"Hart aber fair": Frank Plasberg kommt Gast näher als geplant

Jens Szameit

Nur am Rande um Corona und im Wesentlichen um ganz große Schweinereien der Fleischindustrie ging es am Montag bei "Hart aber fair". Ein Fleischfabrikant stellte sich mutig dem "Tribunal" und ging böse baden.

1.208 Mitarbeiter von Schlachtbetrieben haben sich Stand heute mit dem Coronavirus infiziert. Die Arbeits- und Wohnbedingungen der über sittenwidrig anmutende Werkverträge Beschäftigten meist aus dem osteuropäischen Ausland ist ein politischer Skandal, den Arbeitsminister Hubertus Heil entschlossen ist, aus der Welt zu schaffen. Es gehört ein gewisser Mumm dazu, sich unter diesen Voraussetzungen als Vorsitzender des Verbands der Fleischwirtschaft auf eine Talkshowdiskussion einzulassen, die unter dem Titel steht: "Corona im Schlachthof - sind uns Mensch und Tiere Wurst?" - Doch der Mut muss Heiner Manten, der Frank Plasbergs Einladung zu "Hart aber fair" am Montagabend gefolgt war, auf dem Weg ins Studio verlassen haben. Der Abend dürfte sich für ihn angefühlt haben wie ein Verkehrsunfall.

Es ging schon höchst unglücklich los für den Geschäftsführer von Manten-Fleisch ("Wir sind ein Familienunternehmen"), daran hatte der an diesem Abend besonders scharf aufgelegte Gastgeber seinen Anteil. Er freue sich, endlich mal den Arbeitsminister Heil persönlich anzutreffen, bekannte Heiner Manten, er wolle da ins Gespräch kommen über dessen Gesetzesvorhaben. Nachdem Frank Plasberg dem verdutzen Mann mit einem Vortrag überfallen hatte, es handle sich um eine Talkshow mit vielen Diskutanten und nicht um eine Sprechstunde beim SPD-Minister, war dann erst mal nicht mehr viel los vonseiten des Fleischunternehmers. "Ich habe ein bisschen den Faden verloren", gestand er leidvoll stammelnd. Zu den Schilderungen skandalöser Beschäftigungsverhältnisse in seiner Branche fiel ihm gerade noch ein: "Kenn ich nicht, hab' ich so nicht gesehen."

Hubertus Heil: "Das ist organisierte Verantwortungslosigkeit"

Hingeschaut hatten allerdings "Welt"-Investigativchefin Anette Dowideit ("Da kommt ziemlich viel zusammen") und der Berliner "Deutschlandfunk"-Reporter Manfred Goetzke, den Plasberg auf ein Zwiegespräch abseits der Tischrunde traf. Goetzke hatte sich, der Landessprache mächtig, mit rumänischen Arbeitskräften in deutschen Schlachtbetrieben unterhalten. Die würden widerrechtlich in Doppelschichten am Band arbeiten und hätten dann vonseiten der Subunternehmer doch diverse Abzüge zu erdulden für teilweise schäbigste Unterbringung, Verpflegung, Arbeitskleidung und dergleichen mehr. Der Reporter wusste von Arbeitern zu berichten, die sagen, sie hätten "im ersten Monat keinen Euro übrig gehabt." So viel zum Thema Mindestlohn.

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"Das ist organisierte Verantwortungslosigkeit", schimpfte Arbeitsminister Heil. "Dass wir das nicht kontrollieren konnten, liegt an der Werkarbeitskonstruktion. Das werden wir nicht mehr zulassen." Dass durch die Corona-Fälle die Zustände in den Herkunftsländern der arglos eingereisten Arbeitskräfte publik wurden, habe dem Ansehen Deutschlands im Ausland geschadet, hat der Minister zu spüren bekommen.

