Menstruationsurlaub: Auf Ibu 800 durch den Arbeitstag

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Viele Frauen leiden so sehr unter Regelschmerzen, dass sie ihren Alltag nicht bewältigen können – aber zögern, sich krank zu melden. Warum gibt es keinen Sonderurlaub?

Aua.  © plainpicture/​plainpicture
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Manchmal denkt Carina Kriebernig, ihr Körper habe sich gegen sie verschworen. Einmal im Monat sticht und zieht und krampft es in ihrem Unterbauch. Was sie fühle, sei vergleichbar mit Wehen, hat ihr die Frauenärztin mal gesagt. Mit dem Unterschied, dass ihre Schmerzen jeden Monat wiederkehren. Seit der Pubertät leidet Kriebernig, 33, unter starken Regelschmerzen und plant ihr Leben nach ihrem Zyklus. Vor jeder Schicht fragt sie sich: Habe ich da meine Tage? Meist nimmt sie dann schon am Abend vorher eine Schmerztablette – und geht arbeiten.

Laut der Techniker Krankenkasse sind bei 10 von 100 Frauen die Regelbeschwerden so heftig, dass sie ein bis drei Tage pro Monat ihren Alltag nicht bewältigen können. In Deutschland sind das rund vier Millionen Betroffene – etwa so viele Menschen, wie in Berlin leben. Trotzdem unterscheiden die meisten Arbeitgeber nicht zwischen Menschen, deren Uterus Monat für Monat rebelliert, und denen, die keinen haben.

Krankmelden wegen der Periode?

Leidet man unter Regelbeschwerden, ist in Deutschland die Krankmeldung meist die einzige Möglichkeit für eine Auszeit. Obwohl klar ist: Die Menstruation an sich ist keine Krankheit. Vermutlich wählen auch deshalb nur wenige Frauen den Weg über die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, die man beim Frauenarzt oder der Frauenärztin bekommt. Die AOK verzeichnete vergangenes Jahr gerade mal 27.300 Arbeitsunfähigkeitsfälle aufgrund von Regelbeschwerden unter ihren 6,1 Millionen weiblichen Mitgliedern.

"Starke Schmerzen jeder Art beeinträchtigen die Lebensqualität, die Arbeits-, Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit", sagt Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. Wenn Periodenkrämpfe Monat um Monat wiederkommen, rät der Frauenarzt zur Vorsicht: "Menstruationsschmerzen sollten nicht so stark sein, dass sie arbeitsunfähig machen. Das muss ärztlich abgeklärt werden." Denn oft leiden Frauen unter Periodenschmerzen, ohne den Grund dafür zu kennen – und nicht selten ist doch eine Erkrankung dafür verantwortlich.

Kriebernig bekam vor drei Jahren die Diagnose Endometriose. Dabei siedelt sich Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, an verschiedenen Stellen im Körper an. Die Folgen sind schmerzhafte Zysten, Entzündungen und: starke Beschwerden während der Menstruation. Endometriose ist chronisch und gilt als weit verbreitet. Der Berufsverband der Frauenärzte schätzt, dass etwa jede zehnte Frau betroffen ist. Trotzdem bleibt sie oft jahrelang unentdeckt, denn viele Betroffene halten ihre Symptome für normale Periodenschmerzen.

Mit Ibu 800 weiterarbeiten

"In unserer hektischen Gesellschaft wird total negiert, dass der weibliche Zyklus unterschiedliche Phasen hat", sagt Doris Braune, Teil des Vorstands des Bundesverbands der Frauengesundheitszentren. Oft fordere die Periode Ruhepausen. In der Arbeitswelt fände das ihrer Meinung nach allerdings kaum Beachtung. Stattdessen gebe es eine "große Tendenz, dass sich Frauen funktionsfähig halten".

