Merkel bei RTL: Beruhigungspillen für die Wähler - Scharfe Kritik Richtung Türkei

Von links: RTL-Chefmoderator Peter Kloeppel, Bundeskanzlerin Angela Merkel und RTL Co-Moderatorin Roberta Bieling Foto: MG RTL D / Andreas Friese

Es gab diese eine Szene am Sonntagabend auf RTL, in der deutlich wurde, warum Angela Merkel seit einer halben Ewigkeit Bundeskanzlerin ist: Weil hinter ihrer freundlichen Art, ihrer manchmal etwas putzigen Mimik, eine knallharte Machtpolitikerin steckt, die es gewohnt ist, den Ton anzugeben. Eine alleinerziehende Frau mit drei Kindern wollte wissen, warum sie steuerlich nicht mit einer klassischen Familie gleichgestellt sei. Merkel bat die Frau nach vorne an ihren Tisch. „Nein”, sagte die Frau und blieb sitzen. Merkel marschierte los, vertrieb die sichtlich pikierte Moderatorin, nahm ihr das Mikrofon aus der Hand und sagte: „Das kann ich auch selbst.” Dann befragte Merkel die Bürgerin. Die Botschaft war klar: Ich bin die Kanzlerin, ich bestimme, wo es lang geht.

Townhall-Meeting heißt das Format, mit dem RTL sein Publikum wenige Wochen vor der Bundestagswahl beglückt. Im Prinzip ist es eine Art Bürgerfragestunde, in der ausgewählte Wähler schildern dürfen, was ihnen auf der Seele brennt. Der Kandidat oder die Kandidatin dankt dem Bürger für sein Engagement und verspricht, sich um sein Problem zu kümmern. Vergangenen Sonntag war Merkels Rivale Martin Schulz von der SPD zu Gast. Schulz verteilte warme Worte und Wahlkampfversprechen und im Grunde genommen machte Merkel gestern dasselbe.

Wie bei Schulz hatte RTL einen um die innere Sicherheit besorgten Mann eingeladen, einen frustrierten Polizisten, eine arme Rentnerin und hart arbeitende Steuerzahler. Gemeinsam kämpften sich alle durch eine ritualisierte Sendung: Ein Einspielfilm stellte zunächst den Wähler und seine Beschwernisse vor, anschließend bat ihn Merkel an ihren Tisch, wo sich beide ein Frage-Antwort-Spiel lieferten. Am Schluss fragte der Moderator den Wähler: „Sind Sie zufrieden?” und schon folgte das nächste Thema. Einen Erkenntnisgewinn gab es aber schon: Bürger und Bundeskanzlerin sprechen selten die selbe Sprache. Während die Wähler konkret fragten, antwortete Merkel oft mit sehr abstrakten Formulierungen.

Glühweinstand-Betreiber Axel Kaiser und Angela Merkel Foto: MG RTL D / Andreas Friese

Beispiel Innere Sicherheit

Axel Kaiser, 61 Jahre alt, war dabei, als der Terrorist Anis Amri in Berlin zwölf Menschen tötete. „Frau Merkel, wie wollen Sie uns künftig vor Attentätern schützen?”, fragte er. Merkel sprach von „schwierigen Vorgängen” und „Maßnahmen, die ergriffen wurden.”

Beispiel Flüchtlinge

Ein junger Mann aus Nordafrika erklärte in perfektem Deutsch: „Jeder von uns ist kräftig und kann arbeiten, wir wollen Steuern zahlen, wie die Deutschen auch, aber der Staat verhindert, dass ich eine Ausbildung zum Krankenpfleger mache.” Die ehrenamtliche Flüchtlingshelferin im Studio monierte, dass es absurd sei, dass gut integrierte und arbeitswillige Migranten den Steuerzahlern auf der Tasche liegen. Merkel sagte: „Das Problem ist mir bewusst.” Dann referierte sie die aktuelle Gesetzeslage, sprach von „Duldungen”, „Abschiebungen” und „abgearbeiteten Altfällen”, um später zu versprechen: „Wir müssen uns das noch mal anschauen, um den Menschen eine Arbeitsmöglichkeit zu geben.”

Flüchtlingshelferin Petra Nordling und Angela Merkel Foto: MG RTL D / Andreas

Beispiel Altersarmut

Die Rentnerin Lioba Bichl hat 43 Jahre als Frisörin gearbeitet. Nun lebt sie von einer Minirente. „Altersarmut trifft vor allem Frauen, warum tun Sie nichts dagegen?”, fragte Frau Bichl. Merkel antwortete: „Das ist eine ärgerliche Situation.” Später sprach die Kanzlerin über „Anrechnung von Erziehungszeiten”, die „Anrechnung von Mütterrenten”, von „Grundsicherung” und „Freibeträgen”. Lioba Bichl stellte das nicht zufrieden. Sie sagte: „Deutschland ist so ein reiches Land, heißt es, aber uns kleine Leute hält man klein.” Merkel sagte: „Das wollen wir eigentlich nicht.”

Harsche Kritik an Erdogan

Ganz am Ende der Sendung fragt Moderator Peter Kloeppel nach den jüngsten Verwerfungen mit der Türkei. Zur Erinnerung: Zunächst hatte Staatspräsident Erdogan die hier lebenden Deutschtürken aufgefordert, im September nicht CDU, SPD oder Grüne zu wählen, denn diese Parteien seien „Feinde der Türkei.” Am Wochenende wurde auf Wunsch der türkischen Regierung der Kölner Schriftsteller Dogan Akhanli in Spanien verhaftet.

Ausgerechnet beim heiklen Türkei-Thema fand Merkel klare Worte: „Aus meiner Sicht geht das gar nicht”, sagte sie. Die Türkei habe die Polizeibehörde Interpol missbraucht, so Merkel. Sie erinnerte an den Journalisten Denis Yücel und den Menschenrechtler Peter Steudtner, die unter absurden Anschuldigungen in türkischen Gefängnissen sitzen. Erdogans Einmischung in den deutschen Wahlkampf sei „völlig unmöglich”, kritisierte die CDU-Politikerin. „Wir haben unsere Türkeipolitik geändert und müssen diesen Konflikt austragen.” Das sind neue Töne.

In zwei Wochen wird Merkel wieder in einem RTL-Studio stehen – dann zum TV-Duell mit ihrem Herausforderer Martin Schulz (Autor: Frank Brunner)

Im Video: “Terrorismus kann uns nie besiegen”:

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