Minijobber meist weiblich und aus westdeutscher Provinz

Deutlich mehr Frauen im Westen geringfügig beschäftigt

Typische Minijobber sind weiblich und leben in Westdeutschland auf dem Land. Dies ergab eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. In manchen Gebieten werden demnach vier von zehn Arbeitsplätze an Minijobberinnen vergeben - oft zu niedrigen Stundenlöhnen, mit denen eine Vorsorge für die Zukunft nicht möglich ist.

Mehr als jede vierte berufstätige Frau in den westdeutschen Bundesländern arbeitet der Studie zufolge in einem geringfügigen Beschäftigungsverhältnis. Minijobs seien ein "typisch westdeutsches Phänomen", kommentiert der Arbeitsmarktexperte Alexander Herzog-Stein die Auswertung der Datenbank Atypische Beschäftigung für das Jahr 2011. Die westdeutschen Länder hätten durchweg einen höheren Anteil von Minijobbern als die ostdeutschen Länder.

Besonders viele Landkreise mit hohem Minijob-Anteil gibt es laut WSI in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Unter den 20 Stadt- und Landkreisen mit den niedrigsten Minijob-Quoten sind hingegen zwölf ostdeutsche, darunter die kreisfreien Städte Dessau-Roßlau (10,5 Prozent) und Eisenach (11,3 Prozent).

In den Landkreisen mit dem höchsten Anteil an Minijobbern sind laut WSI rund ein Drittel aller Stellen Minijobs. Im deutschlandweiten Vergleich nimmt allerdings die kreisfreie Stadt Delmenhorst den Spitzenplatz ein: Dort sind mehr als 34 Prozent aller Arbeitsplätze Minijobs. Dahinter folgt der Landkreis Trier-Saarburg (33 Prozent), dicht gefolgt vom niedersächsischen Landkreis Grafschaft Bentheim und dem Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen (beide knapp 31 Prozent).

Für das Stadt-Land-Gefälle sieht Herzog-Stein mehrere Gründe. Zum einen sei gerade in ländlichen Gebieten die traditionelle Arbeitsteilung unter Paaren weit verbreitet. Der Mann sei der Hauptverdiener der Familie, die Ehefrau kümmere sich um die Familie und steuere allenfalls einen Zuverdienst bei. Außerdem seien Familie und Beruf auf dem Land meist schwieriger zu vereinbaren als in den Städten, was vor allem an den meist unzureichenden Angeboten für Kinderbetreuung liege. Eine Rolle bei der Höhe der Minijobquote spiele auch die Bedeutung des Dienstleistungssektors in einer Region.

Der deutliche Unterschied zwischen Ost und West ist dem Arbeitsmarktexperten zufolge vor allem historisch begründet. In der DDR sei die Frauenerwerbsbeteiligung wesentlich höher gewesen als in der Bundesrepublik. Zudem hätten die meisten Frauen in der DDR Vollzeit gearbeitet. "Diese starke Erwerbsorientierung" hätten Frauen in den neuen Ländern auch nach der Vereinigung beibehalten.

Die geringfügige Beschäftigung sei hingegen eine "westdeutsche Erfindung der 1970er Jahre". Ab der zweiten Hälfte der 90er Jahre hätten Frauen wegen fehlender Kinderbetreuungsmöglichkeiten, der weiterhin klassischen Rollenverteilung und der steuerlichen Begünstigung der geringfügigen Beschäftigung Minijobs angenommen - aus Mangel an anderen Teilzeitangeboten.

Kritik an Minijobs und der Familienpolitik von Schwarz-Gelb übte die Vorsitzende der Gleichstellungskommission der Bundesregierung, Ute Klammer. "Niedriglöhne und Minijobs setzen voraus, dass es im Haushalt einen Familienernährer gibt und eine Zuverdienerin", sagte Klammer dem "Tagesspiegel". Empfehlungen zur Gleichstellung von Mann und Frau seien der Regierung bereits Anfang 2011 übergeben worden, diese habe "die dicken Brocken" aber "noch nicht angefasst".





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