Kritik am Zoll nach Millionen-Diebstahl

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Bei einem spektakulären Einbruchscoup in Emmerich am Niederrhein haben vier Männer rund 6,5 Millionen Euro erbeutet. Die Täter entkamen, bisher gibt es keine heiße Spur.
Bei einem spektakulären Einbruchscoup in Emmerich am Niederrhein haben vier Männer rund 6,5 Millionen Euro erbeutet. Die Täter entkamen, bisher gibt es keine heiße Spur.

6,5 Millionen Euro sind nach dem Einbruch beim Zoll in NRW spurlos verschwunden. Waren die Sicherheitsvorkehrungen zu lasch und die Alarmanlage defekt?

Emmerich (dpa) - Nach dem Millionen-Coup in einem Zollamt in Emmerich am Niederrhein haben Fachleute die Sicherheitsvorkehrungen kritisiert.

Zollbeamte seien unbewaffnet und nur zu gewöhnlichen Dienstzeiten am Arbeitsplatz - nicht nachts oder am Wochenende, obwohl dort beschlagnahmte Millionenbeträge verwahrt würden. Das passe nicht mehr zu den Anforderungen im Kampf gegen die organisierte Kriminalität, sagte der Polizeigewerkschafter Frank Buckenhofer am Donnerstag.

In das Zollamt waren am Sonntag vor einer Woche (1. November) drei Männer mit schwerem Gerät eingebrochen und hatten rund 6,5 Millionen Euro gestohlen. Die «Bild»-Zeitung berichtete unter Berufung auf Informationen aus dem Umfeld des Hauptzollamtes, dass die Alarmanlage des Hauses seit Jahren defekt gewesen sei.

Dazu wollten sich weder das zuständige Hauptzollamt Duisburg noch der ermittelnde Oberstaatsanwalt Günter Neifer äußern. Noch laufe die Tatortarbeit mit Unterstützung des Landeskriminalamtes. Die Ermittler wollten sich zunächst ein umfassendes Bild des Sicherheitskonzeptes machen, sagte Neifer. Eine Sprecherin des Hauptzollamtes lehnte jegliche Stellungnahme ab.

Als Reaktion auf den Fahndungsaufruf vom Mittwoch mit der ungewöhnlich hohen Belohnungssumme von 100.000 Euro habe es zahlreiche Hinweise aus dem ganzen Bundesgebiet gegeben, sagte der Oberstaatsanwalt. Teilweise gebe es dadurch neue Ermittlungsansätze. Ob sich daraus eine heiße Spur ergeben werde, bleibe aber abzuwarten. Es seien auch viel unbrauchbare Hinweise darunter.

Die drei Täter hatten laut Polizei zunächst eine Tür zum Keller des Zollamtes aufgebrochen und dann im Keller von einem Nebenraum aus mit einem schweren Kernbohrer die Wand des Tresorraums durchbrochen. Zeugen - möglicherweise Nachbarn - hatten ab 6 Uhr morgens Bohrgeräusche gehört, aber nicht die Polizei gerufen. Am späteren Morgen machte ein Zeuge allerdings Fotos von einem vierten Tatbeteiligten, der offenbar vor dem Zollamt Schmiere stand.

«Würde der Zoll über eine schlagkräftige Finanzpolizei verfügen, die auch rund um die Uhr ihre Wachen besetzt hätte, dann läge das Geld dort sicher in den Tresoren», sagte Buckenhofer, der in der Gewerkschaft der Polizei (GdP) die Arbeitsgruppe Zoll leitet. «Die Einbrecher hätten sich dann auch nicht stundenlang ungestört in den Räumen aufhalten und bohren können, ohne sofort von bewaffneten Finanzpolizisten festgenommen zu werden.» Im übrigen müssten Saferäume - unabhängig vom Gesamtgebäude - mit einer eigenen Alarmanlage ausgestattet werden, forderte der Gewerkschafter.

Offen blieb zunächst auch die Frage, ob Insider den Tätern einen entscheidenden Tipp auf die sehr hohe Beute gegeben haben. Es sprächen einige Indizien für Insider-Wissen, die Täter seien «anscheinend zielgerichtet» vorgegangen, sagte der Oberstaatsanwalt.

Von den 6,5 Millionen Euro Beute seien 3,7 Millionen für die Staatsanwaltschaft verwahrt worden, sagte Neifer weiter. Die Gelder rührten aus sogenannten Bargeldsicherstellungen, die in diesem Jahr bei Überprüfungen des grenzüberschreitenden Fahrzeugverkehrs durch den Zoll erfolgt seien. Emmerich liegt in Nordrhein-Westfalen in unmittelbarer Grenznähe, die Staatsanwaltschaft Kleve ist für Delikte im Grenzgebiet zuständig. Das könnten Drogengelder, Schwarzgeld oder aus anderen Gründen verdächtige hohe Bargeldsummen sein.

Bei solchen Sicherstellungen werde das Geld bis zu einer Gerichtsentscheidung verwahrt, weil es als Beweismittel wichtig sei. So hafteten eventuell Drogenreste an dem Geld, oder Fingerspuren könnten zu finden sein. Deshalb müsse das Bargeld verwahrt werden und könne nicht sofort an sichere Orte etwa bei der Landeszentralbank gebracht werden.