Thomas Anders sang am Samstag noch einmal 'You’re my heart, You’re my Soul’
Den meisten Menschen unter 30 dürfte diese Band wenig sagen: Modern Talking. Das macht nichts. Musikalisch war die Combo extrem limitiert. Um so erstaunlicher, dass die eine Hälfte des Duos – Dieter Bohlen – seit gefühlt einhundert Jahren als Juror in Castingshows das Talent anderer beurteilt. Aktuell beglückt uns Bohlen mit seinem künstlerischen Sachverstand in der RTL-Show „Das Supertalent“.
Was wie ein Witz wirkt, ergibt auf den zweiten Blick durchaus einen Sinn. Denn Modern Talking waren kommerziell unglaublich erfolgreich. Allein in den achtziger Jahren verkaufte die Truppe rund 60 Millionen Tonträger. Zu verdanken ist das auch Bohlens damaligem Partner – Thomas Anders. Der steht heute weniger im Rampenlicht, als sein früherer Kompagnon. Eigentlich heißt er auch nicht Thomas Anders, sondern Bernd Weidung.
Am Samstagabend war Weidung alias Anders Gast im ARD-Late-Night-Talk „Inas Nacht.“ Die Sendung gehört zu den Perlen im Ersten. Normalerweise. Gestern erinnerte „Inas Nacht“ an ein Veteranentreffen der letzten Überlebenden einer längst vergangenen Ära. Motto: Opa erzählt vom Krieg. Moderatorin Ina Müller hatte den Schlagersänger Volker Lechtenbrink eingeladen, dessen größter Hit („Ich mag“) jahrelang für eine Malzkaffee-Werbung aufgekocht wurde.
Thomas Anders, eigentlich ein sehr sympathischer Zeitgenosse, ließ uns an seinen Jugendsünden teilhaben. So erfuhren die ARD-Zuschauer, dass er im Alter von neun Jahren gerne Taxi fuhr, am liebsten französisches Toilettenpapier benutzte und sich Veilchenpastillen reinpfiff. Wer hätte das gedacht? So ein Hallodri.
Deutlich spannender waren seine Erinnerungen an Modern Talking. So habe er daran gezweifelt, dass ihr erster Song ein Hit wird. „Ich habe zu einem Rundfunkredakteur gesagt: dieses ‘You’re my heart, You’re my Soul’ will kein Mensch hören, das kannst du in die Tonne kloppen.“ Wahrscheinlich haben diese Ansicht seinerzeit einige Menschen geteilt. Tatsächlich verkaufte sich der Blubber-Pop-Song 1985 allein in den ersten drei Wochen 60.000 mal.
Während Modern Talking weltweit zu Stars wurden, blieb der Erfolg in England aus. „Die haben die Texte verstanden“, sagte Thomas Anders. Der Mann hat Sinn für Selbstironie. Deshalb habe die Plattenfirma Modern Talking durch die Schwulenbars Englands geschickt, wo sie als „The two Gays from Germany“ angekündigt wurden. „Bevor Modern Talking gar nicht funktioniert, verkaufen wir Bohlen und Anders als Pärchen“, erzählte Anders, der damals die Haare schön hatte und mit der einschlägig bekannten Nora Balling verheiratet war.
Gebracht hat die Masche wenig. England blieb ein schwieriges Pflaster für Modern Talking. Bei „Inas Nacht“ durfte Thomas Anders sein 'You’re my heart, You’re my Soul’ noch einmal vortragen. Als ARD-Zuschauer war man spätestens zu diesem Zeitpunkt reif für die Insel.
Autor: Frank Brunner
Bild: NDR/Morris Mac Matzen
