Mutig und selbstlos: besondere Alltagshelden im Jahresrückblick

Johannes Giesler
·Freier Autor
·Lesedauer: 4 Min.

Die Coronavirus-Pandemie hat unzählige Alltagsheld*innen hervorgebracht: Manche, die ihren Job trotz widrigster Umstände weiterhin ausübten. Andere, die ihren Mitmenschen einfach nur eine kleine Freude bereiten wollten.

Vielen Dank an alle Held*innen der in der Gesundheitsversorgung. Das Schild bedankt sich bei den Menschen, die unzählige Leben dieses Jahr gerettet haben. Foto: Symbolbild / gettyimages / Westend61
Vielen Dank an alle Held*innen in der Gesundheitsversorgung. Das Schild bedankt sich bei den Menschen, die unzählige Leben dieses Jahr gerettet haben. Foto: Symbolbild / gettyimages / Westend61

Manche Alltagsheld*innen tragen Maske: Dazu zählt Dan Boyns aus der britischen Stadt Gillingham, östlich von London. Er hat sich von der Coronavirus-Pandemie nicht unterkriegen lassen und wollte das auch seinen Fahrgästen, er arbeitet als Busfahrer, zeigen. Deshalb absolvierte er im Sommer einige seiner Schichten als Batman verkleidet.

Wie die Regionalzeitung Kentonline damals berichtete, ging Boyns Plan auf. Ein Fahrgast etwa erzählte, dass Boyns immer gute Laune verbreitet habe. Boyns aber wollte als Rächer der Nacht nicht nur die Pandemie einen Augenblick vergessen machen. Er wollte mit seinem Kostüm auch all die systemrelevanten Arbeiter*innen als Held*innen ehren, die er jeden Tag beförderte.

Der Kapitän geht als letzter von Bord

Besonders hervorgetan hat sich im Frühjahr auch Gennaro Arma. Der Kapitän musste in einer absoluten Ausnahmesituation Ruhe bewahren. Denn das war passiert: Auf der „Diamond Princess“, dem Kreuzfahrtschiff unter Armas Kommando, brach im Februar das Coronavirus aus. Weil die japanische Regierung, das Schiff lag damals vor der Küste Japans, Angst vor einer Einschleppung hatte, durften die insgesamt 3.700 Passagier*innen wochenlang das Schiff nicht verlassen.

Wie unter anderem der Stern berichtete, mussten die Menschen zudem die meiste Zeit in den Kabinen verbringen. Deshalb war das Krisenmanagement Armas gefragt. Dessen Reederei adelte ihn im Nachhinein als „Helden“ für seine besonnene Art. Immer wieder meldete er sich mit Durchsagen, verlas Bibelverse oder sprach den Menschen Mut zu. Etwa: „Wenn wir als Familie zusammenstehen, bin ich zuversichtlich, dass wir diese Reise gemeinsam erfolgreich zu Ende bringen werden. Die Welt schaut auf uns. Das ist ein weiterer Grund für uns alle, unsere Stärke zu zeigen.“ Am Valentinstag schickte er sogar Schokolade auf die Kabinen. Am Ende der langen Quarantäne verließ Arma als letzter das Schiff und sagte bescheiden: „Es gab nicht viel zu tun. Meine einzige Aufgabe war es, mich um die Menschen zu kümmern.“

Diamond Princess: Quarantäne auf Kreuzfahrtschiff führte zu mehr Infektionen

Weiter, immer weiter

„Es kann ja nicht alles zum Stillstand kommen. Wir versuchen deshalb, so gut wie möglich weiterhin zu beraten und zu behandeln.“ Das erzählte die Krankenschwester Franziska Walter im April in einem Video der Diakonie Deutschland. Sie ist eine von zahllosen Alltagsheld*innen, von Menschen aus der Pflege und der Gesundheitsversorgung, die besonders am Anfang der Coronavirus-Pandemie ihre eigene Unversehrtheit riskierten, weil sie sich weiterhin um andere kümmern wollten.

Walter arbeitet am Hauptbahnhof Hannover als Krankenschwester im Kontaktladen „Mecki“, einem Schutzraum für Menschen in sozialen Schwierigkeiten. Weil es damals im April nicht ausreichend Schutzkleidung gab, musste die Ambulanz im Mecki schließen. Walter aber arbeitete weiter. Sie behandelte vor der Tür ihrer Ambulanz, auf der Straße, rief Menschen zu sich ran, um Wunden und Symptome zu untersuchen.

Die Kraft der Worte

Jessi Collins aus dem britischen Falmouth glaubt, die Kraft des Schreibens könne Menschen aufrichten. Deshalb fasste die 37-Jährige im März eine Idee: Sie wollte Briefe schreiben, insgesamt 100 – um anderen Menschen damit eine Freude zu bereiten. Also fragte sie auf Instagram, wer eine handgeschriebene Botschaft von ihr möchte. Zahlreiche Menschen meldeten sich. Darunter Wildfremde aus Großbritannien, Irland, Deutschland, Spanien und den USA.

Und so setzte sich Collins hin und schrieb. Über ihre Gefühle und Gedanken während der Pandemie und wie sie mit der Isolation während des damaligen Lockdowns umging. Dem Mirror erzählte sie später: „Es hat mir viel Kraft gegeben, mich anderen anzuvertrauen.“ Und auch manchen Empfänger*innen ging es so. Denn Collins erhielt Antworten: „Viele schrieben, dass sie geweint haben, als sie meine Briefe lasen.“

Schicker Schutz

Im März hat das libysche Modelabel „Fashion House“ kurzerhand einen Teil seiner Produktion umgestellt: Statt schicken Mänteln produzierten die Angestellten fortan medizinische Schutzkleidung. Denn viele Krankenhäuser im Land hatten nicht mehr ausreichend sterile Kittel.

„Auf die Idee gebracht hat uns ein Arzt im al-Jalaa-Krankenhaus in Tripolis“, erzählte damals die 26-jährige Gründerin Najwa Taher Shokriy der BBC. Und dass sie aufgrund der Pandemie ihre Idee, das Label zu vergrößern, hintenangestellt habe. Stattdessen setzte sie alles daran, Schutzkleidung herzustellen. Sechs Mitarbeiterinnen meldeten sich dazu freiwillig. Einige schliefen fortan sogar in der Produktionsstätte, um im Akkord zu arbeiten.

Wir alle können Alltagsheld*innen sein

Alltagsheld*innen: Sie stecken in uns allen – zumindest, wenn man der Bundesregierung glaubt. Denn die hat im November eine Videokampagne veröffentlicht, die genau davon handelt. Dass am meisten hilft, wer derzeit einfach nur zuhause bleibt, Computerspiele zockt oder auf der Couch lümmelt und Serien bingewatcht. Nie war es leichter, heldenhaft zu handeln.

Natürlich sind die Videos, die Menschen fürs Nichtstun zu Held*innen erklärt, mit mindestens einem Augenzwinkern versehen. Aber: Das aktuelle Infektionsgeschehen und die Todeszahlen zeigen, wie wichtig es ist, die sozialen Kontakte auf ein notwendiges Minimum zu beschränken. Deutschland braucht also momentan alle Alltagsheld*innen, die es bekommen kann.

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