen, aber er überlebt es unbeschadet. „Ich sah, wie der Asphalt langsam vor mir zusammenbrach. Ich versuchte, mein Auto vor dem Abgrund zu stoppen, aber ich schaffte es nicht. Ich dachte, ich sei tot.“ Er stürzte fast 40 Meter hinab.

Natürlich sind auch Katastrophen und Unglücke Teil des Jahres, aber Zeugen und Betroffene einzuladen, die dann aus Augenzeugensicht berichten? Muss das wirklich sein? Vor allem, wenn diese eingangs sagen: „Immer, wenn ich die Bilder sehe, wird mit eng ums Herz.“ Dann ist es vielleicht nicht unbedingt Teil der Trauma-Bewältigung, nachzufragen, wie es Lanz macht: „Ist das alles noch da, wenn Sie die Bilder sehen?“ oder „Wie muss man sich das vorstellen, als Sie über die Kante fuhren?“ Davide Capello sagt dann: „Psychisch habe ich nach wie vor Probleme. Ich muss mich mit den Gedanken auseinandersetzen. Nachts ist es nicht einfach, einzuschlafen. Die Gedanken gehen immer wieder zurück. Ich arbeite aber auch wieder und mache Sport. Das hilft.“

Zum Abschluss des Tages sind noch Patrick Lange und seine Freundin zu Besuch. Der Ironman-Gewinner, bereits zum zweiten Mal, rennt dieses Jahr in der Weltrekordzeit 7:52:39 Stunden durchs Ziel. Um dann direkt nach Zieleinlauf zu Boden zu sacken und nach dem Mikrofon zu greifen. Er sagt, in Richtung seiner Freundin: „Will you marry me?“

„Yes“! Eine schöne Geschichte zum Schluss. Das nimmt Markus Lanz gern auf: „Wir freuen uns auf ein hoffentlich genauso perfektes Jahr 2019.“

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