Auch für Kriebernig, leitende Redakteurin beim Onlinemagazin Stadtkind Stuttgart, ist es keine Option, sich jeden Monat ein paar Tage krankzumelden. "Das ist ja blöd für die Kollegen", sagt sie. Lieber kämpft sie mit Tabletten gegen die Schmerzen an. Ibu 800. Die starken. Trotzdem fühlt sie sich an diesen Tagen matt, macht öfter Pausen und gibt immer wieder Aufgaben an andere ab.

Leichter haben es Betroffene in Ländern, die Menstruationsurlaub ermöglichen. Dort können sich Frauen bei Regelbeschwerden offiziell freinehmen oder zumindest aus dem Homeoffice arbeiten. In Japan etwa gibt es eine staatliche Regelung schon seit 1947. Nachdem die Bevölkerung im zweiten Weltkrieg geschrumpft war, sorgte die Regierung sich, dass Frauen nicht genug Nachwuchs kriegen könnten. Damals wurde angenommen, dass sich schwere Arbeit während der Periode auf die Fruchtbarkeit auswirken könnte. Deshalb ermöglichte man den Frauen zusätzlichen Urlaub.

In Europa gibt es kaum periodenfrei

Auch in Ländern wie Indonesien, Taiwan und Sambia garantiert das Gesetz periodenfreie Tage – hier, um Frauen mit starken Regelschmerzen zu entlasten. In Europa hat den Menstruationsurlaub noch keine einzige Regierung eingeführt. Ein entsprechender Gesetzesentwurf wurde 2017 in Italien diskutiert – ohne Ergebnis. Jedoch gibt es vereinzelt Betriebe, die periodenfrei geben. Das englische Unternehmen Coexist, das ein Gemeindezentrum in Bristol verwaltet, führte als eines der ersten in Europa Regeln zum Umgang mit der Menstruation ein. Mitarbeiterinnen können bei Regelbeschwerden Homeoffice machen, später kommen, früher gehen oder einen Tag freinehmen und die Stunden nacharbeiten. Auch bei Your Super, einem Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln mit Sitz in Berlin und Los Angeles, bekommen die Angestellten bei Menstruationsbeschwerden frei.

"Ich finde das großartig", sagt Carina Kriebernig über das Konzept. Seit sie 13 Jahre alt ist, plant sie ihr Leben nach ihrem Periodenkalender. Und hofft, nicht zu vergessen, schon einen Tag vor ihrer Regel eine Schmerztablette einzuwerfen. Dann halte sie die Krämpfe besser aus. Ihre Schmerzen habe sie ihren Vorgesetzten schon immer offen kommuniziert. Auch ihrer jetzigen Chefin hat sie davon erzählt. Im Gegensatz zu einem früheren Arbeitgeber habe sie dafür Verständnis.

Anders ist es bei Linda Winkler, 25, die nur anonym von ihren Erfahrungen erzählen will. Seit November arbeitet sie bei einem Vertrieb für E-Books. Mit ihrer Regelblutung kommen immer auch Bauchkrämpfe, Kopfweh und Kreislaufprobleme. Einmal sei es so schlimm gewesen, dass sie nicht mal mehr stehen oder sitzen konnte. "Das war Gott sei Dank an einem Wochenende zu Hause", erzählt sie.

"Schon wieder ein Frauenspezifikum"

Ihr Chef wisse nichts von ihren Schmerzen. Zwar komme sie gut mit ihm aus, man mache hier und da auch mal Witzchen. Aber mit einem Vorgesetzten, insbesondere wenn es ein Mann ist, will sie über so intime Dinge lieber nicht sprechen. Frauenrechtlerin Doris Braune kann das nachvollziehen. Auch deshalb hält sie es für sinnvoll, auch in Deutschland periodenfreie Tage anzubieten. Ein Sonderurlaub könne helfen, das Thema zu enttabuisieren. "Ein Blutfleck in der Hose wird sehr wohl noch sozial geächtet", sagt Braune, die sich als Heilpraktikerin seit Jahren mit Frauengesundheit beschäftigt. Unter deutschen Schulmedizinerinnen und -medizinern findet man bisher allerdings kaum jemanden, der das Konzept öffentlich befürwortet.

