"Musterklage für Tausende Geschädigte": Opfer betrügerischer Trading-Plattform fordert Schadenersatz von der Großbank ING

Eine Frau aus Deutschland soll über 100.000 Euro an Online-Betrüger verloren haben. Nun geht es um Schadenersatz: Eine Klage richtet sich gegen den Zahlungsdienstleister Payvision und die niederländische Bank ING, die das Fintech ab 2018 schrittweise übernahm. - Copyright: picture alliance / ANP | Robin van Lonkhuijsen/Arne Dedert/picture alliance via Getty Images/Grafik: Business Insider

Sie köderten Anleger mit fabelhaften Renditen. Doch reich wurden mit Trading-Plattformen wie Zoomtrader oder Option888 offenbar nur die Hintermänner. Über fingierte Online-Handelsplätze für Kryptowährungen und Finanzinstrumente wie binäre Optionen sollen sie Hunderte Millionen Euro erbeutet haben. Das mit einem spektakulären Aufwand betriebene Betrugssystem beschäftigt Strafermittler in mehreren europäischen Ländern seit Jahren.

Als Stimme der fünfstelligen Zahl an Opfern hat sich Elfriede Sixt einen Namen gemacht. Sie ist Mitgründerin der European Funds Recovery Initiative (EFRI) aus Wien. Die Anlegerschützer sammeln nicht nur Material gegen die mutmaßlichen Drahtzieher, den als "Wolf von Sofia" bekannten Gal B. und Uwe L., der während der Untersuchungshaft im Saarland verstarb. Sixt und ihre Mitstreiter sind auch überzeugt: Als "Türöffner" für die Online-Betrüger habe über einen längeren Zeitraum der Zahlungsdienstleister Payvision fungiert. Die Firma wickelte Kreditkartenzahlungen geprellter Kunden ab.

Nach Recherchen von Business Insider richtet sich nun eine Schadenersatzklage vor dem Landgericht Konstanz gegen das Fintech, aber auch gegen dessen Mutterkonzern – die niederländische Großbank ING. Sie hatte ab Anfang 2018 das mit 360 Millionen Euro bewertete Unternehmen schrittweise übernommen. Sixt spricht von einer "Musterklage für Tausende Geschädigte in Deutschland", die ihre Lebensersparnisse an die Betrüger hinter den Plattformen verloren hätten.

ING äußert sich nicht zur Klage in Deutschland

Brisant für die Bank: Der "Musterfall" dreht sich um Transaktionen, die nach der Übernahme von Payvision durch die ING erfolgten. Die Geschädigte, eine Frau aus Deutschland, verlor den Anwälten zufolge mehr als 105.000 Euro über die Plattform XTraderFX. Die ING soll ihre Sorgfaltspflichten verletzt und vor dem Einstieg bei Payvision nicht genau hingeschaut haben. So lauten im Kern die Vorwürfe der Klägerseite, zu denen sich die ING auf Anfrage nicht äußert. Noch steht ein Gerichtstermin in dem Zivilverfahren nicht fest, momentan tauschen die Anwälte umfangreiche Schriftsätze aus.

"Payvision hat Cyberkriminellen über Jahre hinweg – auch nach Übernahme durch die ING – die Möglichkeit geboten, Kartenzahlungen in dreistelligen Millionenbeträgen entgegenzunehmen", sagt Sixt. "Wir sind davon überzeugt, dass ohne Zusammenarbeit mit skrupellosen Zahlungsdienstleistern und Banken diese Online-Betrugssysteme in dem gigantischen Ausmaß, wie wir sie jeden Tag sehen, nicht möglich wären."

Rund 300 Opfer krimineller Trading-Websites vertritt EFRI nach eigenen Angaben gegenüber Payvision. Die Schutzorganisation half Privatanlegern bei Zivilklagen in Deutschland und europäischen Nachbarländern. Im Oktober 2021 kündigte die ING an, die Dienste ihrer schillernden Tochterfirma einzustellen.

Geldwäsche-Ermittlungen gegen Payvision in den Niederlanden

Doch die skandalträchtige Akquisition verfolgt das renommierte Kreditinstitut weiterhin – nicht nur wegen der Klage in Konstanz. So ermitteln niederländische Behörden wegen Geldwäscheverdachts gegen Payvision. Dabei soll es um Vorgänge zwischen 2015 und 2020 gehen, wie die ING in ihrem Jahresbericht offenlegte.

Ein Sprecher betont, dass die ING in der strafrechtlichen Untersuchung nicht als Verdächtige geführt werde. Denn sie konzentriere sich "unseres Wissens nach auf Angelegenheiten, die vor der Übernahme durch ING stattfanden". Darüber hinaus sei kürzlich bekannt geworden, dass Personen Klage eingereicht hätten, "die behaupten, von einem Unternehmen betrogen worden zu sein, dessen Zahlungen über Payvision abgewickelt wurden", so der Sprecher. Die ING kommentiere beide Klagen nicht.

Allerdings nimmt die ING für sich in Anspruch, sich nach der Übernahme der Payvision von Kundengruppen getrennt zu haben, "die nicht dem gewünschten Risikoprofil entsprachen", wie der Sprecher erklärt. "Es wurden zahlreiche Schritte unternommen, um das Governance- und Risikoprofil von Payvision weiter an das von ING anzugleichen."

Dass die ING das Geschäft ihrer Tochterfirma einstampfte und die Kunden weiterreichte, wird auch heute nicht mit den Vorwürfen gegen das Fintech begründet. Sondern damit, dass für die Großbank ihre "Ambitionen mit Payvision auf dem sich schnell entwickelnden, wettbewerbsintensiven und kapitalintensiven Markt nicht realisierbar" gewesen seien, wie es aus der Firmenzentrale in Amsterdam heißt.