Michael Nast: Das war sein "Horrorszenario" nach dem Mauerfall

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"Vom Sinn unseres Lebens" heißt das neue Buch von Michael Nast (Bild: STEFFEN JAENICKE)

Den Mauerfall hat Bestsellerautor Michael Nast (44) als 14-Jähriger noch verschlafen, wie er in "Vom Sinn unseres Lebens: Und andere Missverständnisse zwischen Ost und West" erzählt. Wie er den Umbruch anschließend erlebt hat und für was er sein Begrüßungsgeld ausgegeben hat, verrät der 44-Jährige im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news.

30 Jahre nach dem Mauerfall sprechen wir immer noch über die Unterschiede zwischen Ost und West. Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung nach der Wiedervereinigung?

Michael Nast: Die Wiedervereinigung ist gescheitert, da ist auch nichts mehr zu kitten. Da wurde 30 Jahre lang von der Politik auf mehreren Ebenen vollkommen falsch agiert, und jetzt sind alle ganz überrascht, wenn sie mit den Konsequenzen konfrontiert werden. Jetzt ist es eine Generationenfrage, es wird sich herauswachsen, für einen Teenager stellt sich die Frage nach Ost und West einfach nicht mehr.

Es wurden Fehler gemacht, zum Beispiel die Haltung, dass alles, was aus dem Westen kam, als gut, und alles aus dem Osten als schlecht bewertet wurde. Für eine wirkliche Vereinigung hätten die Vor- und Nachteile beider Systeme überprüft werden sollen, und aus den Vorzügen beider etwas besseres Neues geschaffen werden können. Dann hätten auch die Westdeutschen ein Vereinigungserlebnis gehabt, weil sie durch Änderungen aus dem Osten eine Verbesserung und Bereicherung ihres konkreten Lebens erlebt hätten. Für die Westdeutschen änderte sich durch die Einheit nichts, für die Ostdeutschen änderte sich alles.

Sie haben den Mauerfall als 14-Jähriger noch verschlafen. Wie haben Sie den Umbruch in Ihrem Alltag anschließend erlebt?

Nast: Es war alles sehr aufregend für mich, eine Aufbruchstimmung, aber auch, weil ich natürlich noch vier Jahre Zeit hatte, um das neue System zu lernen. Ich wusste, dass ich plötzlich alle Möglichkeiten hatte, etwas aus meinem Leben zu machen. Aber krass war schon zu sehen, wie rigoros die Einheit in die Biografien vieler Älterer schnitt. Wie groß die Arbeitslosigkeit war, wie viele sich nicht mehr nützlich fühlten.

Meine erste Wohnung hatten mir meine Eltern 1995 im Berliner Industriebezirk Schöneweide besorgt, in dem erst einmal alle Betriebe abgewickelt wurden, die Betrunkenen lagen auf den Straßen, es gab viele Nazis, nach einem Jahr habe ich das nicht mehr ausgehalten und bin weggezogen. Wir wohnten in einem Einfamilienhausgebiet am Rand von Berlin. Das Horrorszenario waren die Limousinen, die vor einigen Häusern parkten, aus denen die Erben der Alteigentümer stiegen und das Haus fotografierten, ohne zu klingeln. Das waren keine Freunde, die da kamen. Gerade wegen solcher Erfahrungen wird das Wort "Wessi" im Osten noch sehr verächtlich ausgesprochen.

Was war Ihr größter Glücksmoment nach dem Mauerfall und was die größte Enttäuschung?

Nast: Im November 1989 das erste Mal über die Oberbaumbrücke nach West-Berlin zu gehen, war natürlich unvergesslich. Allerdings hat mich West-Berlin schnell enttäuscht, ich dachte ja, das Leben dort ähnelte den Vorabendserien und Werbespots, die man im Westfernsehen sah. Ein anderer Glücksmoment war tatsächlich ein Konsummoment. Von den 100 Mark Begrüßungsgeld kaufte ich mir ausschließlich Platten der Band Die Ärzte. Die größte Enttäuschung war das Ergebnis der ersten Wahlen in der DDR. Ich dachte damals wirklich ganz naiv, es ginge um eine bessere Version des Sozialismus. Damals haben die Bürgerrechtler erkannt, dass sie nicht die breite Masse vertraten. Den meisten ging es weniger um Bürgerrechte, eher um das Recht auf Konsum.

Was ist für Sie das größte Missverständnis zwischen Ost und West?

Nast: Die Verwendung des Begriffes "Zusammenwachsen". In Wirklichkeit ging es darum, dass sich die Ostdeutschen an das System des Westens anpassten. Sie sollten den Reset-Knopf drücken, ihre Identität löschen und ersetzen. Sie wurden danach bewertet, wie wenig sie als Ostdeutsche zu erkennen waren. Aber "Zusammenwachsen" klingt einfach besser als die Aufforderung zur Selbstentfremdung.

Dazu kam, dass die Westdeutschen 40 Jahre Vorsprung hatten, um Geld anzuhäufen. Geld, das sie nun zum Einsatz brachten, während die Ostdeutschen finanziell bei null anfangen mussten und gerade erst begannen, sich in einem neuen System mit neuen noch zu lernenden Regeln zurechtzufinden. Sie hatten keine Chance. Daran liegt es wohl, dass ostdeutsche Erfolgsgeschichten immer noch als kurios empfunden werden.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass in Ostdeutschland besonders viele Menschen AfD wählen?

Nast: Ein kleiner Teil aus Überzeugung, der große Teil wählt sie aber aus Protest, weil sie wissen, dass es die etablierten Parteien am meisten schmerzt. AfD zu wählen, ist für sie ein Hilfeschrei, eine Aufforderung, den aktuellen Politikstil zu ändern, der so wahrgenommen wird, dass in ihm die Wirtschaft im Vordergrund steht und nicht der Mensch. Es ist aber generell auch eine moralische Frage, die gestellt werden muss. Es ist einfach unmoralisch, eine Partei wie die AfD zu wählen.

Bedingt durch das System hätten sich in der DDR Werte der Menschlichkeit kultiviert, schreiben Sie in Ihrem Buch. Wie sehr fehlen Ihnen diese in der heutigen Gesellschaft?

Nast: Ganz massiv. Unsere gegenwärtige Gesellschaft produziert so viele psychische Erkrankungen wie keine zuvor, und das liegt nicht nur daran, dass es inzwischen salonfähig geworden ist, zum Psychologen zu gehen. Es ist eine Reaktion auf das System, in dem wir leben, denn noch nie waren die Menschen so angepasst an unsere Konsumgesellschaft wie heute. Einer Gesellschaft, in der Egoismus und Konkurrenzkampf zu einem Wert erhoben worden sind, weil sie das Fundament unseres Wirtschaftswachstums sind.

Wir denken in den falschen Kategorien, in Gewinnern und Verlierern. Wir sind darauf konditioniert, ausschließlich anhand unserer Erfolge bewertet zu werden und andere danach zu bewerten. Alles Fehler, die unser Wertesystem durchdringen, weil das System auf genau diese Fehler angewiesen ist, um zu funktionieren. Das klingt jetzt nicht unbedingt danach, dass sich die Ostdeutschen an die Mentalität einer Gesellschaft anpassen sollten, die man als gesund bezeichnen könnte.