Und überhaupt ist man in Deutschland von der Einführung eines Menstruationsurlaubs noch weit entfernt. Zwar appellieren vereinzelt Politiker, wie die Grünen-Abgeordnete Kirsten Kappert-Gonther dafür, menstruationsfreundlichere Arbeitsbedingungen zu schaffen. "Wenn sie starke Schmerzen haben, muss es für die Betroffenen möglich sein, ohne Stigmatisierung zu Hause bleiben zu können – genau wie bei anderen Schmerzen oder Krankheiten", sagte sie vergangenen August gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Doch auf Arbeitgeber und sogar auf Arbeitnehmerseite gibt es Kritiker. Sie sehen in einem Menstruationsurlaub einen Fall von Diskriminierung, nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz. Mit Menstruationsurlaub sei den Frauen nicht sonderlich geholfen, sagt etwa Alexa Wolfstädter, bei der Arbeitnehmergewerkschaft Ver.di für Frauen- und Gleichstellungspolitik zuständig: "Sie müssten sich damit wieder mit einem Frauenspezifikum outen und in gewisser Weise rechtfertigen."

Eher könnte sich in Deutschland ein System durchsetzen, das keinen benachteiligen soll: unbegrenzte Urlaubstage. Ein Unternehmen, bei dem das Modell schon eingeführt wurde, ist Einhorn, Hersteller von veganen Kondomen und Periodenprodukten in Berlin. Hier kann man sich freinehmen, so oft man will. "Wir wollen nicht vorgeben, wann es okay ist, zu Hause zu bleiben oder nicht", sagt Einhorn-Sprecher Markus Wörner. Viele nutzten das Angebot auch, wenn sie Periodenschmerzen haben, sagt er. In der Hamburger Werbeagentur Elbdudler ist das ebenfalls möglich, auch hier gibt es keine Deckelung der Urlaubstage. Gleichzeitig werde aber auch keine Mitarbeiterin schief angeschaut, wenn sie sich aufgrund von Menstruationsbeschwerden arbeitsunfähig melde, sagt Personaler Julian Draxler.

"Ich finde, bei dem Thema kann es gar keine Gleichberechtigung geben, weil Männer einfach keine Menstruation haben."

Carina Kriebernig, leitende Redakteurin

Unbegrenzten Urlaub gibt es bei Einhorn und Elbdudler schon seit Jahren. Die Erfahrungen seien positiv. Im Schnitt nehmen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei beiden Unternehmen um die 30 Urlaubstage im Jahr, was nur etwas mehr als der Bundesdurchschnitt ist. "Der Zauber liegt darin, dass man keinen Druck mehr hat, sich jeden Tag genehmigen zu lassen", sagt Wörner. In konventionellen Betrieben mit gedeckeltem Urlaub fänden Draxler und Wörner das Einführen von Menstruationsurlaub sinnvoll – auch, weil dadurch mehr über die Periode geredet würde. "Es betrifft so viele Menschen", sagt Draxler, "da ist es schon erstaunlich, dass es in Betrieben noch so selten Thema ist."

Linda Winkler kann sich mit der Idee nicht anfreunden. "Das ist doch ein bisschen wie Raucherpausen", findet sie. "Die Raucher haben mehr Pausen und die Nichtraucher müssen durcharbeiten." Während ihrer Regel von zu Hause zu arbeiten, könne sie sich vorstellen. Aber deshalb Urlaub zu bekommen, das fände sie unfair.

"Ich finde, bei dem Thema kann es gar keine Gleichberechtigung geben, weil Männer einfach keine Menstruation haben", sagt Kriebernig. Sie habe Glück, mache ihre Arbeit vor allem am Computer. "Aber andere Frauen arbeiten körperlich und haben stressige Schichten", sagt sie. Für die wäre Periodenurlaub ein Gewinn. Sie ist sich sicher: Wenn Männer menstruieren würden, gäbe es den Menstruationsurlaub schon längst.