Als Heiner Manten Stellung zu den Schilderungen beziehen sollte, holte der Fleischfabrikant erst mal zu einer Reihe formeller Gegenfragen nach Brutto und Netto aus. Zu viel für Frank Plasberg. Was immer dem Talk-Moderator durch den Kopf schoss - die Corona-Abstandsregeln waren es nicht. Auf geschätzte Nackensteaklänge näherte sich der "Hart aber fair"-Routinier seinem nun völlig angststarren Sendungsgast zu einer aufrüttelnden Gardinenpredigt. "Sie kommen vom Niederrhein wie meine Frau", suchte und fand Plasberg Gemeinsamkeit, darum solle "das hier kein Tribunal sein. Ich weiß, dass sie ein feiner Kerl sind." Doch Herr Manten möge nun einmal bitte vergessen, was er in PR-Coachings für Talkshows gelernt habe und geradeaus als "ehrlicher deutscher Unternehmer" antworten. Reichlich spät fiel Plasberg auf: "Ich bin Ihnen zu nah!" Herr Manten nahm es scheinbar gelassen: "Ich bin erst kürzlich getestet worden."

Robert Habeck: "Tiere werden zu Rohstoffen degradiert und dann verramscht"

Eine fast bizarre Episode in der Geschichte des montäglichen ARD-Talks. Da geriet lange jener Mann in den Hintergrund, für den die Sendungsausgabe eigentlich die perfekte Bühne geboten hatte. Stolperfalle allerdings inklusive. Denn als "Verbotspartei" will Robert Habeck seine Grünen ja nicht mehr wahrgenommen wissen. Trotzdem sollte der Parteichef nun noch einmal erläutern, wie er das mit dem vom "Bild"-Boulevard unverzüglich attackierten Mindestpreis für Fleisch gemeint hatte. Es fiel ihm nicht sonderlich schwer. Deutschland sei ein "Dumpingschlachtland" geworden, schimpfte Habeck. Die Politik solle zumindest Sorge tragen, dass Fleisch nicht unterhalb der Herstellungskosten verkauft werde - "das ist die unterste Schamgrenze".

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"Das funktioniert in der Marktwirtschaft nicht", warf wie aufs Stichwort Habecks ausgemachter Gegenspieler an dem Abend ein, der Landwirt und CSU-Bundestagsabgeordnete Max Straubinger. Man würde sofort unter den Druck der Lebensmitteldiscounter geraten. "Dass ein Landwirt für die Landwirte Dumpingpreise fordert, das ist doch Irrsinn", rang Habeck nun um Fassung. Der CSU-Mann parierte mit Fatalismus: "Ich verteidige das System nicht. Es ist die Realität, und die werden sie nicht ändern."

Habeck probierte es nun moralisch: "Tiere werden zu Rohstoffen degradiert und dann verramscht. Mit einer Wegwerfmentalität!" Täglich würden 11.000 Schweine in dem Müll geschmissen, rechnete Habeck vor, "intelligente Lebewesen", wie er betonte. "Und dann verteidigen wir Dumpingpreise?" Anschließend wurde es fast philosophisch: "Wir können als politische Wesen besser sein als an der Fleischtheke", entkräftete der Grünenchef wortmächtig das Argument des Verbrauchwillens, der es eben gern billig mag. "Wir müssen nicht bessere Menschen sein, sondern bessere Gesetze machen."

Platzangst im Kastenstand: "Da waren zwei richtig Dicke neben mir!"

Und was ist mit Tierwohl und artgerechter Haltung? Er könne nicht akzeptieren, wenn suggeriert werde, die Landwirte würden die Bestimmungen nicht einhalten, motzte CSU-Mann Straubinger. "Eine ausgelutschte Debatte", fiel daraufhin Frank Plasberg neuerlich aus der Rolle des Unparteiischen. "Der Satz muss ihnen eigentlich im Halse steckenbleiben", polterte der Moderator und ließ den vorbereiteten Videobeitrag abspielen von Säuen der "Haltungsform 1" im sogenannten "Kastenstand". Eine Schweinerei so ein Dasein, fürwahr.

Auf den Kastenstand kam der Moderator zu seiner obligatorischen "Schlussrunde" noch einmal zurück. Er wollte wissen, mit welchem anderen Diskussionsteilnehmer seine Gäste am ehesten in so einer beengten Stallkoexistenz leben könnten. Eine reichlich beknackte Frage, doch sie wurde durch die letzte Antwort an diesem Abend noch spielend unterboten. Selbstverständlich von Fleischfabrikant Manten: "Ich habe mal im Flugzeug gesessen, da waren zwei richtig Dicke neben mir, das war eng. Deshalb würde ich Frau Dowideit nehmen."

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