Moskau ordnet Rückzug russischer Truppen aus Stadt Cherson an

Weiterer Rückschlag für die russischen Truppen in der Ukraine: Moskau hat am Mittwoch den Rückzug der russischen Soldaten aus der strategisch wichtigen südukrainischen Stadt Cherson und Teilen der gleichnamigen Region angeordnet. "Beginnen Sie mit dem Abzug der Soldaten", sagte Verteidigungsminister Sergej Schoigu bei einem im Fernsehen übertragenen Treffen mit dem russischen Befehlshaber in der Ukraine, Sergej Surowikin. Kiew erklärte, es sehe "keine Anzeichen" für einen tatsächlichen Rückzug.

Die teilweise von Russland besetzte Region Cherson ist seit Wochen Ziel einer umfassenden ukrainischen Gegenoffensive. Die ukrainischen Truppen haben bereits mehrere Dörfer auf dem Weg zur gleichnamigen Regionalhauptstadt zurückerobert.

Nun sollen sich die russischen Truppen nach Angaben Moskaus vom westlichen Ufer des Dnipro, wo die Stadt Cherson liegt, ans andere Flussufer zurückziehen und dort eine Verteidigungslinie aufbauen. Der russische Befehlshaber Surowikin sprach von einer "schwierigen Entscheidung". Seinen Vorschlag begründete er mit Fürsorge für seine Truppen: "Wir denken in erster Linie an das Leben jedes russischen Soldaten."

Der Befehlshaber versicherte gleichzeitig, die russischen Truppen wehrten die ukrainischen Angriffe erfolgreich ab und hätten der Gegenseite beträchtliche Verluste zugefügt. "Wir leisten erfolgreich Widerstand gegen die Angriffsversuche des Feindes", sagte er. 9500 ukrainische Soldaten seien getötet oder verletzt worden. Die Verluste auf russischer Seite seien sieben bis acht Mal niedriger. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

"Wir sehen keine Anzeichen dafür, dass Russland Cherson kampflos verlässt", erklärte der ukrainische Präsidentenberater Mychailo Podoljak auf Twitter. Er deutete an, Moskaus Ankündigung könne ein Trick sein, und sprach von einer "inszenierten Fernsehansprache".

Der Kreml hatte versucht, den demütigenden Rückzug so lange wie möglich hinauszuzögern. Die Lage war für die russische Armee angesichts der mit modernen westlichen Waffen ausgerüsteten ukrainischen Streitkräfte jedoch immer schwieriger geworden. Vor mehreren Wochen hatte Russland bereits mit der "Evakuierung" von Zivilisten aus Cherson begonnen. Surowikin zufolge wurden rund 115.000 Menschen auf die andere Seite des Flusses Dnipro gebracht. Kiew verurteilte den Schritt als "Deportationen".

Die in den ersten Tagen der Militäroffensive in der Ukraine eingenommene Stadt Cherson war die einzige russisch kontrollierte Regionalhauptstadt und damit Moskaus wichtigste Eroberung. Vor gut einem Monat hatte der russische Präsident Wladimir Putin die Annexion der Region Cherson und dreier weiterer Regionen verkündet.

Mit der Rückeroberung würde die Ukraine einen wichtigen Zugang zum Asowschen Meer zurückgewinnen. Zudem würde die Landbrücke unterbrochen, die Russland mit der 2014 von Moskau annektierten Halbinsel-Krim verbindet.

Ein weiteres Anzeichen für die unübersichtliche Lage in Cherson war der Tod eines hochrangigen Behördenvertreters am Mittwoch. Der von Moskau eingesetzte stellvertretende Regionalchef Kirill Stremussow kam nach offiziellen Angaben bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

Seit der Eroberung von Cherson durch russische Truppen Anfang März war Stremussow einer der eifrigsten Vertreter der Besatzungsmacht gewesen. Er meldete sich oft in Kreml-freundlichen Medien zu Wort und galt als leidenschaftlicher Unterstützer der russischen Militäroffensive in der Ukraine.

In den vergangenen Monaten wurden mehrere von Moskau ernannte Führungskräfte Ziele mitunter tödlicher Angriffe , die der Kreml ukrainischen Geheimdiensten zuschrieb.

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