Schwere Missbrauchsvorwürfe gegen Jimmy Savile

Großbritannien wird derzeit von einem Skandal erschüttert, der einen bislang von der Nation heiß verehrten Fernsehstar tief zu Fall bringen lässt: Jimmy Savile, einst Moderator der Kultshow „Top of the Pops“, soll sich an mehr als 20 jungen Mädchen vergangen haben. In einer kürzlich ausgestrahlten TV-Dokumentation erheben die mutmaßlichen Opfer schwere Vorwürfe gegen den Kult-Moderator der BBC, der vor einem Jahr verstarb.

Die Vorwürfe wiegen schwer. Jimmy Savile, Moderator der in Großbritannien legendären BBC-Show „Top of the Pops“ und 1990 von der Queen zum Ritter geschlagen, soll laut Polizeiangaben mehr als 20 Mädchen über einen Zeitraum von 40 Jahren sexuell missbraucht haben. Durch eine TV-Dokumentation, die kürzlich ausgestrahlt wurde, kam nun ans Licht der Öffentlichkeit, worüber bislang offenbar nur gemunkelt wurde. Etwa ein Jahr, nachdem Savile im Alter von 84 Jahren verstarb, beschreiben darin einige der mutmaßlichen Opfer Seiten des legendären TV-Stars, die der Öffentlichkeit größtenteils verborgen geblieben waren.

So erzählt eine Frau namens Fiona in der Dokumentation, sie sei 14 Jahre alt gewesen, als sie gemeinsam mit anderen Mädchen von Savile zu einer Rolls-Royce-Fahrt eingeladen wurde. Im Anschluss habe sich Savile im Wagen an ihr vergangen. „Damals hat mir niemand geglaubt“, erklärt sie. Eine andere Frau, die anonym bleiben möchte, sagt in der Dokumentation, dass sie Savile 1969 im Gebäude der BBC traf, als sie 15 war. Etwa ein Dutzend Mal habe Savile sie sexuell missbraucht. Ein anderes mutmaßliches Opfer gibt an, dass sie 1974 als 14-Jährige von ihm in seinem Caravan missbraucht wurde, der auf ihrem Schulgelände parkte. In anderen Fällen sollen die Übergriffe auf dem Gelände der BBC geschehen sein.

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„Es war schwierig, darüber zu sprechen"
Die meisten mutmaßlichen Opfer waren nach Angaben der Polizei zur Tatzeit zwischen 13 und 16 Jahre alt, die Polizei geht davon aus, dass es 20 bis 25 Opfer gibt. Die Taten reichen bis ins Jahr 1959 zurück – doch erst jetzt wagen sich die mutmaßlichen Opfer an die Öffentlichkeit. „Ich glaube, als er noch am Leben war, war ich einfach zu ängstlich um etwas zu sagen…er hatte immer diese Aura von Macht, zudem viele Kontakte und man wollte sich einfach nicht mit ihm anlegen. Deshalb habe ich vorher nie öffentlich darüber geredet“, beschreibt ein mutmaßliches Opfer ihre Situation. Auch Sue Thompson, ehemalige Assistentin der Show-Ikone, bestätigt: „Es war schwierig, darüber zu sprechen, weil es eben Jimmy Savile war.“ Sie sei geschockt gewesen, als sie Savile eines Tages in seinem Umkleideraum zusammen mit einem jungen Mädchen entdeckte. Gesagt habe sie jedoch nichts: „Ich hätte früher etwas gesagt, wenn ich den Mut gehabt hätte oder die Überzeugung, dass es etwas geholfen hätte“, meint sie heute. Nach der Ausstrahlung der Doku meldeten sich weitere angeblich Betroffene bei der Polizei.

Mehr als sechzig Jahre lang war Savile Großbritanniens etablierteste Showbiz-Figur und zudem für sein ehrenamtliches Engagement und seine Wohltaten bekannt. In seiner eigenen Show „Jim´ll Fix it“ erfüllte der Publikumsliebling, dessen Markenzeichen sein strohblond gefärbtes Haar und die dicke Zigarre zwischen den Zähnen waren, die Träume von Kindern.

Nun ist das Bild des ehemals schillernden Stars unwiederbringlich beschmutzt. Premier David Cameron zieht in Erwägung, der wohl bekanntesten Persönlichkeit des britischen Fernsehens die Ritterwürde posthum abzuerkennen. Und die Savile-Stiftung überlegt, ihren Namen zu ändern.

"Nach den Aussagen der Frauen ist es bei dem derzeitigen Ermittlungsstand ziemlich klar, dass Savile ein rücksichtsloser Sexualtäter war", zitiert die BBC Chefermittler Peter Spindle. Die Londoner Metropolitan Police habe strafrechtliche Untersuchungen wegen acht Vorwürfen eingeleitet, darunter zwei Vorwürfe der Vergewaltigung und sechs, in denen Savile "unzüchtige Handlungen" vorgeworfen werden.

Schon zu Lebzeiten musste sich der BBC-Mitarbeiter gegen Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger wehren. Laut BBC, die sich bei den mutmaßlichen Opfern bereits entschuldigte, sei das Verhalten Saviles ein „offenes Geheimnis“ in dem Unternehmen gewesen. Jetzt kooperiert der Sender nach eigenen Angaben mit der Polizei und plant auch interne Untersuchungen. Dennoch bleibt der Sender nicht von Kritik verschont: Britische Medien rügen ihn und werfen ihm vor, Savile´s Taten gedeckt zu haben, um dem Ruf der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt nicht zu schaden.

"Ich hasse Kinder"
Im Nachhinein betrachtet, wirken einige Aussagen Saviles wahrlich verdächtig oder zumindest seltsam. Wie der britische „Telegraph“ in seinem Nachruf berichtet, soll Savile Kindern, die ihn um ein Autogramm baten, vor der verschlossenen Türe stehen lassen haben und ihnen lediglich durch seinen Briefschlitz signierte Karten überreicht haben. In Interviews behauptete er zudem häufig "Ich hasse Kinder". Als ihn ein Journalist fragte, warum er das sage, obwohl er doch viel Zeit mit Kindern verbringe, habe Savile geantwortet „Weil wir in einer verrückten Welt leben. Und es einfacher für mich als alleinstehendem Mann ist, zu sagen ,Ich mag keine Kinder‘, weil dass die anzügliche Boulevardpresse von der Spur abbringt“, wie die „Daily Mail“ berichtet.

Angehörige ließen Grabstein entfernen
Die Angehörige Saviles ließen unterdessen laut einem AP-Bericht seinen Grabstein, auf dem Saviles Lebensleistungen in goldenen Buchstaben eingraviert waren, in der Nacht zu Mittwoch vom Friedhof in Scarborough entfernen und vernichten – obwohl er dort erst vor Kurzem aufgestellt worden war. Seine Familie wolle dadurch „die Würde und Heiligkeit des Friedhofs sichern“, wie der Bestattungsunternehmer Robert Morphit gegenüber der Nachrichtenagentur sagte. Angesichts der jüngsten Beschuldigungen war das wahrscheinlich eine gute Idee.